zur Navigation zum Inhalt
 
14. Dezember 2005

Heilen als höchstes Ziel des Arztes (Altes Medizinisches Wien 65)

Durch die Besetzung der neu geschaffenen Zweiten Medizinischen Klinik und Lehrkanzel mit Johann Oppolzer (1808 bis 1871) setzte man 1850 dem genialen Diagnostiker und Reformer, aber therapeutischen Skeptiker mit Joseph Skoda einen therapeutischen Optimisten, Aktivisten und Praktiker an die Seite. Der Wettstreit der beiden Parallel-Kliniken befruchtete die Wiener Medizin enorm.

Da diese Besetzung ministeriell, unter Missachtung der Wünsche der Fakultät, erfolgte, hatte der „Eindringling“ Oppolzer lange Zeit in Wien einen schweren Stand. Skoda und Rokitansky begegneten ihm kühl, Hebra sogar abweisend. Umso mehr liebten ihn seine Patienten und Schüler. Innerhalb kürzester Zeit wurde Oppolzer zu einem international gesuchten und geschätzten Konsiliararzt und zu einem der beliebtesten Lehrer an der Wiener Fakultät. Sein Leitspruch lautete: „Nicht mit Krankheiten, mit kranken Menschen haben wir es zu tun.“
Seine medizinischen Studien absolvierte der am 4. August 1808 in der Nähe von Budweis geborene Johann Oppolzer in Prag, wo er 1835 auch promovierte. Nach vier Jahren Assistentenzzeit an der medizinischen Klinik ließ er sich zunächst als praktischer Arzt nieder, bevor man ihn 1841 zum Professor der Karls-Universität in Prag und Leiter der Klinik ernannte. 1848 folgte der mittlerweile „berühmteste und beliebteste Lehrer Prags“ einem Ruf nach Leipzig.

Ohrfeige für Wiener Schule

Obwohl er in der Diagnostik – „die Diagnose muss zuvörderst eine anatomische sein“ – die klassische Skoda-Schule vertrat, maß er in der Behandlung und in seinen therapeutischen Grundsätzen der Physiologie einen wesentlich höheren Stellenwert zu als der pathologischen Anatomie. Schon in seiner Antrittsvorlesung in Leipzig machte er seine Auffassung vom Arztsein deutlich und verpasste der Wiener Schule damit eine zarte Ohrfeige: „Gewaltig irren diejenigen, die da meinen, ein Arzt des neuesten Standpunkts sei derjenige, welcher seine Kranken mit der größten Genauigkeit untersucht, selbe beklopft und behorcht, und sich damit zufrieden stellt, dass er seine Diagnose in der Leiche bestätigt findet. Ein solcher Arzt hat nicht begriffen, dass das höchste aller medizinischen Forschungen das Heilen sei.“
Als klugen Schachzug erwies es sich, diesen begnadeten Praktiker, leidenschaftlichen Lehrer und therapeutischen Aktivisten, der den in Wien sich breit machenden therapeutischen Skeptizismus und Nihilismus massiv ablehnte, auf die neu geschaffene zweite Lehrkanzel nach Wien zu berufen. War es zunächst nur die große Zahl der Studenten, die eine zweite Klinik notwendig machte – 120 Hörer gleichzeitig zu unterrichten, erschien damals unmöglich –, so sah man jetzt auch andere Vorteile. Durch die Doppelklinik hatten die Studenten die Möglichkeit, zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten und Richtungen der Lehre und Forschung kennen zu lernen. Der Wettstreit zwischen den meist klug besetzten Parallel-Kliniken befruchtete in der Folge die Wiener Medizin enorm.

Therapeutischer Optimismus kontra Nihilismus

Für viele Kliniker der Zweiten Medizinischen Schule war die Forschung in den Vordergrund gerückt und manchmal sogar zum Selbstzweck geworden. Oppolzer dagegen suchte wissenschaftliche Erfolge nicht. Theoretische Probleme zu wälzen, war für den genialen Diagnostiker, dem alle Zeitzeugen den „klinischen Blick“ bestätigten, nicht seine Welt. Seine literarische Tätigkeit blieb bescheiden. „Heilen“ und „Lehren“ waren für ihn das Ziel seiner ärztlichen Forschungen und Tätigkeiten. Bei den Studenten war Oppolzer wesentlich beliebter als der sachliche, strenge und etwas schwerfällige Skoda. „Man bewunderte Skoda in seiner einsamen Größe, Oppolzer musste man lieb gewinnen“, schrieb Theodor Billroth.

Deutliche Ablehnung von Polypragmasie

Im Gegensatz zu Skoda, der nur kritisch erprobte Medikamente zuließ und bei fehlenden gesicherten Therapiemöglichkeiten resignierte – „wir sind nicht in der Lage zu ...“ – setzte der Optimist Oppolzer, in der festen Überzeugung, „wir können heilen und müssen es auch tun“, auch therapeutische Maßnahmen ein, die nur möglicherweise Erfolg versprachen. Polypragmasie lehnte er aber entschieden ab. Von seinen Schülern verlangte er, „stets bestrebt zu sein, mit einfachsten Mitteln zu helfen“ und „vor allem nicht zu schaden“. Geschickt ergänzte er die damals noch sehr bescheidenen medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten durch Balneotherapie, Elektrotherapie, Wasserheilkunde und Diätetik. Die Badeorte der Monarchie boomten. Hydrotherapie wurde durch seinen Schüler Wilhelm Winternitz, dessen hydrotherapeutische Versuche er förderte, zu einem wissenschaftlichen Spezialfach. Neuen therapeutischen Methoden, Sonderinteressen und Spezialisierungstendenzen seiner Schüler stand er immer positiv gegenüber.
Als leidenschaftlicher klinischer Lehrer – für seine Schüler veranstaltete er sogar an freien Wochenenden „wahre Lehrbacchanalien“ – unterrichtete und förderte er die kommende Elite der Wiener Medizin. Zu seinen Schülern zählten der Begründer der Otologie, Adam Politzer, der Hydrotherapeut Wilhelm Winternitz, der Laryngologe Johann Schnitzler, der Gynäkologe Rudolf Chrobak und der Elektrotherapeut Moritz Benedikt. Am 11. April 1871 brach Johann Oppolzer während einer Vorlesung zusammen. Am typischen Hautausschlag stellte er sich am nächsten Tag selbst die Diagnose: Flecktyphus. Er hatte sich im Krankenhaus infiziert. Vier Tage später, nachmittags um ein Uhr, trat der Tod ein. Oppolzers Größe lag nicht in seiner Arbeit als Wissenschafter und Forscher, sondern in seinem Wirken als Arzt und Lehrer. Auch heute noch sollte sich jeder Arzt, sei er Forscher oder Praktiker, Oppolzers Worte verinnerlichen, „denn nie“, sagte er, „nie darf der Arzt vergessen, dass er es nicht mit Krankheiten, sondern mit kranken Menschen zu tun hat“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 9/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben