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14. Dezember 2005

Chirurg, Kinderchirurg und Wohltäter (Altes Medizinisches Wien 98)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Josef Weinlechner (1829 bis 1906) neben Billroth einer der populärsten Chirurgen Wiens. Als kühner und begnadeter Chirurg war er auch in höchsten Kreisen bekannt und gesucht. Selbst seine Majestät, Kaiser Franz Josef I., ließ sich von ihm operieren.

Seine „Eleganz der Hantirung, eiserne Ruhe, bewundernswerte Umsicht und staunenerregende Exactheit beim operieren“ rühmten sogar die „Gesellschaftsblätter“. Als einer der ersten habilitierte er 1865 mit einem kinderchirurgischen Thema, der Hasenscharte. Auch wenn es im Nachruf der Wiener Medizinischen Wochenschrift im Oktober 1906 hieß, dass ihm seine wissenschaftlichen Arbeiten einen Platz in der Geschichte der österreichischen Chirurgie sichern würden und ein Chronist seines Heimatortes Altheim in Oberösterreich 1911 in einem Aufsatz schrieb, dass noch „späteste Enkel Altheims das Lied vom braven Mann (Weinlechner) preisen werden“, ist der Chirurg Weinlechner heute auch bei Fachleuten fast unbekannt. Kaum ein medizingeschichtliches Werk erwähnt seinen Namen. Weinlechner stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater war k. k. Wegmacher und Maurer, seine Mutter Näherin. Geboren wurde er am 3. März 1829 in Altheim im Innviertel. Zehn seiner Geschwister starben bereits im Kindesalter. Ins Gymnasium nach Kremsmünster konnte er nur gehen, weil er im Austausch gegen den Großvater als so genannter „Täuschling“ beim Bruder der Mutter in Kremsmünster leben konnte. Der hervorragende naturwissenschaftliche Unterricht, der im Gymnasium des Benediktinerstiftes Kremsmünster geboten wurde, weckte das Interesse Weinlechners für die Naturwissenschaften.

1849 begann er mit finanzieller Unterstützung Josef Dirnhofers, des Gemeindearztes seines Heimatortes Altheim, in Wien Medizin zu studieren. Zu seinen Lehrern gehörten hier die Zelebritäten der 2. Wiener Medizinischen Schule: Hyrtl, Brücke, Rokitansky, Hebra und Skoda. Die Ferien verbrachte Weinlechner immer bei der Familie seines Gönners in Altheim. Hier hatte er Gelegenheit, das auf der Universität Gelernte, unter Aufsicht des routinierten Arztes, zu erproben. Weinlechner half auch als Gehilfe in der Hausapotheke und erfuhr hier, dass auch die besten und teuersten Arzneien oft keinen Erfolg hatten und dass die Heilkraft der Medikamente insgesamt recht gering war. Dirnhofer gab Weinlechner damals den Rat, Chirurg zu werden. 1854 promovierte Weinlechner zum „Doctor der Medizin“. Seine chirurgische Ausbildung erhielt er anschließend bei Franz Schuh (1804 bis 1865), dem Vorgänger Billroths. Am 31. Juli 1855 promovierte Weinlechner auch zum „Doctor der Chirurgie“. Bis 1857 blieb er als Operationszögling und von 1859 bis 1863 als Assistent an der chirurgischen Klinik Schuh. 1865 erhielt er die unbesoldete Anstellung als Primarchirurg am St. Anna-Kinderspital in Wien.

Meilenstein in der ­Kinderchirurgie

Mit Weinlechner nahm die Kinderchirurgie im St. Anna-Kinderspital einen gewaltigen Aufschwung. In dieser Zeit suchte er auch um Zulassung zur „Docentur für Chirurgie mit besonderer Berücksichtigung des kindlichen Alters“ an. Das Datum dieses Ansuchens, der 1. Juli 1865, ist für die Geschichte des Faches Kinderchirurgie ein Meilenstein, da es damals höchst ungewöhnlich war, sich für Chirurgie des kindlichen Alters zu habilitieren. Mit der Habilitationsschrift über „Hasenscharten“ habilitierte er sich am 10. Oktober 1865. Missbildungen und onkologische Operationen waren von Anfang an eines seiner bevorzugten Gebiete. Ab dem Jahr 1866 gab es in den Jahresberichten des St. Anna-Kinderspitals ausführliche Statistiken zur operativen Tätigkeit. Interessant ist, dass die heute häufigsten kinderchirurgischen Operationen, Appendektomie, Hernienoperationen und Hydrocelenoperationen, in diesen Statistiken fehlen. Hernien behandelte Weinlechner mit einem Bruchband, Hydrocelen wurden punktiert und danach Jod instilliert. Die „Blinddarmentzündung“ galt damals noch als internistische Erkrankung. Erst 1886 erkannte man, dass die Ursache der oft tödlich verlaufenden Bauchfellentzündung des rechten Unterbauches eine Entzündung der Appendix ist. 1894 beschrieb der amerikanische Chirurg McBurney, dass mit der Entfernung des Wurmfortsatzes durch einen kleinen Schnitt im rechten Unterbauch das „internistische Problem“ zu lösen sei. Jahrelang diskutierten die Chirurgen noch, ob es nicht besser sei, im Intervall den entstandenen Abszess zu drainieren: Dazu musste man allerdings das Intervall erst einmal erleben. Noch 1907 war die Appendektomie ein Hauptthema des deutschen Chirurgenkongresses.

Lebensrettende ­Tracheotomien

Ein wichtiges Kapitel der Kinderchirurgie waren damals die lebensrettenden Tracheotomien bei Diphtherie, deren Technik Weinlechner verbesserte. Erst mit der Einführung der Intubation durch Joseph O´Dweyer wurden die Tracheotomien bei der Diphtherie seltener. Weinlechner hatte bereits 1872 eine Arbeit über den „Katheterismus des Larynx“ veröffentlicht, in der er die damals neue Technik der Intubation genau beschrieb. Die Einführung der Serumtherapie mit dem „Behring-Antitoxin“ revolutionierte 1894 die Behandlung der Diphtherie und nahm ihr den Schrecken. Weinlechner publizierte auch wichtige Arbeiten über die Invagination und andere chirurgische Erkrankungen des Kindesalters. Weinlechners chirurgisches Talent war bereits seinem Lehrer Schuh aufgefallen, dessen Lieblingsschüler er bald war. Als kühner und geschickter Operateur konnte er sich auch neben Billroth gut behaupten und hatte bald den Ruf eines „furchtlosen Chirurgen mit ausgezeichneter Technik und einer Ruhe, die ihn auch in heikelsten Situationen nie in Verlegenheit brachte“. Er wagte sich oft an Fälle, die von anderen Chirurgen als inoperabel abgelehnt wurden. Bösartige Zungen behaupteten, wenn auch im Scherz, „man wisse manchmal nicht, was man von dem Operierten wieder in das Bett zurückbringen sollte“.

Viele Neider und Feinde

Natürlich hatte er wegen seiner großen Popularität in Wien viele Neider und Feinde. Seine weite Indikationsstellung zur Operation, aber manchmal auch seine operative Rücksichtslosigkeit wurde vielfach kritisiert. Eine intime Feindschaft bestand etwa mit dem Pathologen Hanns Kundrat (1845 bis 1893). Kundrat war auf Weinlechner besonders scharf. Er hatte einmal im Bauch eines an der Klinik Weinlechners Verstorbenen eine Pinzette gefunden. Kundrat begann einmal die Obduktion eines Patienten Weinlechners in dessen Anwesenheit mit den Worten: „Was wird´s denn heute wieder sein?“ „Diesmal vielleicht eine Schere, pfui Teufel?“ Weinlechner protestierte heftig und rief böse: „Von meiner Abteilung kommt keine Leiche mehr zu Ihnen!“ Kundrat erwiderte ruhig: „Natürlich nicht, die nächste kommt ohnehin zum Hofmann!“ Eduard von Hofmann (1837 bis 1897) war Gerichtsmediziner. Für seinen Heimatort Altheim war Weinlechner stets „der“ Wohltäter. Er stiftete Geld zur Errichtung einer Kinderbewahranstalt (heute das Gebäude der Landesmusikschule) und unterstützte den Bau eines Krankenhauses, das allerdings 1931 wegen schlechter Auslastung verkauft werden musste. Dem Historischen Museum der Stadt Wien schenkte Weinlechner anlässlich seiner Ernennung zum „Bürger der Stadt Wien“ einen Teil seiner Gemäldesammlung, und dem Museum Linz überließ er seine Medaillensammlung. Die Gemeinde Altheim benannte 1898 einen Platz in Altheim „Weinlechner-Platz“ und zur Feier seines 70. Geburtstages pflanzten die Bürger Altheims 1899 am Weinlechner-Platz eine Eiche: „Dem zu Ehren, dessen Lebensgang ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Chirurgie bildet.“ Zur Erinnerung an den großen Sohn und Wohltäter der Stadt errichtete die Gemeinde Altheim 1971 ein neues Denkmal für Weinlechner auf dem Platz, der seinen Namen trägt. Josef Weinlechner starb am 30. September 1906 auf einem Jagdausflug in Höflein bei Bruck/Leitha. Nach einem erfolgreichen Schuss sank er bewusstlos zusammen. „Ein freundliches Schicksal begleitete ihn bis zum letzten Atemzug; inmitten eines Jagdvergnügens, in froher Waidmannslaune, hörte er zu leben auf.“

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 4/2005

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