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30. November 2005

Ein Knochenmessgerät vom Erfinder des Automobils (Narrenturm 3)

Jahrzehntelang übersehen, fand sich im Narrenturm in Wien ein Messgerät, das der geniale Erfinder Siegfried Marcus für den berühmten Pathologen Carl Freiherr von Rokitansky konstruiert hatte. Rokitansky vermaß damit knöcherne Schädel. Wie er das Gerät, von dem heute allerdings einige Zusätze fehlen, verwendete, ist mittlerweile ein Rätsel.

Ende der 1940er Jahre fand der legendäre Direktor des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums, der Pathologe Dr. Karl Alfons Portele (1912 bis 1993), ein recht technisch anmutendes Gerät im pathologisch-anatomischen Museum. Damals war das Museum noch im Neuen Pathologischen Institut des Allgemeinen Krankenhauses in der Spitalgasse untergebracht. Portele, auch heute noch geistig als der „Hofrat“ im Turm fast omnipräsent, entdeckte das Objekt in einer Holzkiste, die lange Zeit als Untersatz für ein anderes Schauobjekt gedient hatte. Eine Inventarliste des Instituts gab es damals nicht und auch kein Angehöriger des Instituts wusste etwas über den Inhalt dieser Kiste.
Bei dem Gerät, das heute die Musealnummer 9505 trägt, handelt es sich im Prinzip um zwei rechtwinkelig miteinander verbundene metallische Maßstäbe mit Zentimetereinteilung. Die Maßstäbe sind beweglich, können aber mit einer Schraube fixiert werden. Auf den Maßstäben befinden sich mit ebenfalls beweglichen Metalldornen bewaffnete Gleitstücke, die auch fixiert werden können. Zwei Gleitstücke sind außerdem mit einem Schwenkarm versehen. Das Gerät aus Messing und Stahl ist auf einer Holzplatte montiert. Portele hielt dieses Gerät für ein Messgerät für mazerierte Crani, zu Deutsch, knöcherne Schädel. Interessant ist die Gravur auf einer Messingplatte an der Verbindung der beiden Maßstäbe: „Construxit Siegfried Marcus Wien“. Der geniale Erfinder und Mechaniker Siegfried Marcus kam 1853 nach Wien und gründete hier eine mechanische Werkstätte in der Mariahilfer Straße. Insgesamt 38 Erfindungen ließ sich Marcus patentieren. Bekannt ist er aber vor allem als der – ein wenig umstrittene – Erfinder des Automobils. Deutschland reklamiert nämlich „ihren“ Carl Benz als den Erfinder des Autos für sich, dabei baute Benz sein Fahrzeug erst 1886.

Umstrittene Geburtsstunde des Automobils

Marcus dagegen konstruierte seinen ersten „schienenungebundenen Selbstfahrer“, einen Zweitakter, bereits 1864. 1875 machte er mit dem weltweit ersten Wagen mit Benzinmotor und magnetisch-elektrischer Zündung, also mit Fug und Recht dem ersten Automobil, die Mariahilfer Straße unsicher. Marcus hatte als Physiklehrer des Kronprinzen Rudolf auch gute Beziehungen zum Hof. Den Kaiser konnte er von seinem Automobil allerdings nicht überzeugen. 1898 starb Marcus in Wien. Marcus Tätigkeit als Mechaniker in Wien überschneidet sich mit den Daten des berühmten Pathologen Carl Freiherr von Rokitansky (1804 bis 1878). Rokitansky war von 1833 bis 1874 Vorstand des Pathologisch-anatomischen Universitätsinstituts in Wien. In diese Zeit fiel auch die Gründung der „Anthropologischen Gesellschaft in Wien“, einer Wissenschaft, die sich damals unter anderem auch mit Schädelformen und deren Vermessung intensiv beschäftigte. Rokitansky war ab 1870 Präsident dieser Gesellschaft. Auf Grund dieser Indizien vermutete „der Hofrat“, dass es sich bei diesem Instrument um ein Messgerät handeln könnte, das Siegfried Marcus für den Pathologen Rokitansky konstruiert hatte.

Anthropologie als neue ­Wissenschaft

Jahre später erhielt er durch einen Besucher des Museums, dem ehemaligen Ordinarius für Gerichtsmedizin Fritz Reuter (1875 bis 1959), der 1938 aus Österreich vertrieben worden war, die Bestätigung seiner Vermutung. Reuter wiederum hatte diese Information von Alexander Kolisko (1857 bis 1918), der Ordinarius für Gerichtsmedizin und ab 1916 Vorstand des pathologisch-anatomischen Universitätsinstituts und damit auch Vorstand des Museums in Wien war. Reuter wusste allerdings auch nicht, wozu und vor allem wie Rokitansky dieses eigenartige Messgerät verwendet hatte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 10/2005

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