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15. Dezember 2005

Der beste deskriptive Pathologe aller Zeiten (Altes Medizinisches Wien 61)

„Pathologe, Politiker und Philosoph“, so heißt das Symposium, mit dem am 19. und 20. Februar 2004 dem besten deskriptiven Pathologen aller Zeiten – Carl Freiherr von Rokitansky – gedacht wird.

Am 19. Februar jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag eines der bedeutendsten Pathologen in der Geschichte der Heilkunde: jener von Carl Freiherr von Rokitansky (1804 bis 1878). Aus diesem Anlass gestaltet die Österreichische Akademie der Wissenschaften am 19. und 20. Februar 2004 gemeinsam mit der Gesellschaft der Ärzte in Wien und dem Institut für Geschichte der Medizin der Medizinischen Universität Wien einen Festakt und ein wissenschaftliches Gedenksymposium.
Eine Ausstellung im Billrothhaus mit bisher nicht gezeigten Exponaten aus verschiedenen Archiven und Familienbesitz begleitet diese Jubiläumsveranstaltung. Die pathologische Anatomie, wie sie Roki-tansky betrieb, beendete im deutschen Sprachraum die Ära der romantischen und philosophierenden Medizin. Rokitansky stellte von Beginn an seine Untersuchungen in den Dienst der praktischen Klinik. So wurden seine Befunde zur Grundlage der Diagnostik und Therapie in der klinischen Medizin. Gemeinsam mit dem Internisten Josef Skoda schuf Rokitansky damit eine moderne, naturwissenschaftliche Medizin, die den Grundstein zur Bildung von Spezialfächern und zur Entwicklung neuer Disziplinen legte und damit eine wissenschaftliche Revolution auslöste.

Der Pathologe

Geboren am 19. Februar 1804 in Königgrätz, heute Hradec Králové in Böhmen, studierte Carl von Rokitansky in Prag und Wien Medizin und promovierte 1828 in Wien. Nach der Promotion erhielt er eine Anstellung als 1. Assistent an der Prosektur des Allgemeinen Krankenhauses in Wien. Hochinteressant ist bereits seine erste wissenschaftliche Arbeit, „Ueber innere Darmeinschnürungen“, veröffentlicht 1836, in der er, entgegen den damals herrschenden Ansichten, nur aufgrund seiner erhobenen Befunde an Leichen die einzig mögliche sinnvolle Therapie beschrieb: die mechanische, das heißt chirurgische Lösung der Einschnürung. Diese Technik, die er in seiner Arbeit beschrieb – wohlgemerkt in einer Zeit, als es noch keine Darmchirurgie gab – wird auch heute noch tagtäglich von Chirurgen weltweit in dieser Form ausgeführt.
1844 erhielt Rokitansky die ordentliche Professur und wurde erster Lehrstuhlinhaber dieses Faches. Unter ihm entwickelte sich diese bis dahin eher unbeachtete Disziplin zum Zentrum der so genannten „Zweiten Wiener Medizinischen Schule“. Rokitansky, der im Laufe seines Lebens, direkt oder indirekt mehr als 100.000 Autopsien durchführte, galt und gilt auch heute noch als der beste deskriptive Pathologe aller Zeiten. Seine völlig neuen bildhaften, anschaulichen Beschreibungen der krankhaften Veränderungen im Körper – „kaffeesatzartig“, „erbsenpüreeähnlich“, „himbeergeleeartig“ - revolutionierten die Pathologensprache. Aus den immer wiederkehrenden Organveränderungen, nicht wie damals üblich aus den Symptomen, zog er Schlüsse auf das Wesen der Krankheit. Rokitansky war als Arzt nie am Krankenbett tätig, und nur durch die enge Zusammenarbeit mit den wissenschaftlich gleich gesinnten Klinikern Skoda (Innere Medizin), Schuh (Chirurgie) und Hebra (Dermatologie) erlangte die Zweite Wiener Medizinische Schule den Weltruhm, von dem sie heute noch zehrt. Die drei Bände seines Lehrbuchs, „Handbuch der pathologischen Anatomie“, erschienen von 1842 bis 1846, revolutionierten die gesamte Medizin. Obwohl heute kaum ein Mediziner diese Lehrbücher kennt und viele Krankheitstypen, die Rokitansky als Erster beschrieb, heute nicht seinen Namen tragen, sind seine Forschungen und Erkenntnisse medizinisches Allgemeingut geworden. Heute noch lernt jeder Medizinstudent, was Rokitansky einst lehrte.

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Der Politiker

Rokitansky prägte nicht nur die Geschichte der Wiener Medizin, sondern als Politiker auch den österreichischen Liberalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften, seit 1869 ihr Präsident, mehrmals Dekan der medizinischen Fakultät, Präsident der Gesellschaft der Ärzte und Rektor der Universität, erlangte Rokitansky zunehmend Einfluss auf die Universität und auf das gesamte Gesundheitswesen. Er sympathisierte mit der Revolution von 1848, trat für „Freiheit und Fortschritt“ ein und legte es auch in öffentlichen Reden „auf einen Eklat“ an, wenn er „Freiheit für die Forschung als höchstes Postulat“ forderte und die mechanistischen Forschungsmethoden für die Naturwissenschaft verteidigte. Dennoch wurde er – überraschend für seine vielen Feinde – als medizinischer Referent ins Unterrichtsministerium berufen und Präsident des obersten Sanitätsrats. Damit unterstand ihm das gesamte Sanitätswesen Österreichs. 1867 berief ihn der Kaiser als lebenslängliches Mitglied in das Herrenhaus des Reichsrates und erhob ihn zu seinem 70. Geburtstag sogar in den Adelsstand. Wien wählte ihn zu ihrem Ehrenbürger. Auch von der internationalen wissenschaftlichen Welt wurde Rokitansky mit Ehrungen förmlich überschüttet.

Der Philosoph

In der naturwissenschaftlichen Forschung war für ihn die „materialistische Methode“ die einzig zulässige. Den Materialismus als Weltanschauung lehnte er allerdings ab. In Reden und Schriften bezog Rokitansky Stellung zu vielen Themen der Bildungs- und Wissenschaftspolitik – er forderte unter anderem die Trennung von Kirche und Schule – und vor allem der medizinischen Ethik. In seinem philosophischen Denken beeinflusst von Kant und Schopenhauer, warnte er davor, die „Freiheit der Forschung“ im „Drange nach Erkenntnis“ zu missbrauchen. Für den Humanisten und Ethiker ginge die Würde des Menschen verloren, wenn der Mensch nur mehr als Objekt der Forschung diene. Brandaktuelle Gedanken über die Ethik in der Medizin, die heute mehr denn je ihre Gültigkeit haben.

Der Mensch

Carl von Rokitansky wohnte mit seiner Frau, einer bekannten Sängerin, in seiner Dienstwohnung im so genannten Stöckl im 1. Hof im Allgemeinen Krankenhaus. In seinem Heim wurde die bürgerliche Kultur gelebt. Seine Frau gab hier Konzerte, und Grillparzer gehörte zu den Freunden des Hauses. Zwei seiner vier Söhne wurden Sänger, zwei wählten den Arztberuf. Rokitansky pflegte auf die Frage nach dem Befinden seiner Söhne zu antworten: „Ausgezeichnet, zwei heulen und zwei heilen.“ Am 23. Juli 1878 starb Carl von Rokitansky. Die Todesursache war unklar. Asthma, Bronchiektasien, Aortenaneuryma, Herzinfarkt vermuteten seine behandelnden Ärzte. Die Todesursache blieb unklar. Der Gigant unter den Pathologen wurde selbst nicht obduziert.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 5/2004

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