zur Navigation zum Inhalt
 
21. Oktober 2005

Mediziner, Zeichner, Moulageur (Narrenturm 2)

Am 27. Februar 1852 stellte Dr. Anton Elfinger einen Antrag an das Professorenkollegium der medizinischen Fakultät der Universität Wien. Darin ersuchte er, „das löbliche Collegium wolle die Verabfolgung von 50 Gulden (heute etwa 750 Euro) als Entschädigung für Materialien und Ausstellungskosten (...) der 2 Wachspräparate beantragen“. Beide Moulagen befinden sich heute im Narrenturm.

Im Anhang beschrieb der seit 1849 probeweise als medizinischer Zeichner an der Universität angestellte Elfinger die Präparate: „eine Missbildung in Wachs possiert und ein Lupus faciei in Wachs possiert“. Bei der Missbildung handelt es sich um eine extrem seltene Sirenenmissbildung ohne Kopf und beim Lupus faciei um eine besonders schöne Moulage einer jungen Frau, die Elfinger für den Begründer der Dermatologie in Wien, Ferdinand von Hebra, „behufs seiner Vorlesungen“ hergestellt hatte. Das außerordentliche zeichnerische Talent Anton Elfingers (1821 bis 1864) zeigte sich bereits früh. Der Sohn eines Apothekers in Wien soll bereits mit 13 Jahren Unterricht bei einem bekannten Wiener Maler bekommen haben. Nach der Matura begann Elfinger ein Kunststudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Mit seinem Lehrer auf der Akademie, dem Biedermeiermaler Leopold Kupelwieser, blieb Elfinger auch noch später in Kontakt. Der frühe Tod seines Vaters verschlechterte seine finanzielle Lage. Auf Bitten seiner Mutter wechselte er vom Kunststudium zur Medizin. Am 6. August 1845 promovierte Elfinger zum Doktor der Medizin.

Pseudonym „Cajetan“

Das Zeichnen gab er aber auch während seines Medizinstudiums nicht auf. Ab etwa 1842 war er nicht nur einem kleinen Kreis als genialer medizinischer Zeichner, sondern allgemein in Wien als politischer Karikaturist, Illustrator und Entwerfer von Tarockkarten unter dem Pseudonym „Cajetan“ bekannt. Seine Spezialität waren unter anderem Bilderrätsel, so genannte Rebusbilder, die im Biedermeier sehr beliebt waren. Als „Cajetan“ oder „Cjt“ nahm er regen Anteil an der Revolution von 1848 und unterstützte sie auch mit satirischen Zeichnungen und Bildern. Mit der Niederschlagung der Revolution und der verschärften Zensur kam allerdings auch sein Ende als politischer Karikaturist. Elfinger alias „Cajetan“ verlagerte nun sein Arbeitsgebiet als Zeichner fast ausschließlich auf seine Tätigkeit als medizinischer Illustrator. Er war zu dieser Zeit Sekundararzt an der Klinik Hebra. Hebra schreibt in seinem Vorwort zum „Atlas der Hautkrankheiten“, dass sein Wunsch, für Vorlesungen und Demonstrationen naturgetreue Abbildungen zu besitzen, durch die „seltene Kunstfertigkeit und Bereitwilligkeit meines Freundes und Collegen Dr. A. Elfinger alsbald realisiert werden konnte, der seit dem Jahr 1843 jeden interessanten Fall (...) nach der Natur in Lebensgröße zeichnete (...) und so vervollkommnete, dass er Bilder von Hautkrankheiten ausführte, welche alles bisher Gegebene an Naturtreue und künstlerischer Ausführung übertrafen“.

Plastische Arbeiten

Neben seinen medizinischen Zeichnungen waren auch Elfingers plastische Arbeiten von höchster Qualität. So etwa die vorgestellte Moulage des Gesichts einer jungen Frau mit starkem Befall von Lupus vulgaris, der häufigsten Form der Hauttuberkulose. Die zerstörerischen und verstümmelnden Narben und Atrophien der abgeheilten Geschwüre gaben der Krankheit (Lupus = Wolf) ihren Namen. Das Krankheitsbild, heute würde man es Lupus vulgaris hypertrophicus nennen, ist auf der Moulage „Lupus faciei“ in höchst realistischer Form in natürlicher Größe dargestellt. Die auffällige künstlerische Stoffdrapierung der Moulage erklärt sich eventuell aus Elfingers Studium an der Kunstakademie. Sie erinnerte Medizinhistoriker an spätmittelalterliche deutsche und italienische Malerei, an einen Stil, von dem sich die Künstlergruppe der „Nazarener“ am Beginn des 19. Jahrhunderts inspirieren ließ. Leopold Kupelwieser, Elfingers Lehrer auf der Akademie in Wien, vertrat diese Kunstrichtung. Vermutlich hat Anton Elfinger mit seinen Illustrationen für die Lehrbücher und wissenschaftlichen Arbeiten von Hyrtl, Hebra, Brücke, Rokitansky und Türck nicht unwesentlich zum Ruhm der Wiener medizinischen Schule beigetragen. Trotzdem ist er heute fast völlig vergessen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 9/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben