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14. Dezember 2005

Vom einfachen Wartedienst zur geschulten Pflege (Altes Medizinisches Wien 69)

Vereinzelt findet man historische Objekte aus der Geschichte der Krankenpflege in den verschiedensten medizinischen Sammlungen und Museen. Gezielt „in Pflege genommen“ werden diese Objekte jedoch in einer der ältesten Krankenpflegeschulen Wiens, in der Schule des Wilhelminenspitals, Montleartstraße 37 im 16. Bezirk. Sie beherbergt das Krankenpflegemuseum.

Hier werden seit etwa 20 Jahren Pflegebehelfe, Pflegeartikel, Dokumente, Bücher und Fotografien aus der Geschichte der Krankenpflege gesammelt. Durch Überschneidungen des Pflegebereichs mit ärztlichen Tätigkeiten kamen viele interessante Objekte und Instrumente aus fast allen medizinischen Fachrichtungen in die Sammlung. Instrumentenkocher, in denen Instrumente „keimfrei“ gemacht werden konnten, Verbandstoffwickler, Bestrahlungslampen, so genannte „künstliche Höhensonnen“, Inhalatoren, Patientenwaagen, Fieberthermometer und Blutdruckmessgeräte demonstrieren die rasante Entwicklung der Medizintechnik, auch im Bereich der Pflege. Durchaus alltägliche Gegenstände aus dem Spitalsbereich, wie Verbandstoffe, Pflegeutensilien, Katheter, Sauger und Sonden aus Gummi, gehören bereits, nach der flächendeckenden Einführung von Einmalartikeln, zu gesuchten Raritäten. Üblicherweise landeten diese Dinge ja im Müll, da sie kaum jemand als erhaltenswürdige, museale Stücke bewertete.

Vielseitige Sammlung

Eine Zwangsjacke, ein Tropfgefäß für Klysmas, mit dem man über den Enddarm eine künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr versuchte, finden sich ebenso in der Sammlung wie Medikamentenkästchen, emaillierte Waschschüsseln, Bettschüsseln aus Keramik und fahrbare Instrumenten- und Verbandwagen, die an das noch nirostafreie Ambiente von Ambulanzen und Operationssälen erinnern. Exquisite Raritäten der Sammlung sind ein Kopfkühler und Kühler für Herz und Abdomen aus Metall mit einem inneren Schlauchsystem. Nach ärztlicher Anordnung kühlten damit die Pflegerinnen mit fließendem, kaltem Wasser die entsprechenden Körperteile. Schwesterntrachten, Diplome, Broschen, Urkunden, Bücher, Lehrtafeln, Zeitungsartikel und viele seltene historische Fotos, die den Schwesternalltag in Wiens Krankenanstalten zeigen, vervollständigen die Sammlung, deren Objekte aus praktisch allen Spitälern Wiens kommen.

Obwohl die Pflege von Kranken so alt ist wie die Menschheit, beginnt die Geschichte der Krankenpflege als Beruf eigentlich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die als selbstverständlich angesehene Aufgabe, kranke Familienmitglieder zu pflegen – die Pflege als „Liebestätigkeit“ – erwies sich lange Zeit als Hemmschuh bei der Entwicklung zum eigenständigen Berufsstand. Opferbereitschaft, Nächstenliebe, Selbstlosigkeit, Demut und nicht zuletzt die Unterordnung unter den „gottähnlichen“ Arzt gehörten zum Rollenbild der Pflege. So wie der Beruf der Mutter nicht bezahlt werden musste, so wollte man auch die Krankenpflegerin für ihre Dienste nicht entsprechend entlohnen. Die aufopfernde und hingebungsvolle Pflege der Ordensfrauen galt als Idealbild. Noch um 1900 war man vielfach der Ansicht, dass gute Pflege nur aus reiner Nächstenliebe, nicht aber für Lohn möglich sei.

Direktivregeln von Kaiser Josef II.

Mit den „Direktivregeln“, mit denen Kaiser Josef II. 1781 die öffentliche Fürsorge in verschiedene Sparten – Gebär-, Siechen-, Irren- und Krankenhäuser – aufteilte, erreichte er, dass in den Spitälern ausschließlich Kranke aufgenommen und dort nach dem neuesten Stand der Wissenschaft medizinisch behandelt wurden. Und noch etwas erreichte er. Ein neuer Berufsstand entstand: die Wartepersonen. Im Allgemeinen Krankenhaus in Wien, eröffnet 1784, standen für 2.000 Kranke in 111 Krankensälen 140 Wärterinnen und Wärter zur Verfügung. Ihre Tätigkeit bestand aus Belüften und Beheizen der Krankenzimmer, die Einrichtung in Ordnung halten, Putzen, Tauschen des Bettzeugs und Arzneien aus der Apotheke holen.

Die Wartepersonen kamen aus den niedrigsten sozialen Schichten, hatten Dienstbotenstatus und mussten unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Die tägliche Arbeitszeit betrug 24 Stunden, während der Nacht schliefen sie in einem Verschlag in den Krankensälen. Auch nach dem Dienst konnten sie bei Bedarf für weitere Dienstleistungen herangezogen werden. Hin und wieder gestand man ihnen einen freien Nachmittag zu. Sie waren schlecht bezahlt, körperliche Züchtigung war als Strafe erlaubt, kam allerdings nicht zur Anwendung. Geldstrafen waren bei Dienstvergehen an der Tagesordnung. Das Wartepersonal musste seine Aufgaben ohne Vorkenntnisse und Einschulung verrichten. Dementsprechend schlecht war die Betreuung der Kranken. Von dem, was wir heute unter Krankenpflege verstehen, war ihre Tätigkeit meilenweit entfernt.

Bedarf an ausgebildetem Pflegepersonal stieg

Ab 1796 gab es auch für männliche Patienten im Allgemeinen Krankenhaus Wärterinnen. Die geschlechtsspezifische Pflege, die es bis dahin wie in der Ordenspflege gegeben hatte, wurde verlassen. Ab diesem Zeitpunkt pflegten, mit Ausnahme der Irrenpflege, fast nur noch Frauen. Reinigungsarbeiten und die Verpflegung der Kranken waren ihre Hauptaufgaben. Erst nach und nach entwickelten sich die Wärterinnen zu Pflegerinnen und Gehilfinnen der Ärzte.

Mit der rasanten Entwicklung der Medizin und des Krankenhauswesens im 19. Jahrhundert stieg der Bedarf an ausgebildetem Pflegepersonal am Krankenbett, nicht zuletzt um die Ärzte für Forschungstätigkeiten und wissenschaftliche Arbeit frei zu spielen. Bereits 1812 gab es auf universitärer Ebene Schulungen für den Wartedienst mit praktischen Übungen. Die Vorlesungen waren am Sonntag und konnten freiwillig und nur außerhalb der menschenunwürdigen und ohnehin kaum geregelten Dienstzeiten besucht werden. Verwunderlich ist es daher nicht, dass das Wartepersonal kaum Interesse an diesen Vorträgen zeigte.

Die Aufgaben der Pflege wurden aber immer anspruchsvoller. Es genügte jetzt nicht mehr der „Liebesdienst“, die karitative Pflege, wie sie von Klosterfrauen seit Jahrhunderten ausgeübt wurde, man benötigte gut ausgebildete Pflegepersonen, die auch befähigt waren, medizinische Maßnahmen zu verstehen und zu unterstützen. Die verachtete Lohnpflege sollte zum gesellschaftlich anerkannten Beruf werden.

Billroth war einer der Ersten, der erkannte, dass der Erfolg seiner Arbeit zu einem großen Teil von der Qualität der Pflege abhing. 1882 gründete er im Rudolfinerhaus nach dem Vorbild der „Nightingale-Schulen“ die erste Krankenpflegeschule Wiens. Erst 1904 gelang es, im Allgemeinen Krankenhaus das Pflegerinneninstitut die „Blauen Schwestern“ zu etablieren. Genannt wurden sie so wegen ihrer blauen Tracht, die sie vom schwarzen Habit der Klosterfrauen abgrenzte. Aus diesem Institut entstand schließlich 1913 die erste Krankenpflegeschule im Allgemeinen Krankenhaus. Die Verordnung des Innenministers vom 25. Juni 1914 verankerte endlich die Krankenpflege auch rechtlich als Beruf und wertete sie damit gesellschaftlich auf. Materiell und sozial abgesichert wie die Ordensfrauen – die lebenslange Versorgung durch das Mutterhaus war ihnen garantiert – waren die weltlichen Pflegerinnen aber noch lange nicht. Auf die Belohnung im Jenseits, einer geistigen Haltung, die den Klosterfrauen anerzogen war und die den Spitalserhaltern nicht ungelegen kam, wollten die weltlichen Schwestern aber nicht warten. Und obwohl es als nicht „anständig“ galt, in der Pflege über Geld zu sprechen, erkämpften sich die Schwestern allmählich einen Lohn „so hoch, dass sie sich knapp erhalten konnten“. Sie waren zwar weiterhin schlechter gestellt als „einfachste Dienstboten“ und „eine Kuhmagd auf dem Lande“, aber sie durften nach Abschluss der zweijährigen Ausbildung eine „Ehrendekoration“, die „Brosche“, tragen.

Neues Selbstbewusstsein

Nach dem I. Weltkrieg entstand endlich eine selbstbewusste Berufsgruppe: die diplomierte Krankenschwester und der diplomierte Pfleger. Als „medizinischer Hilfsdienst“ konnte sich die Pflege aber auch im 20. Jahrhundert nicht wie in anderen Ländern zu einer selbständigen Berufsgruppe entwickeln. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann sich der Pflegeberuf neu zu definieren und sich als eigenständigen Berufszweig zu sehen. Das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz von 1997 brachte dann die volle Anerkennung als eigenverantwortlicher Beruf. Meilenstein in dieser Richtung waren die Gründung des Instituts für Pflege- und Gesundheitssystemforschung an der Linzer Universität 1992 und zuletzt die Zulassung des Studiums der Pflegewissenschaften in Wien ab 1999. Eine Entwicklungsphase, die erst begonnen hat und noch lange nicht abgeschlossen ist.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 13/2004

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