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30. November 2005

Ein Ölgemälde für einen Nierenstein (Narrenturm 10)

Unter der Musealnummer 15.074 des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums verbirgt sich der wohl ungewöhnlichste „Obduktionsbericht“ der Wiener Medizi-nischen Fakultät: das Ölgemälde eines Nierenausgusssteines mit Diagnose und Inschrift aus dem Jahr 1687. Es handelt sich hier tatsächlich um den ältesten schriftlichen Nachweis einer pathologisch-anatomischen Obduktion in Wien.

Das zeitlich nächste Protokoll stammt aus dem Jahr 1817. Dazwischen sind überraschenderweise keine schriftlichen Quellen zu Obduktionen bekannt. Die erste Leichenöffnung in Wien datiert auf das Jahr 1404 zurück, aber dabei handelte es sich, wie bei den meisten folgenden – allerdings nicht allzu häufigen – Zergliederungen menschlicher Leichen um anatomische Sektionen, die in erster Linie dem damals aufstrebenden Fach der „Anatomie des Menschen“ dienten. Eine „Pathologische Anatomie“, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht.

Beachtliches Gewicht

Das kleine Ölbild auf Holz kam im Jahr 1969 in die Sammlung des Narrenturms. Es zeigt eindeutig einen Nierenausgussstein von beträchtlichem Ausmaß. Das Gewicht ist in der Legende mit 34 Lot angegeben. Das Lot, auch Loth, ist eine alte kleine Gewichtseinheit, die in allen Quellen als der zweiunddreißigste Teil eines Pfundes angegeben wird. Das Problem ist, dass das Gewicht eines Pfundes vor 1858 zwischen 350 und 562 Gramm schwankte. Der Nierenstein war also 374 bis 597 Gramm schwer. In jedem Fall ein gewaltiger Stein. Dass Mattheus Weinberger, der geistliche Herr aus dem Ordenskonvent der regulierten Chorherrn in der Dorotheergasse – Josef II. löste den Orden auf, an Stelle des Gebäudes steht heute das bekannte Wiener Auktionshaus „Dorotheum“ – obduziert wurde, ist nach Hofrat Prof. Dr. Karl Alfons Portele, dem legendären Direktor des Bundesmuseums im Narrenturm, nicht verwunderlich. Auch der Gründer des Jesuitenordens, Ignazius von Loyola (1491 bis 1556), soll 100 Jahre vorher ebenfalls obduziert worden sein. Portele vermutete auch, dass der als Pestarzt bekannte Paul der Sorbait (1624 bis 1691) oder sein Gehilfe und Schüler Laurentius Wolfstrigel die Öffnung der Leiche durchgeführt hatte. Sorbait war ein großer Förderer des anatomischen Studiums. In Wien fertigten er und Wolfstrigel, dessen Bestellung zum außerordentlichen Professor für Anatomie, Sorbait 1688 durchsetzte, erstmals menschliche Skelette zu Lehrzwecken an.

Der erste Anatom?

Der berühmte Anatom Josef Hyrtl schrieb über Sorbaits anatomische Publikationen: „So schreibt nur der Mann, der mit eigenen Augen gesehen hat“ und Wolfstrigl hielt Hyrtl für „den ersten Österreicher, der den Namen eines Anatomen verdient hat“. Der gewaltige Nierenausgussstein war eine medizinische Sensation. Wahrscheinlich nicht nur für heutige Begriffe, sonst hätte man es wohl nicht der Mühe Wert gefunden, diesen Riesenstein auf einem Ölgemälde mit Legende für die Nachwelt abzubilden. Im Zeitalter des Ultraschalls sind heute selbst Steingewichte bis 100 Gramm extrem selten und kommen praktisch nur bei Patienten aus Ländern mit schlechter medizinischer Versorgung vor. Auch heute würde ein Operateur oder ein Pathologe bei so einem „Mammutstein“ mit Sicherheit zur Kamera greifen und seine „Beute“ bei einem seiner nächsten Vorträge oder in einem Paper stolz präsentieren. Nähere Angaben zum Gemälde sind nicht bekannt. Als sicher darf jedoch angenommen werden, dass der Steinträger, der 67 Jahre alte „geistliche und hochgelehrte Herr Mattheus Weinberger“, am 9. März 1687 an einer Urosepsis verstarb.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 17/2005

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