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30. November 2005

Sectio caesarea in mortua (Narrenturm 9)

Dreidimensionale geburtshilfliche Wachsmodelle sind im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm eher eine Seltenheit. „In den letzten Jahren gelang es aber, unsere geburtshilflichen Exponate durch Ankauf zweier höchst interessanter Schaustücke zum Thema ‚Schnittentbindung’ zu ergänzen“, erklärt Dr. Beatrix Patzak, die Direktorin des Museums.

Naturgetreue geburtshilfliche Wachsmodelle waren lange Zeit als anschauliche Lehrmodelle für Studenten und Hebammen in Verwendung. Ein ausgesprochen seltenes Exemplar eines solchen Lehrmodells ist das Schaustück mit der Musealnummer 32.065 (Abbildung 1). Die gut erhaltene Wachsbossierung einer Schnittentbindung kam aus einer Pariser Privatsammlung nach ­Wien.

Eigenartige Handhaltung des Geburtshelfers

Das Besondere an diesem Modell sind die mit dargestellten Hände des Geburtshelfers. Darstellungen in dieser Art sind äußerst rar. Das Modell zeigt einen weiblichen Torso, aus dem soeben die Hände eines Geburtshelfers den Kopf eines Kindes aus kompletter Fußlage – II. Beckenendlage – entwickeln. Etwas eigenartig ist die Haltung der Hände, wenn man davon ausgeht, dass nur ein Geburtshelfer beteiligt war. Eine derartige Handhaltung wäre nur dann möglich, wenn der Arzt zwischen den Beinen der Patientin gestanden wäre. Eine heute eher ungewöhnliche Position des Operateurs. Im 19. Jahrhundert allerdings stand der Operateur während einer Schnittentbindung, im Gegensatz zu heute, auch auf der rechten Seite der Patientin.

Vermutungen über die Indikation der Sectio

Ob die Hände nun lediglich aus didaktischen Gründen in dieser ungewöhnlichen Position dargestellt wurden, oder ob ein zweiter Geburtshelfer an diesem Kaiserschnitt beteiligt war, soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Das Präparat ist grob datiert auf „um 1800“ und trägt die offizielle Bezeichnung „Accouchement Cesarean“. Über die Indikation zur Sectio lässt sich nichts Sicheres sagen. Dr. Patzak und Prof. Dr. Anton Schaller von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien vertreten jedenfalls in einer Arbeit über die dreidimensionalen Darstellungen der Schnittentbindung über dieses Modell die Ansicht, dass es sich hier wahrscheinlich um eine „Sectio caesarea in mortua“, also eine Schnittentbindung an einer gerade verstorbenen Frau handelt. Um 1800, in der vorantiseptischen Zeit, die häufigste Form der Schnittentbindung.

Schnittentbindung zur Rettung des Kindes

„Die Gebärende starb wegen einer aszendierenden Infektion, die sich während der protrahierten Geburt aus der ungünstigen kompletten Fußlage entwickelte und damit die wahrscheinlichste Indikation zur Schnittentbindung darstellte“, so die Autoren in ihrem Artikelon der Verpflichtung, nach dem Tod einer Schwangeren in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft eine Schnittentbindung zur Rettung des Kindes durchzuführen, kam man erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ab.

Normale Entbindung aus Angst vor dem Scheintod

Aus Angst vor dem Scheintod der Mutter forderte man mehr und mehr eine normale Entbindung auch bei einer Toten. An der I. Gebärklinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien soll Ignaz Semmelweis in seiner Assistentenzeit noch „das Glück gehabt haben, drei Kinder durch den Kaiserschnitt nach dem Tod der Mutter zu retten“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 16/2005

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