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14. Dezember 2005

Schakalköpfe und Schamanenrasseln (Altes Medizinisches Wien 70)

Das Institut für Geschichte der Medizin in Wien besitzt mit dem Department für Ethnomedizin einen – auch international gesehen – einzigartigen zusätzlichen Arbeitsbereich. Hier werden interdisziplinär medizinische Probleme von Bevölkerungsgruppen unterschiedlichster ethnischer und kultureller Herkunft untersucht. Mit Spezialisten für Ethnologie, Afrikanistik und Linguistik wird intensiv kooperiert.

Auch von den meisten Medizinern wird Ethnomedizin mit „Volksmedizin“, also einer primitiven Heilkunde, gleichgesetzt: einer für uns exotischen Heilkunde, geprägt von Medizinmännern, bluttriefenden Hühnern, geheimnisvollen Kräutern, Giften und ekstatischen Trancezuständen. Einer uns völlig fremden Heilkunde, die von der Schulmedizin oft nur deshalb beachtet und beforscht wird, weil man wissenschaftlich unerforschtes Potenzial, etwa in Heilpflanzen, vermutet. Die Ethnomedizin als Wissenschaft ist aber mehr. Sie erforscht und vergleicht Medizinsysteme von Völkern und Kulturen. Sie studiert Heilweisen, erschiedener Kulturen, sammelt Rezepte, analysiert und vergleicht sie. Auch die Auswirkungen des Transfers dieser Heilmittel auf unsere Schulmedizin – und umgekehrt – sind ihr Forschungsgebiet. Fremdartige Praktiken wie Schamanengerassel, Trancezustände und schwarze Magie erlauben dem Ethnomediziner Rückschlüsse auf das medizinische Denken und die heilkundlichen Vorstellungen.

Hilfe im medizinischen Alltag

Der Ethnomediziner wertet nicht. Er sieht sich als wertfreier Wissenschafter, der über Güte und Wirksamkeit therapeutischer Verfahren kein Urteil abgibt. Die wissenschaftliche Ethnomedizin versucht nicht nur exotische Krankheitsvorstellungen und fremde Heilweisen zu beschreiben und zu interpretieren, sondern auch Hilfe im medizinischen Alltag zu geben, etwa für den Umgang mit Patienten anderer Kulturzonen. Praktisch ist dies relevant für all jene, die in unserer globalisierten Welt im medizinischen Bereich tätig sind, und für jene, die an medizinischen Projekten in Ländern der Dritten Welt mitarbeiten. Diese Projekte werden durch die Ethnomedizin erleichtert und manchmal überhaupt erst ermöglicht. Denn sie schafft Verständnis für die Vorstellung von Krankheit und Therapie in diesen Kulturen - wenn die uns in einer hochtechnisierten Gesellschaft auch manchmal als abstrus erscheint. Sie schafft Verständnis für uns unbegreifliche, sonderbare und mitunter unsinnige Vorstellungen, die sonst von der paramedizinischen Szene zum Nachteil einer adäquaten medizinischen Versorgung ausgenutzt würden.

Umfangreichste Literatursammlung

Die Gründung der Abteilung Ethnomedizin 1993 an der Wiener Universität war die erste im deutschsprachigen Bereich und ein Meilenstein für die Entwicklung dieses Fachgebiets. Auf angelsächsischen und französischen Universitäten ist die „Medizinische Anthropologie“ seit Jahrzehnten ein anerkanntes Fachgebiet. Die ethnomedizinische Abteilung im Josephinum befindet sich auf historischem Boden. Bereits 1920, bei der Übersiedelung des Instituts für Geschichte der Medizin ins Josephinum, wurde bei einer Sitzung der Gesellschaft der Ärzte die Gründung eines Instituts für Krankheitsgeographie und -ethnologie gefordert. Schon am Beginn des 20. Jahrhunderts war man sich der Bedeutung der Ethnomedizin für die praktische Medizin bewusst. Das damals erschienene Werk „Vergleichende Volksmedizin“ von Adolf Kronfeld und Oskar Hovorka ist auch heute noch ein wichtiges Kompendium der Volksmedizin unserer Breiten.

Auch Erna Lesky, die Doyenne der Wiener Medizingeschichte, erkannte und förderte dieses Fach-gebiet. Durch ihre Ankäufe von relevanter Literatur trug sie dazu bei, dass heute das Institut, zusammen mit der Teilbibliothek „Ethnomedizin“ der Zentralbibliothek für Medizin in Wien, die umfangreichste Literatursammlung zur Ethnomedizin im deutschen Sprachraum besitzt.

Weltweite Feldarbeit

Ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Tätigkeit der Abteilung Ethnomedizin ist die Feldarbeit. Die Mitarbeiter dieser Forschungsprojekte, liebevoll die „Feldschweine“ genannt, trugen im Lauf der Jahre eine Unmenge von Objekten, praktisch aus der ganzen Welt, zusammen. Ziel dieser wissenschaftlichen Sammeltätigkeit ist es, ein ethnomedizinisches Museum im Josephinum einzurichten. Hervorragende Objekte, mit denen man mehrere Museen ausstatten könnte, wären vorhanden. Fetische für magische Zwecke, Schutzamulette, Schamanenrasseln, die als Werkzeug, um in Trance zu fallen und mit der Geisterwelt in Verbindung zu treten, dienen, finden sich ebenso in der Sammlung wie Ritualkeulen zum Betäuben von Schafen und Ziegen und eine muschelbesetzte Mütze, die bei den Dogons in Mali für Heilbehandlungen gegen Sterilität verwendet wird. Schaukästen zeigen getrocknete Köpfe von Schakalen, Geiern, Krokodilen, Affen und Waranen, die gleichfalls zu Pulver zerrieben und als Droge verwendet werden, ebenso wie Schlangenkörper, Kröten, Chamäleons, Geckos, Tausendfüßler, Seepferdchen und Fische.

So genannte Schlangensteine – analysiert sind das nichts anderes als verkohlte Rinderknochen – werden als „Erste Hilfe“ bei Schlangenbissen auch heute noch in Zentralafrika von einem katholischen Missionsorden vertrieben: „Only for tropical countries against bloodpoisening by bites of snakes, scorpions and other venominous insects“, wie im „Beipackzettel“ für den „black stone“ vermerkt. Die Magie geht aber auch mit der Zeit. Die Sammlung besitzt kuriose Sprays(!) gegen das „Böse“ aus Südamerika – industrielle westliche Technologie zum Schutz gegen schwarze Magie. Im Kleingedruckten wird auf den modern gestalteten Spraydosen, vermutlich aus rechtlichen Gründen, darauf hingewiesen, dass keine übernatürlichen Kräfte in der Dose vorhanden sind. All diese Dinge wurden in den 1990-er Jahren auf Märkten gekauft und werden vermutlich auch heute noch so verwendet. Eine umfangreiche ethnomedizinische Gemäldesammlung gibt Einblick in Praktiken und Aspekte dieser durchaus nicht historischen, magischen Heilkunde.

Kein Geld für ansprechende Präsentation

Objekte aus der ganzen Welt wären vorhanden, ehrwürdige Räumlichkeiten mit einem grandiosen Ambiente ebenfalls und auch entsprechend gewidmet. Allein, es fehlt das Geld, um diese außergewöhnlichen, interessanten Objekte ansprechend zu präsentieren: Objekte einer Heilkunde, die von unserer organbezogenen technokratischen Medizin weit entfernt ist, Gegenstände einer Medizin, nach der aber noch immer ein großer Teil der Menschheit behandelt wird. Nach Schätzungen der WHO bevorzugen 80 Prozent der Bevölkerung in den so genannten Entwicklungsländern traditionelle Heilmethoden. Die Behandlungen sind meist billiger und sie gehen zusätzlich auf die spirituelle und soziale Ebene der Menschen ein. Die westliche Medizin vernachlässigt dies oft. Viele Menschen – zunehmend auch bei uns – fühlen sich daher bei alternativen Heilern besser behandelt, obwohl diese keine Wunderheiler sind und nicht über Wundermittel verfügen.

Es ist die Heilkunde auf einfachstem Niveau, die uns neugierig macht. Die Fähigkeit, ohne ausgefuchste Technik, ohne raffinierte Chemie zu heilen. Eine Fähigkeit, die uns erstaunt, verwundert, manchmal auch befremdet, aber trotzdem fasziniert. Die Schaukästen und Bilder im Vorraum des Instituts im Josephinum und eine kleine Auswahl von Objekten auf der Homepage des Instituts machen Appetit auf mehr. Appetit darauf, diese merkwürdigen, ungewöhnlichen und faszinierenden Objekte möglichst bald in einem entsprechenden Rahmen präsentiert zu bekommen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 15/2004

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