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21. Oktober 2005

Geschichten aus dem Narrenturm (Serie Narrenturm)

Nach Ende der „Spurensuche im Alten Medizinischen Wien“ schließt die ÄRZTE WOCHE nahtlos mit einer neuen medizinhistorischen Serie aus derselben Feder an. In den „Geschichten aus dem Narrenturm“ werden gemeinsam mit der Direktorin des Museums, Dr. Beatrix Patzak, die interessantesten und spektakulärsten Objekte aus dem pathologisch-anatomischen Bundesmuseum in Wien vorgestellt.

Mit über 50.000 Objekten ist die Sammlung im ehemaligen Tollhaus des Allgemeinen Krankenhauses in Wien, im Narrenturm, die größte und älteste ihrer Art. Die ältesten Präparate datieren aus der Zeit um 1770 bis 1780. Sie stammen aus der Fakultätssammlung der Wiener medizinischen Fakultät. Die Gründung eines pathologisch-anatomischen Museums zu Lern- und Lehrzwecken erfolgte 1795 auf Anordnung Valentin von Hildebrands (1763 bis 1818): „Da in einem Krankenhaus, in welchem jährlich 14.000 Kranke aller Art aufgenommen werden, die beste Gelegenheit gegeben ist, pathologisch-anatomische Präparate zu sammeln, so wird allen Ärzten im Allgemeinen Krankenhaus befohlen, merkwürdige Stücke in Weingeist aufzubewahren. (...) jedes Präparat erhält eine Nummer und unter derselben wird die Geschichte des betreffenden Krankheitsfalles in ein Journal geschrieben. Die Präparate und bezüglichen Krankengeschichten werden in einem besonderen Zimmer aufbewahrt, wo sich jeder Arzt des Hauses jederzeit belehren kann. Den erforderlichen Weingeist liefert das Krankenhaus auf Anweisung der Primare.“

Pathologisches Kabinett

Johann Peter Frank (1745 bis 1821), dem großen Organisator des Allgemeinen Krankhauses, ist es zu danken, dass er mit der Gründung eines „pathologischen Kabinetts“ und der Verordnung von 1796, dass jedes Präparat im Allgemeinen Krankenhaus an diese Sammlung abzuliefern sei, den Grundstock für das pathologisch-anatomische Museum legte. Das Museum befand sich damals unmittelbar neben dem medizinischen Hörsaal, im heute so genannten „Direktionsstöckel“ im 1. Hof. In der Folgezeit gab es neben tüchtigen Prosektoren, Konservatoren und Kustoden des Museums wie Alois Vetter (1765 bis 1806) – er verließ Wien 1803 wegen Intrigen und Anfeindungen, wie Frank ein halbes Jahr später – auch Wundärzte, die dem Museum mehr schadeten, als sie ihm nützten. Erst 1912 besetzte man die Prosektorstelle mit Laurenz Biermayer neu. Wegen seiner Verdienste erhielt er 1821 die zweite – Straßburg 1819 war die erste – Lehrkanzel für Pathologie in Europa. Aber Biermayer, so der berühmte Anatom Hyrtl, „hatte mehr Neigung zum Trunkenbold, als zum Professor“, und als er „selbst den Spiritusflaschen seines Museum gefährlich wurde“, enthob man ihn des Dienstes. Das Museum war bereits hoffnungslos verwahrlost.

Wissenschaftliche Bedeutung

Erst unter Johann Wagner (1800 bis 1832) und vor allem Carl Rokitansky (1804 bis 1878) bekam das Museum wieder wissenschaftliche Bedeutung. Rokitansky vermehrte die Sammlung enorm und nutzte sie intensiv für den Unterricht. 1862 war es ihm vergönnt, den Neubau des pathologisch-anatomischen Instituts selbst zu eröffnen. Hier gab es auch große helle Säle für seine mittlerweile auf 3.000 Objekte angewachsene Sammlung. Von 1833 bis 1874 leitete Rokitansky Museum und Lehrkanzel. Seine Nachfolger Hans Kundrat, Anton Weichselbaum, Rudolf Maresch, Alexander Kolisko und Hermann Chiari erweiterten und bereicherten die Sammlung nicht nur in archivarischer Sammlertätigkeit, sondern auch als Grundlage für zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. 1946 übernahm Karl Portele die Sammlung. Mit 7.000 Präparaten übersiedelte 1971 das Museum in den so genannten Narrenturm. In den folgenden Jahren übernahm Portele heimatlos gewordene Sammlungen aus ganz Europa. Das Museum wurde gleichsam zu einem „europäischen Zentralmuseum“ und ist heute mit über 50.000 Objekten die wahrscheinlich größte pathologische Präparatesammlung der Welt und vermutlich die einzige, die auch Laien zugänglich ist. Der Wert der Sammlung liege nur mehr zum kleinen Teil darin, als Unterrichtsmaterial für Medizinstudenten und andere medizinische Berufe zu dienen, so Pat­zak. Wichtiger sei heute die Dokumentation von Krankheiten und deren Verlauf durch mehr als zwei Jahrhunderte. Krankheiten, die es heute entweder nicht mehr gibt oder die wegen neuer Therapieformen – man denke hier nur an die Antibiotika – in dieser Form oder Ausprägung zum Glück nicht mehr auftreten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 7/2005

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