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15. Dezember 2005

Populär wie Billroth (Altes Medizinisches Wien 60)

Leopold Schönbauer genoss in Wien eine Popularität, wie sie vor ihm nur Billroth zuteil wurde. Er starb am 12. September 1963. Die Stadt Wien widmete ihm ein Ehrengrab am Zentralfriedhof. Am 29. Jänner 1981 wurde eine Gedenktafel für ihn am Gebäude der I. Chirurgischen Universitätsklinik enthüllt, die daran erinnert, dass er das Krankenhaus und seine Patienten vor Kriegsschäden bewahrt hat.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg suchte man in Wien einen politisch unbelasteten Ärztlichen Direktor für das Allgemeine Krankenhaus. Allzu groß war die Auswahl wahrscheinlich nicht. Auf Vorschlag einer Widerstandsgruppe entschied sich die Vollversammlung der Arbeiter und Angestellten des AKH für den Mann, der gegen Ende des Krieges das Allgemeine Krankenhaus vor der Zerstörung bewahrt hatte: Leopold Schönbauer (1888 bis 1963). Er war es, der als Oberstarzt die zurückweichenden deutschen Truppen davon abhielt, das Allgemeine Krankenhaus als Kampfstellung zu missbrauchen, und er war es, der ein paar Stunden später auch die Rote Armee daran hinderte, das Krankenhaus zu besetzen. Mit den Worten: „Kinder, wenn ihr meint´s, dann mach ich’s“ nahm der damals bereits international anerkannte Chirurg im April 1945 das Amt an und leitete das Krankenhaus bis zu seiner Emeritierung 1960.

Erste Krebsberatungsstelle Österreichs

Leopold Schönbauer, Sohn eines Wundarztes in Thaya in Niederösterreich, begann 1908 das Medizinstudium an der Deutschen Universität in Prag, wo er 1914 sub auspiciis imperatoris promovierte. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Schönbauer als Assistent an die Klinik Eiselsberg im AKH in Wien. Mit der Arbeit „Experimentelles und Klinisches zur Peritonitisfrage“ habilitierte er sich 1924 und übernahm 1930 die chirurgische Abteilung im Krankenhaus Lainz. Die Probleme der Bauchfellentzündung waren nur ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit Schönbauers. Mit der Pathologie und Therapie des Krebses begann sich Schönbauer zu befassen, als ihm Julius Tandler, damals Gesundheitsstadtrat in Wien, den Aufbau des Strahlentherapeutischen Instituts im Krankenhaus Lainz anvertraute. Im November 1931 eröffnete Tandler in Lainz das erste unabhängige Strahlentherapie-Zentrum und die erste Krebsberatungsstelle Österreichs. Schönbauer betraute er mit der Leitung. Damals verwendete Lainz, als eines der ersten Institute Europas, Radium in der Bestrahlungstherapie. Die fünf Gramm Radium, die Tandler für Wien erwarb, waren eine gewaltige Menge, und die „Tandlersche Radium-Kanone“, wie das Bestrahlungsgerät in Fachkreisen genannt wurde, war bald europaweit bekannt. Das Karzinom und die Krebsgenese beschäftigten Schönbauer bis an sein Lebensende. Bei einem Studienaufenthalt bei Harvey Cushing, dem Vater der Neurochirurgie in Boston, fand Schönbauer den, neben Peritonitis und Krebs, dritten großen Schwerpunkt seiner Arbeit: die Neurochirurgie. Sein 1933 mit dem Psychiater Hans Hoff herausgegebenes Buch „Hirnchirurgie, Erfahrungen und Resultate“ zählt zu den ersten deutschsprachigen Veröffentlichungen dieser Art.

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Würdigung jüdischer Ärzte

Auf Grund seiner auch international anerkannten Leistungen und Publikationen berief man 1939 Schönbauer als Ordinarius und Vorstand der 1. Chirurgischen Universitätsklinik ins AKH in Wien. Nach dem Krieg wählte ihn die Belegschaft zu dessen Direktor. Noch im Kriegsjahr 1944 veröffentlichte Schönbauer ein ausgezeichnetes historisches Werk über „Das medizinische Wien“. Bei dieser Veröffentlichung bewies er Mut. Er berichtete in seinem Buch, damals wohl nicht gerade opportun, auch über die Leistungen bedeutender jüdischer Ärzte. In der Ausgabe von 1944 wurden entsprechende Stellen im Text zwar entfernt, auf den Index scheint die Zensur aber vergessen zu haben. Hier scheinen geächtete Namen, wie etwa Sigmund Freud, noch auf und verweisen auf Seiten, auf denen sie dann aber nicht mehr zu finden sind. 1947 erschien eine erweiterte Auflage dieses weit verbreiteten Buches, in dem er den großen Ärzten Wiens ein Denkmal setzte. Dieses Buch war es auch, das ihn legitimierte, nach 1945 die provisorische Leitung des Instituts für Geschichte der Medizin im Josephinum zu übernehmen.
Neben einer Blutersatzstelle, die fast alle Wiener Spitäler mit Blut versorgte, einer Station für plastische Chirurgie und diversen Spezialambulanzen, etwa für Brustdrüsenerkrankungen oder Gefäßerkrankungen, schuf Schönbauer auch eine Art Rehabilitationszentrum im Allgemeinen Krankenhaus. Er erkannte damals etwas, was auch heute noch manche Chirurgen gerne vergessen. Der operative Eingriff ist zwar nach wie vor das Wichtigste an der Therapie, aber der Gesamterfolg und damit das Schicksal des Patienten hängen letztendlich auch von der sachgemäßen Weiterbehandlung ab.
Weit über 500 Publikationen aus vielen Gebieten der Medizin und aus fast allen Gebieten der Chirurgie zählt das Lebenswerk Leopold Schönbauers. Mit Vorträgen in Volkshochschulen und mit seinem Buch „Gesünder leben, länger leben“ versuchte er medizinisches Wissen auch Laien näher zu bringen. Er war mit Sicherheit einer der vielseitigst literarisch tätigen Chirurgen der Wiener Medizingeschichte. Eine seiner interessantesten Arbeiten erschien bereits 1921. Hier betrat er wirklich Neuland. Schönbauer berichtete in diesem Artikel über einen mit Curare geheilten Fall von Tetanus. Interessanterweise wurde erst in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts vermehrt nach sinnvollen Anwendungen für Curare in der Medizin gesucht. Es ist dies einer der ersten gelungenen und auch dokumentierten Versuche, Curare, über dessen Wirkung auf die Muskulatur der französische Physiologe Claude Bernard bereits 1864 aufgeklärt hatte, in der Medizin einzusetzen. Die erste Anwendung von Curare zur Muskelerschlaffung in der Narkose erfolgte erst zwei Jahrzehnte später, nämlich 1942.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 4/2004

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