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14. Dezember 2005

Krankheitsbilder aus Wachs (Altes Medizinisches Wien 100)

Wie sehen die verschiedenen Stadien der Pocken aus? Wer erkennt noch die „Hobelschwiele des Tischlers“ oder die „Färberhände“? Viele dieser durch moderne Therapien oder Änderungen der Berufsausübung nicht mehr in ursprünglicher Ausprägung auftretenden Krankheitsbilder kann man heute noch als Moulagen im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm in Wien studieren.

Die täuschend echten Krankheitsbilder aus Wachs erlauben einen einzigartigen Blick auf „historische Patienten“ mit ihren oft längst verschwundenen Krankheiten. Moulagen sind dreidimensionale, in höchstem Maße naturgetreue Abformungen von pathologisch veränderten Körperregionen, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in großem Umfang zur Befunddokumentation und als Lehr- und Studienmittel verwendet wurden. Da sich die Moulage im Wesentlichen darauf beschränkte, den krankhaft veränderten Körper von außen abzubilden, war es vor allem die Dermatologie, die sich am intensivsten dieser Kunst bediente.

Handwerk und Kunst

Eine Moulage entsteht im Wesentlichen aus folgenden Arbeitsschritten: Das Abformen des Objekts als Negativform, das Ausgießen der Form und anschließend die naturgetreue Bemalung. Die verwendeten Materialien, üblicherweise Wachs-Paraffinmischungen, wurden von den Mouleuren streng geheim gehalten. Dass das Moulagieren nicht nur Handwerk, sondern in hohem Maße auch Kunst war und ist, wird beim Betrachten der beeindruckenden Objekte, die gleichsam die plastische Fotografie eines krankhaft veränderten Körperteils sind, sofort klar. In Wien begann die Moulagierkunst mit dem Arzt, medizinischen Illustrator und Modelleur Anton Elfinger (1821 bis 1864). Zwei seiner Arbeiten befinden sich heute noch im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum. Neben einer Darstellung des „Lupus faciei“, die er unter Anleitung He­bras moulagierte, findet sich im Narrenturm auch „eine Missbildung in Wachs possiert“, die er 1849 für Rokitansky herstellte. Elfinger war einer dieser europäischen Pioniere der Moulagenkunst, die unabhängig voneinander, als Autodidakten, ihre Moulagiertechniken entwickelten, diese ängstlich geheim hielten und auch keine Schüler anlernten. Bis zu seinem Tod war Elfinger aber vor allem als medizinischer Zeichner, Maler und Lithograph tätig. Berühmt machten Elfinger seine Illustrationen für Ferdinand Hebras 1856 erschienenen „Atlas der Hautkrankheiten“.

Moulagierwerkstätte in Wien

Populär wurde die Moulagierkunst durch die umfangreiche Moulagenproduktion des Pariser Hôpital Saint Louis. Hier schuf vor allem Francois Baretta (1834 bis 1923) qualitativ hochwertige Moulagen, die bald in ganz Europa und Nordamerika bekannt wurden. Aber auch Baretta akzeptierte keine Schüler und hielt sein Herstellungsverfahren und seine Technik geheim. Beim Ersten Internationalen Kongress für Dermatologie im Hôpital Saint Louis in Paris 1889 war der Wiener Dermatologe Moritz Kaposi (1837 bis 1902) – damals einer der führenden Dermatologen Europas – von den Moulagen Barettas derart beeindruckt, dass er nach seiner Rückkehr aus Paris sofort den Aufbau einer Moulagierwerkstätte im Allgemeinen Krankenhaus in Wien anregte.

Die Ära der Hennings

Mit der Leitung des Ateliers – am Beginn ein winziges Zimmer an der Klinik Kaposi – beauftragte er den Arzt Carl Henning (1860 bis 1917). „Der größte Mann im kleinsten Raum des Wiener Allgemeinen Krankenhauses“, wie er genannt wurde, erregte durch seine künstlerisch und technisch vollendeten Moulagen bald weltweit Aufmerksamkeit. Schon beim zweiten Dermatologenkongress in Wien 1892 konnte Henning 70 viel beachtete Moulagen ausstellen. Ein Merkmal seiner Technik war die völlig neue Abdruckmasse „Elastine“, die Henning erfunden hatte. Wie auch die anderen Moulageure, gab weder Henning noch sein Nachfolger das Geheimnis der Zusammensetzung dieser Masse bekannt. Seine neue Masse – „von solcher Zartheit und Reizlosigkeit, dass mit ihr Aufnahmen vom Trommelfell und von der Kornea möglich sind“ – war nicht der alleinige Grund für die Qualität seiner Moulagen. Hennings Moulagen wurden vor allem durch ihre künstlerische und medizinische Qualität – durch Hennings Können als Bildhauer, Maler und seine Ausbildung als Dermatologe – bekannt. Da immer mehr Kliniken Moulagen zu Unterrichtszwecken wünschten, erhielt Henning im 8. Hof des Allgemeinen Krankenhauses 1897 einige Räume für sein mittlerweile offizielles „Atelier für Moulage“.

Gesichtsprothese für ­Kriegsopfer

Eine Pioniertat Hennings war auch die Erfindung der elastischen „Henning-Prothese“, einer Gesichtsprothese auf Elastine-Basis, die im Ersten Weltkrieg bei Gesichtsverstümmelungen eingesetzt wurde. Auch von diesem Objekt gibt es ein Belegexemplar im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum. Henning erhielt für seine Moulagen zahlreiche internationale Preise, Medaillen und Anerkennungen. Die Moulagen aus seiner Werkstatt gingen in die ganze Welt. Henning leitete das Moulageninstitut bis wenige Tage vor seinem tragischen Tod. Nach einer Oberarm-Amputation wegen eines septisch gewordenen Insektenstichs starb Carl Henning am 3. Juni 1917. Das Moulagenatelier im Allgemeinen Krankenhaus übernahm kurze Zeit später sein Sohn, der Moulageur und Maler Theodor Henning. 1920 wandelte er das Universitätsinstitut in ein Privatinstitut mit dem etwas komplizierten Namen „Wiener Moulage-Institut (Vormals: Universitätsinstitut für Moulage: Gründer Dr. med. Carl Henning), Krankheitsnachbildungen, Lebend- und Totenmasken, kosmetische Gesichtsprothesen und Hautplomben. Inhaber: akad. Maler Theo Henning, Wien IX, Mariannengasse 12“ um. Die Objekte von Theodor Henning waren ebenfalls von hervorragender Qualität und nur durch die Signatur von den Arbeiten seines Vaters zu unterscheiden. Unter Theo Henning erlebte die Moulagenkunst in Wien eine zweite Blüte, die bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs anhielt. Theodor Henning starb 1946 in Salzburg. Das letzte Objekt Hennings in der Sammlung des Bundesmuseums stammt aus dem Jahr 1939. Die „Henning-Dynastie“ prägte die Wiener Moulagenkunst von 1890 bis 1939 und brachte Wien in der Moulagierkunst an die Weltspitze. Henning-Moulagen finden sich auch heute noch in vielen Sammlungen der ganzen Welt. Den Hauptbestand – etwa 80 Prozent – an den 3.190 Moulagen des Bundesmuseums im Narrenturm in Wien bilden die Moulagen der „Henning-Dynastie“.

Das Pollersche Verfahren

Neben den Hennings arbeiteten noch andere Moulageure in Wien. So etwa Raimund Poller und Maximilian Blaha. Im Gegensatz zu den anderen Moulageuren, die ihre Arbeitweise und Materialien ängstlich geheim hielten, publizierte Poller seine Technik detailliert in seinem Buch mit dem etwas mühsamen Titel: „Das Pollersche Verfahren zum Abformen an Lebenden und Toten sowie an Gegenständen. Anleitung für Mediziner, Anthropologen, Kriminalisten, Museumspräparatoren, Prähistoriker, Künstler, Handfertigkeitslehrer, Amateure.“ Pollers Buch erschien auch in englischer und französischer Übersetzung. Poller und Blaha arbeiteten auch für die Wiener Polizei und fertigten kriminalistische Moulagen von Schuh-, Fuß-, Bissspuren und Tatwerkzeugen an. Blahas Methode, aus verwesten Leichenschädeln ein lebensnahes Abbild zu formen, wurde später modifiziert und weiterentwickelt. Zahlreiche Kliniken und Museen auf der ganzen Welt besitzen heute kleinere oder größere Kontingente von Moulagen, die aber kaum mehr als Unterrichtsmittel verwendet werden. Die Medien Fotografie, Film und Video haben die Moulage fast völlig verdrängt. Das einst hochgeschätzte Lehrmittel geriet fast völlig in Vergessenheit, obwohl eine Moulage durch ihre „greifbare“, plastische, naturgetreue Abbildung auch heute noch selbst den besten Fotografien als Anschauungsmaterial weit überlegen ist. Moulagen sind zwar kein zeitgemäßes Unterrichtsmaterial mehr, aber es sind noch immer faszinierende Objekte von hohem handwerklichen, künstlerischen, aber auch medizinischen Wert. Sie erlauben einen Blick in die Vergangenheit, einen Blick auf „historische“ Krankheitsbilder, auf Krankheiten, die es heute nicht mehr gibt oder die fast völlig verschwunden sind. Moulagen machen diese Krankheiten wieder „lebendig“ und „begreifbar“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 6/2005

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