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30. November 2005

Tuberkulose – die weiße Pest (Narrenturm 11)

Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm besitzt eine umfangreiche Sammlung von Moulagen, Feuchtpräparaten, Skeletten und verschiedenartigsten Objekten zur Diagnostik und Therapie rund um die älteste Plage der Menschheit, die Tuberkulose. Präparate aus der vorantibiotischen Ära beeindrucken heute nicht nur Laien, sondern auch Fachleute.

Von hirsekorngroßen Miliartuberkel in einer menschlichen Lunge über die unterschiedlichsten Erscheinungsformen der unbehandelten Tuberkulose bis zur schwindsüchtigen Boa constrictor, die in einer Wiener Wohnung gefunden wurde, reicht das Spektrum des im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum Gezeigten. Die Tuberkulose ist neben der Lepra die älteste Infektionserkrankung des Menschen. Sie ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Tuberkulöse Veränderungen an Knochen fanden sich an über 6.000 Jahren alten Skeletten von prähistorischen Menschen, ebenso wie an ägyptischen und südamerikanischen Mumien. Schon Hippokrates bezeichnete die Phthisis, die Schwindsucht, um 460 v. Chr. als eine weit verbreitete, fast immer tödlich verlaufende Krankheit. Aufgrund der verschiedenartigsten Symptome und Krankheitsbilder sah man sie aber lange Zeit nicht als einheitliche Krankheit. Das erkannte man erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Für die typischen Lungenveränderungen bei der Schwindsucht verwendete 1689 der englische Arzt Thomas Morton den Begriff „Tuberkel“. Davon abgeleitet schuf Johann Lucas Schönlein (1793 bis 1864) für diese Krankheit im Jahr 1832 den Begriff Tuberkulose.

Häufigste Todesursache in Europa

Im frühen Mittelalter glaubten die französischen und später auch die englischen Könige, die Tuberkulose durch Handauflegen heilen zu können. Die beste Wirkung erwartete man sich am Tag der Krönung. Da naturgemäß nicht viele in den Genuss dieser Therapie gekommen sein können, blieb die Krankheit noch Jahrhunderte lang eine der häufigsten Todesursachen in Europa. Das Bild von der „romantischen“ Krankheit, wie die Schwindsucht gelegentlich im Roman oder in der Oper dargestellt wurde – etwa in Dumas „Kameliendame“, vertont von Giuseppe Verdi als „La Traviata“, oder Thomas Manns „Zauberberg“ – änderte sich aber bald. Im 19. Jahrhundert war die Tuberkulose, auch „weiße Pest“ genannt, die häufigste Todesursache in Europa. Und meist war es ein wenig romantischer Tod. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war die Schwindsucht die Krankheit der unter schlechten sozialen Bedingungen lebenden Stadtbewohner. Anfänglich glaubte man sogar, dass die Tuberkulose entweder eine Erbkrankheit oder eine soziale Erkrankung sei, also ihre Ursachen nur in den Wohn- und Lebensbedingungen der Menschen lägen. Erst die Entdeckung des Tuberkel-Bakteriums durch Robert Koch im Jahr 1882 beendete die Diskussionen. Der sozialen Komponente kam und kommt bei der Tuberkulose aber große Bedeutung zu. So gelang es allein durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen, lange bevor eine wirksame Therapie oder Impfung zur Verfügung stand, die Erkrankungsraten drastisch zu senken. Auch heutzutage noch erkranken Gutgenährte wesentlich seltener an Tuberkulose als Mangelernährte in schlechten sozialen Verhältnissen.

Entdeckung des Tuberkulins

Neben der Entdeckung des Mycobacterium tuberculosis entwickelte Robert Koch auch das Tuberkulin. Es war sowohl als Impfstoff als auch als Therapeutikum ungeeignet, erlangte aber als diagnostisches Mittel große Bedeutung. Weitere Meilensteine in der Geschichte der Tuberkulose waren die Entdeckung der Röntgenstrahlen 1895, die Einführung der Tuberkuloseschutzimpfung durch Albert Calmette und Camille Guerin im Jahr 1921 und schließlich die Entdeckung des Streptomycins, des ersten gegen das Mycobactium tuberculosis wirksamen Antibiotikums durch Selman Waksman im Jahr 1943. Dafür erhielt er knapp zehn Jahre später den Nobelpreis für Medizin. Trotz aller therapeutischen Möglichkeiten ist die Tuberkulose auch heute noch eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit und weit davon entfernt, ausgerottet zu sein. Multiresistente Stämme des Tuberkelbakteriums nehmen zu, wegen der Immunschwäche im Gefolge von AIDS/HIV gewinnt die Tuberkulose auch in Industrieländern wieder an Bedeutung. Weltweit sterben auch heute noch über zwei Millionen Menschen an Tuberkulose, Tendenz steigend.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 18/2005

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