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15. Dezember 2005

Die Suche nach dem Sinn des Lebens (Altes Medizinisches Wien 64)

Viktor Emil Frankl (1905 bis 1997) korrespondierte schon als Mittelschüler mit Sigmund Freud, fand seine intellektuelle Heimat später aber in der Individualpsychologie Alfred Adlers. Nach seinem Ausschluss aus dem Adler-Verein entwickelte Frankl, sich mehr an der Praxis orientierend, die Grundlagen für einen neuen, eigenständigen psychotherapeutischen Ansatz.

Er nannte diesen Ansatz bereits 1926 Logotherapie und fügte später die Bezeichnung Existenzanalyse hinzu. Neben der Psychoanalyse Freuds und der Individualpsychologie Adlers ist diese „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ heute als wissenschaftlich fundierte psychotherapeutische Richtung weltweit anerkannt. Millionen Menschen haben, wenn sie den Namen Frankl hören, die gleiche Assoziation: die Gedankenverbindung mit dem kleinen Wörtchen Sinn. Was für Sigmund Freud die Lust und für Alfred Adler die Macht, war für Viktor Frankl der Sinn (Logos). Die Suche nach dem Sinn im Leben bedeutete für ihn die Hauptmotivation des Menschen. Er, der durch die Hölle von vier Konzentrationslagern gegangen war, erlebte am eigenen Leib, dass „von denen, die nicht sofort ins Gas geführt wurden, am ehesten jene überlebten, die auf die Zukunft hin orientiert waren, auf einen Sinn hin, dessen Erfüllung in der Zukunft auf sie wartete“. Der „Wille zum Sinn“, wie er es nannte, wirkte als „survival value“. Tests von US-Psychiatern an Kriegsgefangenen bestätigten, dass „jene, die eine Zukunft sahen, die besseren Überlebenschancen hatten“.

Nur wer einen Lebenssinn findet, kann glücklich sein

Frankl sammelte Befunde über die Korrelation zwischen seelischer Krankheit und fehlender Sinnorientierung. Und er konnte nachweisen, dass der Mensch in seiner psychischen Gesundheit dann gefährdet ist, wenn er sein Leben als sinnlos empfindet. Wirklich glücklich ist der Mensch erst dann, wenn er das Bewusstsein hat, den Sinn des Lebens erfüllt zu haben. „Im Dienste an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person verwirklicht der Mensch sich selbst.“
Nicht das Aufzeigen eines Sinns durch den Therapeuten, sondern die Hilfe bei der Suche nach dem Sinn im Leben, die Begleitung des Patienten beim Wiedererlangen des Vertrauens in die Sinnhaftigkeit des Lebens und das Finden einer konkreten Sinnmöglichkeit durch den Patienten selbst ist das Ziel der Logotherapie und Existenzanalyse.

Kostenlose Beratung von Jugendlichen

Der am 26. März 1905 geborene Viktor E. Frankl begann bereits als Medizinstudent, 1928 in Wien Jugendberatungsstellen zu organisieren, in denen Jugendliche mit seelischen Problemen kostenlos und anonym beraten wurden. Einer von ihm ins Leben gerufenen Sonderaktion zur Zeit der Zeugnisverteilung war es zu verdanken, dass es nach vielen Jahren 1930 in Wien keinen einzigen Schülerselbstmord gab. Noch vor Studienabschluss erhielt er Einladungen zu Vorträgen im In- und Ausland und bekam die Erlaubnis, an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien selbständig zu arbeiten. „Ich trachtete vom Patienten zu lernen – dem Patienten zu lauschen. Ich wollte herausbekommen, wie er es anstellt, wenn sich sein Zustand bessert“.
Nach seiner Promotion 1930 praktizierte er, um sich neurologisch ausbilden zu lassen, im „Maria Theresien Schlössl“ in Wien. Anschließend leitete er von 1933 bis 1937 den „Selbstmörderpavillon“ am Steinhof, wo er jährlich über 3.000 Patienten behandelte. 1937 eröffnete Frankl eine Praxis als Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, allerdings konnte er hier nicht lange ungestört wirken.

Als Häftling Nr. 119104 im Konzentrationslager

Nach dem Einmarsch der Nazis durfte Viktor Frankl, als Jude, nur mehr eingeschränkt arbeiten. 1940 erhielt er allerdings die Leitung der neurologischen Station im letzten jüdischen Spital Wiens, dem Rothschildspital. Es stand dort, wo sich heute das WIFI-Gebäude am Währingergürtel in Wien befindet. In dieser Funktion konnte Frankl mit gefälschten Gutachten, „frisierten“ ärztlichen Zeugnissen und falschen Diagnosen die von den Behörden organisierte Euthanasie von Geisteskranken sabotieren.
Sich selbst und seine Familie konnte er allerdings nicht sehr lange schützen. 1942 wurden er, seine Frau, sein Bruder und seine Eltern im KZ Theresienstadt inhaftiert. Seine Schwester emigrierte noch rechtzeitig nach Australien. Von seiner Familie überlebte nur Viktor Frankl die Konzentrationslager. Und er war überzeugt, dass er nur deshalb überlebt hatte, weil er sein Manuskript „Die ärztliche Seelsorge“ unbedingt rekonstruieren wollte – das war sein „Wille zum Sinn“. Diese Quintessenz seiner Logotherapie war ihm bei der Einlieferung ins KZ abgenommen und vernichtet worden. Nach dem Krieg habilitierte er sich mit einer neuen Fassung dieses Buches und begründete damit die Logotherapie und Existenzanalyse. Trotz allen Unrechts, das man ihm und seiner Familie in Wien zugefügt hatte, kehrte Frankl, für viele völlig unverständlich, nach seiner Befreiung aus dem KZ sofort nach Wien zurück. Wo immer es ging, trat er gegen eine Kollektivschuld auf. Gelegentlich setzte er sich sogar für ehemalige Nationalsozialisten ein. Das war damals nicht gerade populär, und er wurde deswegen auch heftig angegriffen. Aber Frankl hatte in all dem Grauen nicht nur Verbrechen und Unmenschlichkeit erlitten, sondern auch immer wieder Menschlichkeit erlebt. Für den ehemaligen Häftling Nr. 119104 war Hass ein Wort, das er nicht kannte.

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Seine 32 Bücher erschienen in 31 Sprachen weltweit

Von 1946 bis 1971 leitete Frankl die neurologische Abteilung der Wiener städtischen Poliklinik. 1955 erhielt er den Professorentitel der Universität Wien. Berühmt wurde er allerdings in Amerika. Sein Buch „Man´s Search for Meaning“ (“... trotzdem Ja zum Leben sagen; ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“) verkaufte sich über neun Millionen Mal und gilt in Amerika als „one of the ten most influential books“. Seine 32 Bücher erschienen in 31 Sprachen, die Universität Kalifornien errichtete eigens für ihn einen Lehrstuhl. 29 Ehrendoktorate, Gastprofessuren in vier amerikanischen Universitäten, unzählige Ehrenmitgliedschaften, Ehrungen und Auszeichnungen zeigen die weltweite Wertschätzung und Anerkennung seiner wissenschaftlichen Arbeit.
Das Lebenswerk Viktor Frankls wird in Wien, dessen Ehrenbürger er seit 1995 ist, durch das 1992 gegründete „Viktor Frankl Institut“ gepflegt. Dieses hat es sich zur Aufgabe gemacht, authentische Information über Logotherapie und Existenzanalyse zu vermitteln. Ein Fonds der Stadt Wien unterstützt die Arbeit des Instituts seit 1999 und vergibt jährlich den „Viktor Frankl-Preis“ für hervorragende Arbeiten auf dem Gebiet der sinnorientierten humanistischen Psychotherapie. Vieles von seiner Lehre formulierte Viktor Frankl auf Grund persönlicher Erfahrungen. Er hatte Angst vorm Klettern, aber „muss man sich alles von sich gefallen lassen? Kann man denn nicht stärker sein als die Angst?“. Frankl überwand seine Angst und wurde ein begeisterter Kletterer. Er nannte das die „Trotzmacht des Geistes“ gegenüber den Ängsten und Schwächen der Seele. Drei schwierige Klettersteige - auf der Rax und am Peilstein - sind nach ihm benannt. Er selbst bezeichnete es als gar nicht so übertrieben, als ein Autor vermutete, dass ihm die Frankl-Steige mehr bedeuten würden als drei Ehrendoktorate. Hatte er auch Angst vorm Fliegen? Im Alter von 67 Jahren machte er jedenfalls noch den Pilotenschein. Frankl starb am 2. September 1997 in Wien. Für „Who´s Who“ sollte er das Anliegen seines Lebens in einem einzigen Satz formulieren. Er schrieb: „Der Sinn meines Lebens war, anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 8/2004

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