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14. Dezember 2005

„Nur für Unbemittelte und vollkommen unentgeltlich“ (Altes Medizinisches Wien 62)

Kaum Berührungsängste mit neuen Therapieansätzen zu haben, zeichnete die Wiener Allgemeine Poliklinik aus. Ursprünglich ein Ambulatorium „nur für Unbemittelte und vollkommen unentgeltlich“, war sie während ihres 126-jährigen Bestehens Ausgangspunkt für viele neue Therapieansätze. Ganz neue Fachrichtungen entstanden hier: Hydrotherapie, Urologie, Logotherapie, Akupunktur oder Homöopathie.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag die ärztliche Versorgung der armen Bevölkerungsschichten in Wien noch gewaltig im Argen. Es gab zwar einige Armenärzte und bei schweren Erkrankungen standen den Patienten auch verschiedene Krankenhäuser offen, aber viele Unbemittelte scheuten bei scheinbar geringfügigen Beschwerden den oft mühsamen und entwürdigenden Weg über die verschiedenen Fürsorgestellen der privaten Wohltätigkeit. So blieben viele Patienten oft nur aus Scham ohne ärztliche Versorgung, obwohl manchmal eine frühzeitige ambulante Behandlung das Ärgste hätte verhindern können. Das Erfassen von Krankheiten im Frühstadium oder gar eine Vorbeugung war somit praktisch unmöglich.

Vereinigung junger Dozenten verbesserte Armenversorgung

In dieser Situation brüteten zwölf junge Dozenten im Hinterzimmer des Café Griensteidl am Michaelerplatz eine Idee aus, mit der man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte: auf der einen Seite die ärztliche Versorgung der Armen zu verbessern und auf der anderen Seite mit der unentgeltlichen Behandlung Krankengut für Lehr- und Forschungsarbeiten zu gewinnen. Die überfüllten Kliniken waren zu klein, um den jungen Dozenten ausreichend Möglichkeit zur Lehre und Forschung zu geben. Die Vereinigung der Dozenten nannte sich Poliklinik, im ursprünglichen Wortsinn ein städtisches Krankenhaus zur ambulanten Behandlung. Und genau das hatte man vor: eine ambulante Behandlung in allen Spezialfächern der Medizin für nicht spitalsbedürftige Patienten.
Die jungen Dozenten eröffneten die erste Poliklinik Europas 1872 in der Wipplingerstraße 29. Die Kosten trugen sie anfangs selbst. Im Vestibül hing eine Tafel, deren Inschrift „Nur für Unbemittelte und vollkommen unentgeltlich“ den Grundgedanken des Instituts definierte. Bereits im ersten Jahr wurden 56.000 Ordinationen gezählt, 12.000 Kranke wurden kostenlos behandelt. Aus diesen Zahlen geht hervor, wie wichtig diese Einrichtung für die Bevölkerung Wiens war. Aber auch für die Studenten hatte diese Einrichtung Vorteile. Sie sahen hier völlig andere Patienten als in den spezialisierten Universitätskliniken. Hier konnten sie nicht nur leichte Erkrankungen und deren Verlauf bis zur Heilung verfolgen, sondern auch den Beginn, die Ursachen und die Ursprünge schwerer Gesundheitsstörungen studieren. Ein Wissen, das auch für die spätere Praxis überaus wertvoll war. In den ersten zehn Jahren inskribierten 5.474 Studenten an der Poliklinik.

Rasches Wachstum

Vier Jahre später war die Klinik bereits so gewachsen, dass ein Verein zur Sicherung der Finanzen gegründet werden musste. Für das Geld sorgten private Spenden, aber vor allem die rauschenden Feste der „Wohltätigkeitsfürstin“ Pauline Metternich, mit deren Einnahmen sie neben der Poliklinik auch viele andere soziale Einrichtungen in Wien unterstützte.
Die Zahl der Patienten stieg, und aus Platzgründen musste die Poliklinik 1875 in die Oppolzergasse 4 und 1880 in die Schwarzspanierstraße 5 übersiedeln, wo mit fünf Betten bereits ein kleiner Krankenhausbetrieb begonnen wurde. In den prächtigen späthistorischen Bau mit den Majolikamedaillons berühmter Ärzte in der Mariannengasse 10 im 9. Bezirk zog die Poliklinik schließlich im Jahr 1892. Hier konnte endlich das Wunschziel, das Lehr- und Studienspital auf sozialmedizinischer Basis, verwirklicht werden. Nach und nach entstanden hier Spitalsabteilungen, ein Hörsaal, Ambulanzen für alle Spezialfächer, eine Hydrotherapeutische Station, ein chemisches Labor und bereits ab 1896 ein „Röntgenkabinett“, aus dem 1904 das erste Röntgeninstitut Österreichs wurde. Die Poliklinik war von Beginn an die Heimstätte der jungen und aufstrebenden Spezialfächer. Anton von Frisch gründete hier die erste urologische Ambulanz des Kontinents – durch ihn wurde die Urologie als eigenständiges Fach an der Medizinischen Fakultät Wien anerkannt. Johann Schnitzler eröffnete eine laryngologische Abteilung, an der er sich ausführlich mit Sprachheilkunde und der Behandlung von Stimmstörungen befasste. Auch sein Sohn, der später weltberühmte Schriftsteller Arthur Schnitzler, arbeitete hier bis 1893 als Assistent seines Vaters und beschäftigte sich mit Hypnosetherapie von Stimmstörungen. Die Poliklinik lieferte ihm auch das Vorbild für sein 1912 geschriebenes gesellschaftskritisches Drama „Professor Bernardi“, das in Wien bis 1918 von der k.k.-Zensur verboten blieb.

Internationales Ansehen und breite Vorbildwirkung

Neben den Ambulanzen betrieb die Poliklinik aber auch praktisch alle Fach-Abteilungen eines Krankenhauses. Das Spital entsprach in jeder Beziehung den damals modernsten medizinischen Anforderungen. Um die Jahrhundertwende hatte die Wiener Poliklinik bereits international so großes Ansehen, dass nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika und sogar in Kairo Institute nach ihrem Vorbild gegründet wurden.
Die Berührungsängste der Hochschulmedizin mit neuen Therapien hatte die Poliklinik zu keiner Zeit. Schon der erste habilitierte Hydrotherapeut, Wilhelm Winternitz [siehe Spurensuche Folge 51; Ärzte Woche vom 19.11.03], richtete noch in der Schwarzspanierstraße auf eigene Kosten die erste hydrotherapeutische Bettenstation der Welt ein, die bald Ärzte aus der ganzen Welt anzog.
Unter dem weltberühmten Psychiater Viktor E. Frankl, der von 1946 bis 1970 die neurologische Abeilung der Poliklinik leitete, wurde die Poliklinik Ausgangspunkt der Logotherapie und Existenzanalyse, der neben der Psychoanalyse Freuds und der Individualpsychologie Adlers „Dritten Wiener Richtung“ der Psychotherapie. Im Jahr 1958 eröffnete Johannes Bischko, Pionier der Akupunktur in Europa, an der HNO-Abteilung der Poliklinik eine Akupunkturambulanz. Zu diesem Zeitpunkt war die Akupunktur in der breiten Öffentlichkeit noch kaum bekannt. Das änderte sich aber schlagartig, als Bischko Anfang März 1972 gemeinsam mit Petricek eine Tonsillektomie in Akupunktur-Analgesie - die erste in der westlichen Welt - in der Poliklinik in Wien durchführte. Das Interesse und der Zustrom von Ärzten war in der Folge kaum zu bewältigen. Schon im Juli 1972 gründete die Ludwig Boltzmann Gesellschaft – die Vereinigung zur wissenschaftlichen Forschungsförderung in Österreich – ein Boltzmann Institut für Akupunktur in der Poliklinik. Aus diesem Institut und der Akupunktur-Ambulanz entstand sehr rasch ein international anerkanntes Lehrinstitut. Bischko gilt heute als Begründer der „Wiener Schule der Akupunktur“ und wichtigster Pionier der Akupunktur in der westlichen Welt. Die Akupunktur wurde 1986 vom Obersten Sanitätsrat in Österreich als Heilmethode anerkannt.

Ambulanzen für Homöopathie

Der Begründer der Wiener Schule der Homöopathie, Mathias Dorcsi, der die Homöopathie lehr- und lernbar machte und dessen Ausbildungsprogramme Vorbild für die Ausbildung in vielen Ländern wurde, gründete 1975 das Ludwig Boltzmann Institut für Homöopathie und eine Ambulanz in der Poliklinik. Dorcsi erhielt 1985 als erster Mediziner einen Lehrauftrag für Homöopathie an der medizinischen Fakultät in Wien. 1938 kam das bis dahin autonome Studienspital in den Besitz der Gemeinde Wien und wurde als städtische Krankenanstalt weitergeführt. Nach einem eher kurzen Intermezzo als Geriatrisches Rehabilitationszentrum kam am 15. Dezember 1998 das endgültige Aus für die medizinische Nutzung des geschichtsträchtigen Hauses. Heute versucht die Gemeinde Wien das zum Teil denkmalgeschützte Areal zu verkaufen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 6/2004

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