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14. Dezember 2005

Furchtloser Kämpfer gegen die Pest in Wien (Altes Medizinisches Wien 67)

Der erste Amtsarzt und Seuchenhygieniker in Wien, Paul de Sorbait, kämpfte nicht nur gegen die Pest. Auch Aberglauben, Kurpfuscher und die Türken vor den Toren Wiens waren seine Gegner. Mit der "Öbrigkeit" kämpfte er so manchen Strauß aus. Sein Satz "... wann Gott ein Land strafen will, so verblendet er die Öbrigkeit" hat auch noch 300 Jahre später Gültigkeit.

Paul de Sorbait (1624 bis 1691), in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der berühmteste Arzt in Wien, kämpfte im Lauf seines Lebens mehr als einmal gegen den Untergang Wiens. Aberglauben und Zauberei bekämpfte er ebenso mit Erfolg wie Obrigkeiten und andere Widrigkeiten. Energisch ging er als Dekan der medizinischen Fakultät gegen Kurpfuscher, Apotheker und Ärzte, die gegen die Standesvorschriften verstießen, vor. Als Kommandant eines Freicorps der Universität kämpfte er während der Türkenbelagerung Wiens 1683 gegen die Truppen Kara Mustaphas.

Alle diese Feinde waren aber irgendwie fassbar und konnten mit Waffen oder zumindest mit den Waffen des Geistes oder des Gesetzes bekämpft werden. Gegen jenen Feind, der die Bevölkerung Wiens damals mehrmals heimsuchte und furchtbarer wütete als alle Kurpfuscher und Türken zusammen, war aber auch Paul de Sorbait weitgehend machtlos: gegen die Pest, als deren "furchtloser Bekämpfer" er in die Geschichte der Heilkunde eingegangen ist.

Gewaltige Zahl an Pesttoten

Die Zahl der Toten, die die große Seuche von 1679 in Wien forderte, schwankt gewaltig. Zeitgenossen wie der Prediger Abraham a Sancta Clara sprechen von "fast" 70.000 Toten und Schriftstücke aus dem Harrachschen Archiv und dem Stiftsarchiv Klosterneuburg gar von etwa 140.000 Opfern. Heute halten Historiker eine Zahl von "nur" etwa 12.000 bis 25.000 Pesttoten für wahrscheinlicher. Dies ist allerdings immer noch eine gewaltige Zahl für eine Stadt wie Wien, in der damals etwa 80.000 Menschen lebten.

Hätte die Obrigkeit Sorbaits Ratschläge zur Abwehr und Bekämpfung der Pest ernster genommen und nicht, aus finanziellen Gründen, abgelehnt, wäre die Zahl der Opfer wesentlich geringer. Denn, wie Sorbait feststellte: "es ist doch eine aeterna veritas, wann Gott will ein Land strafen, so verblendet er die Öbrigkeit."

Studium in Padua und Wien

Geboren wurde Sorbait am 25. Jänner 1624 in Montbliard im heutigen Belgien. Er studierte zunächst in Köln und Paderborn Philosophie und später in Wien und Padua Medizin. An der damals hervorragenden Universität von Padua, berühmt vor allem durch die hier betriebene Anatomie und Chirurgie, promovierte er 1652 zum Doktor der Medizin. Im gleichen Jahr kam er nach Wien und erhielt hier Sitz und Stimme im "Wiener Medizinischen Doctoren-Collegium".

Sorbait begann seine Karriere als ordinierender Arzt im Bürgerspital. In dieser Zeit zeichnete er sich bereits als Pestarzt aus, wozu er damals in Wien reichlich Gelegenheit hatte. Bereits 1655 ernannte man ihn zum Professor der theoretischen Medizin und 1666 übernahm er die Lehrkanzel für praktische Medizin an der Universität Wien.

Obwohl Wien seit 1369 regelmäßig von Pestepidemien heimgesucht wurde, gab es kaum ernsthafte Versuche, die Seuche abzuwehren. Es erschienen zwar Pestordnungen und seit 1540 gab es in Wien auch eine Art Seuchenpolizei, einen magister sanitatis, der, zu Zeiten der Pest, der Behörde die Ratschläge der medizinischen Fakultät zur Bekämpfung der Seuche übermitteln sollte.

In Wirklichkeit beschränkte sich seine Tätigkeit aber darauf, Pestkranke zu besuchen und Anordnungen der Behörde zu vollstrecken. Das Amt war miserabel bezahlt und außerdem höchst gefährlich. Wenn der magister sanitatis schon nicht selbst an der Pest starb, so konnte es vorkommen, dass er glatt verhungerte, wie Christoph Plöchinger 1664, weil man ihm jahrelang sein Gehalt nicht bezahlte. So war es kein Wunder, dass sich kaum ein Arzt freiwillig fand, um diesen Posten zu bekleiden.

Wie es um die hygienischen Zustände in Wien stand, zeigt ein Befehl aus der Managetta-Sorbaitschen Pestordnung: "Daß Erstens kain Bluet, Eingewaid, Krebs, Schnecken, Ayrschallen oder anderer Unflat auff denen Gassen oder Plätzen außgegossen; in gleichen kain todte Hund, Katzen oder Geflügel auf die Gassen geworffen, sondern ain und anders aus der Stadt hinauß getragen werde." Drastischer lässt sich die Kehrseite des prunkvollen Barock wohl kaum schildern. 1678 kam die Nachricht, dass die Pest bereits in Ungarn wüte. Die warnenden Worte Sorbaits wollte zu diesem Zeitpunkt noch keiner hören. Sorbait hatte erkannt, dass Wien immer durch den ungarischen Seuchenherd angesteckt wurde. Man ordnete zwar erhöhte Reinlichkeit, Meldepflicht und die Wahl eines magister sanitatis an, schien sich aber um die Befolgung der Anordnungen nicht viel gekümmert zu haben.

Noch Anfang 1679 hatte Sorbait Mühe, seine Kollegen, das "Consilium sanitatis", die Gesundheitsbehörde - der zum damaligen Zeitpunkt kein Arzt angehörte und die immer mit der medizinischen Fakultät im Streit stand - davon zu überzeugen, dass es sich bei der "hitzigen Krankheit", die bereits gehäuft auftrat, um die Pest handelte. Eine kaiserliche Verordnung, die Menschenansammlungen streng untersagte, wurde ebenfalls ignoriert. Gesandtschaften mit großem Gefolge kamen in die Stadt, das Volk strömte zusammen und ergötzte sich an den goldstrotzenden Karossen. Die Seuche war nun nicht mehr aufzuhalten. Die Ärzte standen ihr hilflos gegenüber.

Erster Amtsarzt Österreichs

Sorbait kam trotz heftigen Widerstands als einziger Fachmann ins "Consilium sanitatis" und wurde damit der erste Amtsarzt Österreichs. Besiegen konnte er die Pest aber auch nicht. Er konnte höchstens versuchen, die weitere Ausbreitung zu verhindern. Viel mehr als im Mittelalter konnte man fast dreihundert Jahre später für die Patienten auch noch nicht tun. Der Infektionsweg über den Floh war nicht bekannt. Sorbait vermutete eine Übertragung durch einen "giftigen anklebenden Pestfunken" der durch direkte Berührung, durch Atmung und Ausdünstung übertragen wurde. Als Therapie empfahl er häufiges Glockenleuten: "Da unbewegte Luft ebenso wie stehendes Wasser fault, empfiehlt es sich, bei Windstille eine künstliche Bewegung zu erzeugen, und zwar durch das Läuten der Glocken." Tollkühn behandelten Sorbait und zwanzig weitere Pestärzte die Wiener Bevölkerung. In abenteuerlichen Vermummungen, mit Schnabelmasken, die mit Kräutern gegen den Pest-hauch gefüllt waren, Augengläsern und einem Zeigestock versuchten sie sich gegen die Pest zu schützen. Vergeblich, sechs von ihnen starben. So dokterten sie herum, Pestilenzbalsam auf die Pulse, Einläufe, Aderlässe und Schröpfen waren kaum wirksamer als Gebete und Dreifaltigkeitssäulen.

"Ganz Wien war nur noch ein einziges Lazareth. Die Gräber kaum gemacht, waren gleich gefüllt. Der Tod hielt auf Straßen, Plätzen und in den Häusern Ernte... Man sah das ganze Monat um Wienn und in Wienn nichts als Todte tragen, Todte führen, Todte schlaifen, Todte begraben...". Ein apokalyptisches Grauen.

Bittprozessionen zur Dreifaltigkeitssäule am Graben

Am Beginn der kalten Jahreszeit errichtete die Bevölkerung Wiens in der Innenstadt am Graben eine hölzerne Pestsäule, die dann 1687 bis 1692 durch eine aus Marmor ersetzt wurde. Bittprozessionen zu dieser Dreifaltigkeitssäule halfen dann tatsächlich. Der Himmel schien sich zu erbarmen und zog das Strafgericht Gottes zurück.

Tatsächlich erbarmte sich aber natürlich weniger der Himmel, sondern die Flohbiologie tat ihre wundersame Wirkung. Der Überträger des Pestbazillus von der Ratte auf den Menschen erstarrt bei Temperaturen um 10 Grad Celsius. Mangels Überträger erlosch die Seuche dann allmählich.

Im April 1691 starb Paul de Sorbait an einem Schlaganfall. Begraben wurde er "mit großem Geläut" am Stefansfreithof. Ein Epitaph im Stephansdom erinnert an diesen furchtlosen Bekämpfer der Pest.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 11/2004

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