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14. Dezember 2005

Der enträtselte Nystagmus (Altes Medizinisches Wien 63)

Den ersten Nobelpreis für Medizin erhielt 1914 der österreichische Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Robert Bárány (1876 bis 1936) für „seine Arbeiten über Physiologie und Pathologie des Vestibularapparates“. Seine Untersuchungen über die Gesetzmäßigkeiten des Nystagmus bei Warm- und Kaltreizung des Labyrinths durch Ohrenspülungen revolutionierten damals die gesamte Ohrenheilkunde.

Ein neuer Abschnitt der Ohrenheilkunde begann. Ein neuer Wissenszweig, der sich mit den engen Beziehungen zwischen Ohrenheilkunde und Nervenheilkunde beschäftigte, die Otoneurologie, entstand und machte Bárány international berühmt. In Wien aber wurde er boykottiert.
Basierend auf den theoretischen Grundlagen, die viele Wissenschaftler seit Jahrzehnten erarbeitet hatten, und den bahnbrechenden eigenen Beobachtungen und Untersuchungen gelang es Bárány, das Rätsel des bis dahin kryptischen und geheimnisvollen Gleichgewichtsorgans im Innenohr zu entschlüsseln. Mit Báránys „kalorischer Methode“ konnte nun jeder Arzt mit einfachen Mitteln die Funktion des Gleichgewichtsorgans beurteilen und erstmals gefährliche Innenohrerkrankungen bereits im Frühstadium erkennen.

Kurzes Interesse für Psychoanalyse

Robert Bárány studierte an der Universität Wien Medizin und promovierte hier auch im Jahr 1900. Nach Weiterbildungsjahren beim Internisten Carl von Noorden in Frankfurt und beim Psychiater Emil Kraeplin in Freiburg kehrte Bárány nach Wien zurück. Um 1903 hörte er auch Vorlesungen bei Sigmund Freud, der seine Theorie der „Wunschträume“ verfocht. Freud bot seinen Studenten an, ihm Träume, die sie nicht selbst deuten konnten, zur Analyse vorzulegen. Bárány beschrieb Freud daraufhin einen Traum, der beim besten Willen nicht als Wunschvorstellung gedeutet werden konnte. Freuds Antwort, „Das ist sehr einfach. Sie haben einfach den Wunsch, mir zu widersprechen“, scheint Báránys Interesse für die Psychoanalyse beendet zu haben.
Er arbeitete zunächst kurze Zeit als Operationszögling des Chirurgen Carl Gussenbauer im Allgemeinen Krankenhaus in Wien und erhielt schließlich 1905 eine Assistenzarztstelle bei Adam Politzer (1835 bis 1920), der 1873 die erste Ohren-Klinik der Welt im Allgemeinen Krankenhaus in Wien gegründet hatte. Hier begann Bárány seine Untersuchungen und Beobachtungen über das Gleichgewichtsorgan, von dem man lange Zeit eine etwas mystische Vorstellung hatte, ja dessen Existenz noch 1893 von führenden Physiologen überhaupt geleugnet wurde. 1906 veröffentlichte er seine wichtigste Entdeckung. Mit seiner Arbeit „Untersuchungen über den vom Vestibularapparat des Ohres reflektorisch ausgelösten rhythmischen Nystagmus und seine Begleiterscheinungen“ revolutionierte er die Ohrenheilkunde und schuf damit sogar ein neues Wissensgebiet, die Otoneurologie. 1909 konnte er sich für Ohren-, Nasen- und Kehlkopfkrankheiten habilitieren. Die 1907 erschienene Publikation „Physiologie und Pathologie des Bogenapparates“ brachte ihm 1914 den Nobelpreis.
Freiwillig als Chirurg im Ersten Weltkrieg tätig Trotz einer Versteifung im Kniegelenk (nach Knochentuberkulose in jungen Jahren) war Bárány im Ersten Weltkrieg freiwillig als Chirurg in der österreichischen Armee tätig, wo er neue Behandlungsmethoden bei Gehirnschüssen entwickelte. 1915 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft, und erst in einem Gefangenenlager in Turkestan erfuhr er die Nachricht von dem ihm bereits 1914 zugesprochenen Nobelpreis. Nur durch persönliche Intervention des schwedischen Kronprinzen beim Zaren, und auch das nur, nachdem man Bárány wegen seines steifen Kniegelenks vom aktiven Soldaten zum Kriegsinvaliden – Bárány war trotz dieser Behinderung sein Leben lang ein begeisterter Tennisspieler und Bergsteiger – „befördert“ hatte, kam er vorzeitig aus der Kriegsgefangenschaft frei und konnte 1916 zur Verleihung des Nobelpreises nach Stockholm reisen.

Wenig trimphale Heimkehr

Seine Rückkehr nach Wien hatte sich Bárány wahrscheinlich anders vorgestellt. Statt des erwarteten Triumphes empfingen ihn seine Wiener Kollegen mit Neid, Anschuldigungen und Anzeigen. Man warf ihm vor, Forschungsarbeiten von Kollegen für sich verwendet zu haben, verweigerte ihm den Professorentitel und überging ihn bei der Besetzung einer Fachklinik. Der Senat der Fakultät verurteilte ihn 1918 sogar in einer Disziplinaruntersuchung wegen „großer Nachlässigkeit mit dem geistigen Eigentum Anderer und bei der Beschaffung von wissenschaftlichem Material“. Ob es wirklich nur Neid und Missgunst wegen des ihm zuerkannten höchsten wissenschaftlichen Preises war, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit beantworten. Tatsächlich scheint Bárány in den Literaturangaben seiner Publikationen auf einige Arbeiten „vergessen“ zu haben. Aber selbst einer der „Vergessenen“ glaubte nicht, dass Bárány ihn absichtlich nicht zitiert hatte. Der Prioritätenstreit über die Entdeckung des kalorischen Nystagmus erregte damals nicht nur die Fachwelt, sondern wurde auch in der Tagespresse, ja sogar in der Karikatur abgehandelt. Enttäuscht von den persönlichen Angriffen seiner Kollegen und der Ignoranz der Wiener Fakultät, verließ Bárány Wien und nahm eine leitende Stelle am neu geschaffenen Otologischen Institut in Uppsala an, wo er bis zu seinem Tod 1936 als international anerkannter Forscher und Kliniker arbeitete.

Internationale Wertschätzung

Báránys Untersuchungen und Entdeckungen über den Vestibularapparat schufen die Grundlagen für die Labyrinthchirurgie, mit der die Letalität der otogenen Meningitis in der vorantibiotischen Ära dramatisch gesenkt werden konnte. Durch die bemannte Raumfahrt mit den dabei auftretenden Problemen des Gleichgewichtsorgans in der Schwerelosigkeit haben Báránys Forschungen und Untersuchungsmethoden heute wieder besondere Aktualität erlangt.
Die internationale Wertschätzung, die Bárány noch immer genießt, zeigt sich an der von der Universität Uppsala seit 1936 alle vier Jahre verliehenen goldenen „Bárány-Medaille“ für die beste Arbeit über Ohren- und Nervenheilkunde und der Gründung der Bárány-Society, die seit 1960 regelmäßig Kongresse über Vestibularis- und Otoneurologische Forschungen veranstaltet. Robert Bárány starb am 8. April 1936 an den Folgen einer Hirnblutung in Uppsala. Der berühmte schwedische Otologe Gunnar Holm, der ihn immer gegen die Angriffe seiner Wiener Kollegen verteidigt hatte, legte Bárány einen Kranz auf sein Grab. Die Schleife trug die Inschrift: „Von den Ohrenärzten der ganzen Welt“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 7/2004

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