zur Navigation zum Inhalt
 
14. Dezember 2005

Medicina in Nummis (Altes Medizinisches Wien 72)

Die Universität Wien verfügt über einen Schatz, den „seinesgleichen auf dem ganzen Erdenrund“ niemand hat. So beschrieb der Medizinhistoriker Max Neuburger 1936 die damals weltweit größte Sammlung medizinischer Münzen und Medaillen (Medicina in Nummis) des Triestiner Augenarztes Dr. Joseph Brettauer (1835 bis 1905).

An die 7.000 numismatische Objekte zur Medizingeschichte zählt diese Sammlung. Obwohl praktisch das gesamte 20. Jahrhundert fehlt, ist sie nach wie vor eine der bedeutendsten Privatsammlungen dieser Art. Heute ist die Sammlung im Institut für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien in den prachtvollen Originalschränken untergebracht und wird wissenschaftlich bearbeitet.

Sammlung blieb eine Einheit

Glücklicherweise erging es der „Sammlung Brettauer“ nach dem Tod des Sammlers im Jahre 1905 nicht wie so vielen anderen großen Sammlungen: Sie blieb eine Einheit und wurde nicht stückweise veräußert. Durch eine testamentarisch verfügte Stiftung gelangte die Sammlung in den Besitz der Universität Wien, mit der Auflage, sie zu Studienzwecken zu verwerten und einen ausführlichen Katalog zu erstellen. Zusätzlich zur Verfügung gestellte 10.000 Kronen, das war mehr als das doppelte Jahreseinkommen eines k. k.-Oberingenieurs, sollten dieses Vorhaben finanzieren.

Die Universität war jedoch weder räumlich noch personell in der Lage, widmungsgemäß für die Sammlung zu sorgen. 1928 kam die Sammlung daher in die Obhut des Münzkabinetts im Kunsthistorischen Museum. Da die Inflation mittlerweile das gesamte gewidmete Kapital vernichtet hatte, gelang es erst 1937, einen Katalog der mittlerweile gründlich wissenschaftlich aufgearbeiteten Sammlung zu erstellen. Nach der Erneuerung der ältesten – 1774 in Wien gegründeten, aber seit 1863 verwaisten – numismatischen Lehrkanzel der Welt im Jahr 1965 beschäftigte man sich wieder mit dem Gedanken, die „Brettauer-Sammlung“ auf universitären Boden zurückzuholen. Im Mai 1988 war es endlich soweit. Die Sammlung wurde im Institut für Numismatik in ihren neuen Räumlichkeiten an der ehemaligen Wirtschaftuniversität ausgestellt und widmungsgemäß der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Anlässlich der Rückführung erschien auch ein unveränderter Reprint des in der numismatischen und medizinhistorischen Fachwelt berühmten, aber kaum mehr erhältlichen Katalogs der Sammlung Brettauer.

Facharzt für Augenheilkunde

Joseph Brettauer selbst wurde am 8. Dezember 1835 in Ancona geboren und studierte Medizin in Prag und Wien. An der Universität Wien promovierte er 1859. Seine Ausbildung zum Facharzt für Augenheilkunde erhielt er im Allgemeinen Krankenhaus in Wien bei Ferdinand Arlt, einem weltweit anerkannten Meister der Augenheilkunde. Studienaufenthalte bei den damals berühmtesten Oculisten Europas in Berlin, Utrecht und Paris vervollständigten seine Ausbildung. 1861 übersiedelte er mit den Eltern nach Triest, wo er sich als Augenarzt niederließ. Bald wurde ihm die Leitung der Abteilung für Augenkranke am städtischen Krankenhaus in Triest anvertraut. Diese Stellung behielt er bis zu seiner Pensionierung 1904. Er gründete die Triestiner Ärztegesellschaft, wurde Vizepräsident des k. k. küstenländischen Landessanitätsrats, galt als ausgezeichneter Diagnostiker und bis ins hohe Alter als geschickter, sicherer und eleganter Operateur. Abgesehen von seinen hervorragenden Krankheitsberichten und Statistiken publizierte er kaum wissenschaftlich. Fachkongresse besuchte er aber regelmäßig. Die Heidelberger augenärztliche Gesellschaft ehrte ihn durch die Wahl in ihren Vorstand.

Zielbewusste Sammelleidenschaft

Die letzten 20 Jahre seines Lebens widmete sich der wohlhabende Junggeselle Brettauer neben seiner umfangreichen augenärztlichen Praxis seiner Sammelleidenschaft. Er sammelte neben Bildern und Stichen vor allem Medaillen und Münzen mit Bezug zur Medizin. Diese numismatische Spezialsammlung, an der er oft bis in die Morgenstunden arbeitete, war sein ganzer Stolz. Er sammelte zielbewusst, hielt sich aber nicht sklavisch an den Begriff Medizin, sondern hortete alles, was nur irgendwie in Bezug zur Heilkunde stand. Als leidenschaftlicher Sammler, der auch über ausreichend finanzielle Mittel verfügte, bestellte er, um nicht zu spät zu kommen, auch nachts telegraphisch die Objekte seiner Begierde. Und bei Versteigerungen pflegte er für Raritäten, die er unbedingt haben wollte, kein Ankaufslimit zu setzen.
Das System, nach dem er seine Sammlung geordnet hatte, publizierte er 1894 in den Mittheilungen des Clubs der Münz- und Medaillenfreunde in Wien. Die Redaktion hegte damals den Wunsch, Brettauer möge eine eingehende „Gesammtpublication dieser großartigen modernen Specialsammlung“ ins Auge fassen und es möge dieses Exempel auch bei anderen Sammlern auf anderen Gebieten der modernen Numismatik Anklang und Nachahmung finden. Brettauer machte zwar von 1894 bis zu seinem Tod 1905 noch reiche Beute – die Zahl der Objekte wuchs in dieser Zeit von 3.500 auf 7.000 Stück – zu einer eingehenden „Gesammtpublication“ kam es aber zu seinen Lebzeiten nicht. Durch seine Sammlung und sein Wissen wurde Brettauer zu einem der namhaftesten Numismatiker des 19. Jahrhunderts.

Von der Antike bis zur Neuzeit

Der Bogen der Thematik dieser unschätzbaren Sammlung von Münzen und Medaillen spannt sich von antiken Münzen mit Heilgöttern der Antike über Pesttaler, alchimistische Medaillen, Erinnerungsstücke an Kongresse, Spitäler, Rettungswesen, Krankenpflege, Balneologie und Hygiene bis zu Tod, Bestattung und Reklamemedaillen von Chirurgen, Dentisten, Quacksalbern und Instrumentenmachern. Brettauer hat alle nur denkbaren Randgebiete der Heilkunde in seine Sammlung aufgenommen.

Personenmedaillen von Ärzten

Ein Hauptgruppe in dem von Brettauer selbst entworfenen Schema der Sammlung sind die Personenmedaillen von Ärzten und Naturforschern, die etwa ein Viertel des Bestandes ausmachen. Hier finden sich kostbare Stücke, die die Entwicklung der Medaille und die Kunst und Technik der Medailleure von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert lückenlos dokumentieren. Interessant auf diesen Medaillen ist neben dem Portrait der geehrten Person oft die persönliche Note des Portraitierten und die häufig symbolische, allegorische oder auch realistische Kennzeichnung seines Fachgebietes. So etwa lithotryptische Instrumente bei einem Steinschneider oder ein behandelter Amor, der den Dargestellten als Syphilidologen kennzeichnet. Gedenkmünzen an Ärzte können auch als Hinweis auf ihre Bedeutung oder zumindest öffentliche Bekanntheit gewertet werden. Ein Zusammenhang mit ihrer tatsächlichen wissenschaftlichen Bedeutung besteht aber nicht immer. Eine weitere Gruppe der Sammlung ist der „Pestilentia in Nummis“ gewidmet. Hier finden sich nicht nur Medaillen zum Gedenken an die Pest oder deren Abwehr, sondern auch Stücke, die andere Seuchen und Epidemien wie Cholera, Blattern oder das Gelbe Fieber behandeln.

Medizinhistorisch interessant sind Gedenkmünzen, die an Ereignisse und „unpersönliche Geschehen“ erinnern: Ausbruch und Stillstand von Seuchen, neue medizinische Verfahren, Gründung von Spitälern, Armenhäusern und Asylen. An den Medaillen von medizinischen Gesellschaften und Kongressen spiegelt sich auch die Entwicklung von Sonderfächern und Spezialisierungen in der Medizin wider. Die „Medicina in Nummis“-Sammlung Brettauers ist nicht nur von ihrer Stückzahl her eine der wichtigsten existierenden numismatischen Spezialsammlungen. Den Fachmann besticht sie vor allem durch den hervorragenden Erhaltungszustand dieser „kleinen Kulturdenkmäler aus Metall“ und die hohe Anzahl wirklich seltenster Stücke von höchster Qualität. Eine unglaubliche Fülle von unmittelbarem Quellenmaterial, das hier dem Numismatiker und dem Medizinhistoriker geboten wird. Schöner und sinnlicher kann Quellenmaterial wohl kaum sein.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 17/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben