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21. Oktober 2005

Der „Korneuburger Teufel“ (Narrenturm 1)

Im medizinischen Aberglauben waren und sind fallweise auch heute noch das sich „Verschauen“ und der „böse Blick“ oft Ursache für Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt. Als Verursacher von Missbildungen oder Totgeburten galten der Anblick „hässlicher oder fratzenhafter Gestalten und Bilder“ oder die „bösen Augen“ des Teufels oder sonst eines leibhaftigen „Gottseibeiuns“.

Besonders hart traf es im Jahr 1827 die schwangere Dienstmagd Theresia Parzer aus Korneuburg in Niederösterreich. Sie „verschaute“ sich zur Osterzeit, während eines Gebets in der Kirche, in die hölzerne Darstellung des Satans, der vom Erzengel Michael besiegt und mit den Füßen getreten wird. Prompt hatte die Magd kurze Zeit später eine Totgeburt. Die in Weingeist präparierte Totgeburt kam wegen ihrer ungewöhnlichen Missbildung am 21. Mai 1827 ins Allgemeine Krankenhaus in Wien zur Untersuchung. „Bey der Besichtigung dieser todtgeborenen, nicht über 6 Monathe alten Frucht, sahen wir denn wirklich eine so monströse Bildung der zu beschreibenden Theile, dass sie jener, des aus Holz geformten Teufels, der (nach Aussage der Mutter) ihr von dieser Zeit an nicht mehr ausser Gedächtnis kam, in vielem ähnlich war.“ So beschrieb Laurenz Biermayer, seit 1812 Prosektor im Allgemeinen Krankenhaus, in seiner Monographie über „das Kaiserlich Königliche Pathologische Museum im Allgemeinen Krankenhaus zu ­Wien“ im Jahr 1828 den Fall. Allerdings wurde Biermayer nur ein Jahr später seines Amtes enthoben, weil er „mehr Neigung zum Trunkenbold, als zum Professor hatte“ und „selbst den Spiritusflaschen seines Museums gefährlich wurde“. Völlig korrekt diagnostizierte Biermayer die Missbildung als Anenzephalus. Für eine wissenschaftliche Arbeit ließ 175 Jahre später die Leiterin des Bundesmuseums im Narrenturm, Dr. Beatrix Patzak, das Präparat mittels Magnetresonanz untersuchen. Der Befund deckt sich im Wesentlichen mit dem rein beschreibenden, naturwissenschaftlich exakten Obduktionsbefund Biermayers.

Versuch einer Deutung

Interessant ist auch der Versuch Biermayers, die Pathogenese der Missbildung zu erklären. Den bösen Blick der Teufelsfigur als Erklärung für die Missbildung lehnte er ab. Er dachte, „dass die Einbildungskraft der Mutter auf die Bildung und Entwicklung der Frucht ursächlichen Einfluss habe“ und führte die Missbildung auf die „psychische Potenz“ der Mutter zurück. Mit dieser Deutung befand sich Biermayer am Beginn einer Epoche, die sich bereits von religiösen Vorstellungen löste und angeborene Missbildungen wissenschaftlich zu erklären suchte Erst durch das neue Fach Pathologische Anatomie und die befohlene Sammeltätigkeit „merkwürdiger Stücke“ für das pathologische Kabinett, dem Vorläufer des Pathologischen Museums, schuf man die Grundlage für eine neue Lehre, die Teratologie, eben die Lehre von den angeborenen Missbildungen. Die anenzephale, akrane Fehlbildung, der so genannte Froschkopf oder Krötenkopf, ist gar nicht so selten, die Häufigkeit wird heute mit 1:1.000 Lebendgeborene angegeben. Der „Korneuburger Teufel“ ist das älteste in Formaldehyd fixierte Anenzephalus-Präparat in der Sammlung des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums im Narrenturm. Es ist ein gut erhaltenes und hervorragend dokumentiertes Präparat aus den Anfängen der Pathologischen Anatomie in Wien.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 8/2005

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