zur Navigation zum Inhalt
 
30. November 2005

Rachitis und Sectio (Narrenturm 5)

Eindrucksvoll sind die Auswirkungen der Rachitis, einer heute extrem seltenen Vitamin D-Mangelerkrankung, auf dem Präparat im Narrenturm mit der Originalnummer 488. Es ist das Skelett einer etwa 35-jährigen Frau. Über 100 Jahre sollten nach der Einsendung dieses Präparates an das pathologisch-anatomische Museum noch vergehen, bis man halbwegs den Mechanismus der Erkrankung verstand.

Obwohl neueren medizinhistorischen Untersuchungen zufolge bereits die Neandertaler - vermutlich wegen der zunehmenden Dunkelheit während der Eiszeit - an Knochenerweichung litten und auch bei Hippokrates und Galen Beschreibungen der Rachitis zu finden sind, erfasste die Medizin das Krankheitsbild als medizinisches Phänomen erst im 17. Jahrhundert. Der Engländer Francis Glisson beschrieb 1645 als Erster die Krankheit und ihre Symptome und prägte den Begriff „Rachitis“. Damals war die Rachitis noch selten und eher eine Krankheit der besseren Gesellschaftsschichten, vielleicht sogar die erste „Modeerkrankung“, weil die schwere und üppige Barockkleidung, nahezu jegliche Sonneneinstrahlung abhielt.

Vom Leiden der Reichen zur Plage für die Armen

Mit Beginn der industriellen Revolution, mit Kinderarbeit im Bergwerk, miserablen hygienischen Verhältnissen, schlechter Ernährung und dem Verlust des Sonnenlichtes durch den Smog in den Industriestätten, verbreitete sich die Krankheit sprunghaft und wurde zu einer Plage vor allem der ärmeren Schichten in ganz Europa. Die Symptome der „englischen Krankheit“ waren leicht zu erkennen. Die Knochen der Kinder waren weich, die Säuglinge lernten nur langsam sitzen, kriechen und gehen und wenn sie dann gingen, bogen sich die weichen Knochen zu X- oder O-Beinen. Manchmal auch zu extremen X- und O-Beinen, wie die unteren Extremitäten des rachitischen Skeletts einer Zwergin, einer weiblichen pumila, wie das Präparat in der Originaleintragung im Journalbuch heißt. Die etwa 35 Jahre alte Frau war nur 104 Zentimeter groß und starb drei Tage nach einer Schnittentbindung, die man offensichtlich durchgeführt hatte, um das Kind zu retten. Eine normale Geburt war wegen des verengten Beckens unmöglich. Den Uterus der „pumila“, mit dem in der Mittellinie geführten Längsschnitt, einer Technik, die der französische Geburtshelfer Francois Ange Deleurye um 1770 empfahl und die nach ihm benannt ist, entdeckte die Direktorin der Sammlung Dr. Beatrix Patzak im Fundus des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums unter der Originalnummer 491.

Vater der „sanften Geburt“

Als Einsender der beiden Präparate ist im Journalbuch Johann Lucas Boer (1751 bis 1835) genannt. Boer leitete, persönlich ernannt von Kaiser Josef II., ab 1789 die Abteilung für arme Wöchnerinnen im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Er gilt heute als ein Begründer der „sanften Geburt“, da er in der Geburt - im Gegensatz zu anderen prominenten Geburtshelfern seiner Zeit - einen physiologischen Vorgang sah, der die Hilfe des Arztes eigentlich nur selten benötigt. Unter Johann Lucas Boer erlangte die Wiener geburtshilfliche Schule Weltruhm. Das Gebärhaus im Allgemeinen Krankenhaus entwickelte sich unter seiner Leitung zu einem Wallfahrtsort für Ärzte und Hebammen aus der ganzen Welt. 1808 beförderte man den Geburtshelfer Boer zum ordentlichen Professor und begründete damit die Geburtshilfe als eigenständiges Fach in Österreich. In einer Zeit ohne Narkose und ohne Asepsis hatte die Schnittentbindung zumeist eher den Charakter einer Hinrichtung als den einer medizinischen Hilfe für die Gebärende. Man kann sich gut vorstellen, wie schwer es gerade Boer gefallen sein mag, die Zwergin zu sektionieren. Noch dazu da Boer, der sich zu operativen Eingriffen nur im extremsten Notfall entschied, immer das Leben der Mutter höher bewertete als das des Kindes.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 12/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben