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14. Dezember 2005

Pionier der forensischen Psychiatrie (Altes Medizinisches Wien 99)

In seinem berühmt-berüchtigten Monumentalwerk „Psychopathia sexualis“ schuf und definierte Krafft-Ebing die Begriffe Sadismus, Masochismus und Fetischismus. Begriffe, die weit über seine Fachdisziplin hinaus in die Alltagssprache und in das Allgemeinbewusstsein eingegangen sind.

Man sollte meinen, dass der Schöpfer von heute überaus populären Begriffe noch immer allgemein bekannt ist. Dem ist aber nicht so. Der Psychiater Richard von Krafft-Ebing (1840 bis 1902) ist heute weithin vergessen und praktisch nur mehr in Fachkreisen bekannt. Geboren wurde Krafft-Ebbing am 14. August 1840 in Mannheim. Er studierte in Heidelberg Medizin und promovierte hier 1863. Lehr- und Wanderjahre führten ihn nach Zürich, Wien, Prag und Berlin. An der badischen Landes-irrenanstalt Illenau arbeitete er von 1864 bis 1868 als Assistenzarzt. Danach ließ er sich als Nervenarzt in Baden Baden nieder. Im Jahr 1872 wurde er zum Professor der ersten psychiatrischen Klinik an der Universität in Straßburg ernannt. Das klingt als Karriere-schritt für einen 32-jährigen Arzt zunächst eigentlich recht gut. Liest man aber die Beschreibung der Klinik – „ein Zimmer für zwei Männer, ein Zimmer für zwei Frauen und je eine anstoßende Zelle war alles, was an Räumlichkeiten seinem Lehramte dienen sollte“ –, dann ahnt man, warum Krafft-Ebing bereits ein Jahr später dem Ruf nach Graz folgte.
Hier wurde er Direktor der Landesirrenanstalt Feldhof bei Graz und gleichzeitig Professor für Psychiatrie an der Universität Graz. Hier legte er den Grundstein zu seiner späteren weltweiten Berühmtheit. In Graz erschien 1875 auch seine bedeutendste wissenschaftliche Arbeit: „Das Lehrbuch der gerichtlichen Psychopathologie.“ Mit dieser Arbeit wurde Krafft-Ebing zum Begründer und Pionier der modernen forensischen Psychi­atrie. Er selbst betrachtete seine Leistungen auf diesem Gebiet als „die wissenschaftliche Hauptarbeit meines Lebens“. Sein Lehrbuch war bis weit ins 20. Jahrhundert eine Richtschnur für Richter und Grundlage für die einschlägige Rechtssprechung. Im Jahr 1886 eröffnete Krafft-Ebing in Mariagrün auf dem Rosenberg bei Graz ein Privatsanatorium, in dem er auch Mitglieder des Hochadels behandelte. Kranke aus der ganzen Welt pilgerten hierher zu ihm. 1889 erfolgte seine Berufung zum Vorstand der 1. Psychiatrischen Klinik in Wien. Psychiatrie und Neurologie nahmen damals, nicht zuletzt durch Krafft-Ebing, in Österreich einen gewaltigen Aufschwung. Das psychiatrische Duo Theodor Meynert und Krafft-Ebing zog die Blicke der ganzen psychiatrisch-neurologischen Welt nach Wien. Zum Nachfolger von Theodor Meynert als

Vorstand der 2. Psychiatrischen

Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien ernannte man ihn 1892. Hier wollte Krafft-Ebing, wie bereits in Graz, die Neurologie, die in Wien hauptsächlich zum Arbeitsbereich der Inneren Medizin gehörte, an seiner Klinik etablieren. Berühmt und geradezu berüchtigt wurde er allerdings durch seinen am Ende des 19. Jahrhunderts erschienen und höchst umstrittenen Bestseller „Psychopathia sexualis“. War die erste Auflage, erschienen 1886, noch eine kleine, 109 Seiten starke kommentierte Sammlung von sexuell auffälligen Verhaltensweisen und Praktiken, so entwickelte sich das Werk in ständig erweiterten Auflagen zu einem Standardwerk sexueller Erscheinungsformen, zu einer „von Laien mehr noch als von Aerzten gelesenen und gewürdigten, vielbewunderten, vielgeschmähten und als shocking verschrieenen“ Bibel der „Perversionen“.

Verständnis für sexuelle Anomalien eingeleitet

Die Zeiten haben sich geändert, und vieles, was damals noch als „pervers“ galt, ist heute eine harmlose sexuelle Praktik oder vielleicht Abweichung. In einer Zeit, in der sexuelle Abweichungen aber als Verbrechen gegen die Natur oder die Gesellschaft angesehen und zum Teil drakonisch bestraft wurden, ist Krafft-Ebings Engagement für eine Humanisierung und ein besseres Verständnis der sexuellen „Anomalien“ nicht hoch genug zu bewerten, wenn er auch viele „sexuelle Anomalien“ als pathologisch einschätzte. So definierte er die Homosexualität zwar als angeborene erbliche Nervenkrankheit, dies erlaubte es ihm aber, sich für eine völlige Straffreiheit dieses „Verbrechens gegen die Sittlichkeit“ einzusetzen. So gehörte er zu den ersten Ärzten, die den österreichischen Homosexuellen-Paragraphen als „Unglück“ bezeichneten, da er „viel Unheil angerichtet, nützliche und unbescholtene Staatsbürger in Schande, Noth und Tod gejagt“ habe. Obwohl Krafft-Ebing als Gerichtspsychiater eine Instanz war und großen Einfluss auf die Rechtssprechung hatte, blieb sein Appell zur Entkriminalisierung der Homosexualität bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ungehört.

Öffentliche Diskussion über Sexualität

Mit seiner „Psychopathia sexualis“ eröffnete Krafft-Ebing erstmals eine öffentliche Diskussion über die verschiedenen Spielarten der Sexualität. Damit schuf er sich aber auch viele Feinde. Einer davon war der Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, der mit seinem Roman „Venus im Pelz“ Krafft-Ebing die Vorlage für seine Definition und Bezeichnung der sexuellen Lust an der Unterdrückung, eben dem „Masochismus“, lieferte. Sacher-Masoch kämpfte bis an sein Lebensende dagegen an, dass Krafft-Ebing seinen Namen für diese sexuelle „Perversion“ missbraucht hatte. Auf der anderen Seite machte Krafft-Ebing mit seiner Namensprägung Sacher-Masoch bekannter als es der exzen­trische Schriftsteller jemals durch sein literarisches Schaffen geworden wäre.

Hypnotische Experimente

Aber nicht nur die Kriminalpsychologie und die Sexualpathologie waren Objekte seiner Untersuchungen. Er veröffentlichte mehr als 25 Bücher und hunderte wissenschaftliche Arbeiten über verschiedenste Themen. Auch das therapeutische Potenzial der Hypnose und ihre physiologischen Effekte interessierten ihn sehr. Seine hypnotischen Experimente veröffentlichte er in seinem Buch „Eine experimentelle Studie auf dem Gebiet des Hypnotismus nebst Bemerkungen über Suggestion und Suggestionstherapie“ im Jahr 1893. Hier berichtete er neben der Heilung einer hysterischen jungen Frau auch über eine Patientin, der er nur mittels hypnotischer Suggestion Hautrötung und sogar Blasen auf der Haut erzeugen konnte.

Viele Menschen vor ungerechter Strafe bewahrt

Krafft-Ebing hat auf Grund seiner wissenschaftlichen Forschungen nicht nur viele Menschen vor ungerechter Strafe bewahrt, er setzte sich auch zeit seines Lebens für Wohlfahrtseinrichtungen, Reformen der Irrengesetzgebung und der Anstaltspflege ein. Eingefleischte Vorurteile gegen Irrenanstalten bekämpfte er heftig.

Verbindung von Anstalts- und Universitätspsychiatrie

In Graz wurde er zum idealen Vertreter der Verbindung von Anstalts- und Universitätspsychiatrie. Krafft-Ebing gilt heute als Begründer und Pionier der modernen forensischen Psychiatrie, als einer der ersten Theoretiker der Sexualität und als ein Wegbereiter der Psychoanalyse. Zu seinem 30-jährigen Professorenjubiläum am 11. März 1902 legte Krafft-Ebing sein Lehramt nieder und zog von Wien weg. Ein halbes Jahr später starb Richard Fridolin Joseph Freiherr Krafft von Ferstenburg auf Frohnberg genannt von Ebing – so hieß er mit vollem Namen – nach mehreren apoplektischen Insulten in Mariagrün bei Graz.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 5/2005

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