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14. Dezember 2005

Physiologie als „organische Physik“ (Altes Medizinisches Wien 73)

Die Physiologie in Wien ist untrennbar mit dem Namen Ernst Wilhelm Brücke verbunden. Mit ihm kam die deutsche Labormedizin nach Wien und bewirkte mit der klinischen Wiener Krankenbett-Medizin ein völlig neues medizinisches Denken.

Seine überragende Bedeutung für die Medizinische Fakultät in Wien, die ihn immer als einen ihrer Besten betrachtete, zeigt auch das – verglichen mit den Büsten anderer berühmter Mediziner – auffallend pompöse Denkmal im Arkadenhof der Universität. Bekannt ist, dass ihn Sigmund Freud als seinen Lehrer und Förderer verehrte. Weniger bekannt ist, dass Brücke die damals noch umstrittene Lehre des Ignaz Semmelweis nach Berlin empfahl.

Berufung nach Wien

Als Brücke 1849 dem Ruf nach Wien folgte und zum Professor für Physiologie und höhere Anatomie – so nannte man damals die Histologie – ernannt wurde, beneideten ihn seine preußischen Kollegen. Eine Berufung nach Wien, „wo so viel für die Wissenschaft geschieht“, bedeutete damals viel. Wien war zu jener Zeit dank der streng naturwissenschaftlich anatomisch ausgerichteten Ärzte Rokitansky, Skoda, Hebra und Schuh der „Nabel der medizinischen Welt“. Ernst Wilhelm Brücke kam aus der führenden deutschen physiologischen Schule um Johannes Müller, der als Begründer der modernen naturwissenschaftlichen Physiologie gilt. Ernst Brücke und seine Kollegen Hermann Helmholtz, Emil du Bois-Reymond und Carl Ludwig hatten sich von den romantischen, naturphilosophischen Betrachtungen der Lebensvorgänge verabschiedet und sich geschworen, die Physiologie in eine „organische Physik“ umzuwandeln. Mit Brücke erlangte auch die Physiologie in Wien Weltgeltung.

Klägliches Erbe

Allerdings war das Erbe, das Brücke im April 1849 in Wien antrat, kläglich, sowohl wissenschaftlich als auch materiell. Das gerade ins Josephinum verlegte Physiologische Institut war eine Baustelle. Instrumente und Gerätschaften, die ein experimentelles Institut benötigte waren kaum vorhanden: Ein Mikroskop, eine Brütmaschine und ein Kraftmesser waren alles, was er vorfand. Dafür genoss er vom zweiten Stock des Josephinums einen „romantischen“ Blick auf den Wienerwald, wie er in einem Brief bemerkte. Mit dem Hinweis, dass sein hohes Gehalt zum Fenster hinaus geworfen sei, wenn man ihm nicht die nötigen Apparaturen zur Verfügung stelle, überzeugte er den zuständigen Minister. In kurzer Zeit gelang es Brücke, sich im ehemaligen Bibliothekssaal der Josephinischen Akademie ein Labor mit Mikroskopen, Polarisationsapparaten und den nötigsten Geräten und Apparaten einzurichten. In einer alten Küche entstand ein modernes Labor für organische Chemie. Im Herbst hatte er bereits 114 Hörer und einen Assistenten.

Tiefgreifende Fehde

1854 musste das physiologische Institut in die alte Gewehrfabrik in der Schwarzspanierstraße übersiedeln. Hier gab es zwar etwas mehr Platz und auch Ställe für die Versuchstiere, die räumlichen Gegebenheiten waren aber weiterhin eher bescheiden. Ein einziger Raum diente als Hörsaal und Labor. Wie sein Nachbar in der Gewehrfabrik, der Anatom Joseph Hyrtl, hoffte er zeit seines Berufslebens vergeblich auf einen Neubau des Instituts. Mit Hyrtl, auf dessen Vorschlag ja Brücke nach Wien berufen worden war, kam es hier zu einer tiefgreifenden, wissenschaftlichen und wahrscheinlich auch persönlichen Fehde, die bis zur offenen Feindschaft führte. Hyrtl war ein erklärter Gegner des Tierexperiments und fühlte sich durch die bellenden Hunde des physiologischen Instituts im höchsten Maße gestört und in den Auseinandersetzungen darüber soll es bis zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.
Die Fehde lebt noch heute in vielen Anekdoten, hier eine eher harmlose: Hyrtl fütterte heimlich die Versuchstiere Brückes, die im Experiment nur mit Gelatine ernährt werden sollten, um dann bei Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass die Tiere nicht, wie Brücke glaubte, nur durch Gelatine, sondern durch sein Futter so schön fett geworden seien. Die Auseinandersetzung eskalierte, als Brücke eine Monographie „Über die Selbststeuerung des Herzens“ vorlegte. Brücke behauptete – vom anatomischen Standpunkt aus irrte er hier allerdings wirklich, im Kern erwies sich seine Idee aber als richtig –, dass die Abgänge der Herzkranzgefäße aus dem Sinus valsalvae während der Systole durch die Semilunarklappen verschlossen würden und daher die Durchblutung des Herzmuskels nur in der Diastole erfolgen könne.
Mit unglaublicher Schärfe goss Hyrtl Spott und Hohn über Brücke: „...wenn diesem exakten Physiologen etwas mehr Anatomie und etwas weniger Dünkel zur Seite stünde, so ließe es sich vermeiden, dass die Hand, die gemietet wurde, nach Perlen zu fischen, bis jetzt nur eitel Schlamm mit Regenwürmern aufwühlte.“ Eine peinliche Szene in der Sitzung der Akademie am 7. Dezember 1854, an der auch Studenten teilnahmen.

Wissenschaftliche Großtaten

Tatsächlich aber vollbrachte Brücke in seinen armseligen Räumlichkeiten wissenschaftliche Großtaten. Seine Arbeiten über die physiologische Optik, die Physiologie der Stimme und Sprache, Verdauungsphysiologie, Muskel- und Zellphysiologie machten ihn zum vielseitigsten Physiologen seiner Zeit. Aber diese Vielfalt war auch sein schwacher Punkt. Er besaß nicht die Geduld, die Probleme bis ins kleinste Detail durchzudenken und zu bearbeiten. Durch diese Rastlosigkeit überließ er manche Erfolge anderen. So zum Beispiel die Erfindung des Augenspiegels. Er untersuchte das so genannte Augenleuchten, stellte eine wissenschaftlich richtige Theorie auf und berichtete auch darüber. Wie der spätere Erfinder des Augenspiegels, Helmholtz, bemerkte, war Brücke damals um „eines Haares Breite“ von dieser wichtigen Erfindung entfernt, mit der erstmals der Augenhintergrund betrachtet werden konnte. Neidlos erkannte Brücke an, dass es Helmholtz geglückt war, den Augenspiegel zu erfinden. Aber gewurmt scheint es ihn doch zu haben. Später sagte er einmal bedauernd: „Die größte Dummheit meines Lebens war, dass ich den Augenspiegel nicht erfunden habe.“

Bahnbrechende Arbeiten

Aber als Brücke über das Augenleuchten berichtete, war er vermutlich bereits wieder mit anderen Fragen beschäftigt. Hunderte Rätsel zu den einzelnen Organen und Funktionen des Körpers waren noch zu knacken. Brücke wollte sie alle lösen und in unzähligen Experimenten und Überlegungen zu ihrer Erklärung beitragen. Die unterschiedlichsten Rätsel der Natur fanden sein Interesse. Ein Mikroskop war ihm daher auch in den Ferien stets ein treuer Begleiter. Er publizierte viel und vielerlei. Bahnbrechenden Arbeiten über die Muskelfasern, die er als Erster richtig verstand, die Chemie der Eiweißstoffe, die Blutgerinnung, Studien zur Reizbewegung an der Mimose, eine Methode zum Zuckernachweis in Flüssigkeiten, ein forensischer Blutnachweis, die Entstehung des Pepsins im Magen und die Entdeckung der Gallenfarbstoffe zeigen die unglaubliche Vielfalt seiner Arbeiten. Auf dem Gebiet der Physiologie der Sprachlaute entwickelte er eine „Methode der phonetischen Transscription“, die ermöglichen sollte, eine Sprache zu lernen, ohne sie jemals gehört zu haben. Die Bandbreite reicht über das Bluten des Rebstockes bis zu Untersuchungen über den Farbwechsel und die Bewegung der Zunge des afrikanischen Chamäleons.

Homo universalis

Brücke war der Sohn eines Historienmalers und wollte nach der Matura selbst Künstler werden. Sein Interesse für die Kunst bewahrte er sich sein Leben lang. So versuchte er auch Kunstwerke naturwissenschaftlich zu erforschen. Er konstruierte 1871 einen Labiographen, mit dem er die unterschiedlich betonten Silben in Versen messen konnte, und veröffentlichte eine Arbeit über die „Physiologischen Grundlagen der neuhochdeutschen Verskunst“. Die philologisch-ästhetischen Arbeiten zu Phonetik, Versmaß und Farblehre gingen weit über sein eigentliches Arbeitsgebiet hinaus. In seiner vorletzten Arbeit, erschienen 1891, beschäftigte er sich mit „Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt“. Denn, wie „der Pferdekenner die Fehler in der Gestalt des Pferdes kennt, soll auch der Künstler die Fehler in der menschlichen Gestalt kennen“.
Seine letzte Arbeit „Wie behütet man Leben und Gesundheit seiner Kinder“, in der er sich skeptisch gegen den hygienischen Wert des Badens zeigte, erschien kurz vor seinem Tod. Der „Polyhistor“ Ernst Wilhelm Brücke, einer der letzten „Homo universalis der deutschen Geistesgeschichte“, starb am 7. Januar 1892 an einer Lungenentzündung.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 18/2004

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