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14. Dezember 2005

Das „Kropfspital“ in Rudolfsheim (Altes Medizinisches Wien 97)

Das Kaiserin Elisabeth-Spital in der Huglgasse im 15. Wiener Gemeindebezirk ist allgemein als das „Kropfspital“ bekannt. Bereits im Jahr 1980 wurde hier der 50.000. Kropf entfernt. Heute sind es mittlerweile weit über 70.000. Der Gynäkologe Ernst Wertheim war hier Primarius und führte die nach ihm benannte Uterus- Operation 1898 zum ersten Mal durch.

Am 25. November 1890 übersiedelten die Kranken aus dem „Bezirkskrankenhaus in Sechshaus“ in der Sechshauserstraße in das neu eröffnete „Kaiser Franz Joseph-Spital in Rudolfsheim“. Das alte Krankenhaus in der Sechshauserstraße – damals auf dem Grundstück Sechshauserstraße 71, auf dem sich heute eine Schule befindet – war ständig hoffnungslos überbelegt und entsprach kaum mehr den hygienischen Vorschriften. Dieses Krankenhaus, das 1857 Öffentlichkeitsrecht erhielt, war sowohl wegen seiner Lage in der Nähe des damals noch nicht regulierten Wienflusses als auch wegen seiner ungeeigneten Räumlichkeiten – es waren adaptierte Zinshäuser – für einen Spitalsbetrieb nie so recht geeignet. Überbelag und hygienische Missstände riefen immer wieder die Sanitätsbehörde auf den Plan.

Eröffnung anno 1890

Die zum Gerichtsbezirk Sechshaus gehörenden Vorortegemeinden – Fünfhaus, Gaudenzdorf, Reindorf und Meidling – beschlossen schließlich, einen Neubau des Spitals an einem besser geeigneten Ort durchzuführen. Wegen der Wasserversorgung entschloss man sich zu einem Bau südlich des Wasserbehälters auf der Schmelz. Der im Frühjahr 1889 begonnene Bau konnte bereits am 1. November 1890 fertig gestellt und am 25. November feierlich eröffnet werden. Das Spital hieß zunächst „Kaiser Franz Joseph-Spital in Rudolfsheim“. 1892 erhielt das Spital mit allerhöchster Entschließung den Namen „K. k. Kaiserin Elisabeth-Spital“. Die Büste des Kaisers im I. Hof des Spitals wurde gegen die der Kaiserin ausgetauscht.
Aber schon bald war auch dieses Spital zu klein. Immer mehr Menschen zogen in die Vorstädte um Wien und die schlechten Wohn- und Arbeitsbedingungen und die damit verbundene dramatische Verschlechterung der hygienischen Verhältnisse bewirkten eine sprunghafte Zunahme von Kranken. Die Bettenzahl, immerhin 468, reichte bei weitem nicht aus, um alle Kranken unterzubringen. Durch eine Stiftung von Baron Albert Rothschild, dessen Frau Bettina an Brustkrebs verstorben war, konnte 1894 der Bettina-Pavillon für 60 kranke Frauen auf einem Grundstück südlich des Spitals­areals errichtet werden. 1896 wurde dieser Bau fertig gestellt. Der erste Primarius der „Bettina“ war kein Geringerer als der berühmte Gynäkologe Ernst Wertheim, der am 16. November 1898 hier die erste, nach ihm benannte radikale abdominelle Uterusentfernung beim Collum-Karzinom durchführte. Ein unterirdischer Gang unter der Goldschlaggasse (heute der Kurzparkbereich am Spitalsgelände) verband damals das nördliche Spitalsareal mit der „Bettina-Stiftung“ und dem Schwesternwohnhaus. Erst später wurde das Elisabeth-Spital zu einem geschlossenen Spitalsgelände. Die Pflege der Kranken im Kaiserin Elisabeth-Spital oblag wie schon im alten Bezirkskrankenhaus den Barmherzigen Schwestern der Congregation Vincenz von Paul. Erst 1973 verließ der Orden das Krankenhaus endgültig. Im Wohnheim der Ordensschwestern entstand die 2. Medizinische Abteilung, die 1990 eröffnet wurde.

Einführung der Vollnarkose

Den Ruf eines „Kropfspitals“ erwarb sich das Elisabeth-Spital durch den Chirurgen Fritz Kaspar (1885 bis 1943). Er verbesserte nicht nur die Technik der Kropf-operation, sondern führte als einer der Ersten weltweit die Vollnarkose in die Strumachirurgie ein. Bis dahin wurden Strumaoperationen überall in Lokalanästhesie durchgeführt. Kaspar schrieb über das Operationserlebnis der Betroffenen: „Zahlreiche Patienten sprachen mit Entsetzen und in drastischen Ausdrücken von ihrem Kropfoperationserlebnis. Furchtbare Schmerzen, die sie durchzumachen gehabt hatten und das unerträgliche Druck- und Erstickungsgefühl während einiger Phasen der Operation bezeichneten sie als unerträgliches Erlebnis und Qual, so dass sie sich lieber umbringen würden, als nochmals derartige Qualen zu erleiden.“
Die Operation hinterließ bei vielen Patienten eine psychische Traumatisierung. Ihre Erzählungen schreckten außerdem viele Kropfpatienten vor einer dringend nötigen Operation ab. Die Einführung der Allgemeinnarkose und später der angenehmen intravenösen Narkoseeinleitung mit Avertin oder Evipan bewirkte einen gewaltigen Zustrom an Strumapatienten im Kaiserin Elisabeth-Spital. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es zwar noch Gegner der Allgemeinnarkose bei Strumaoperationen, da eine Stimmprüfung zur Funktionskontrolle der Stimmbandnerven bei Vollnarkose nicht durchgeführt werden kann, aber da die Vorteile der Vollnarkose, auch für den Chirurgen, bei weitem überwiegen, setzte sich die Allgemeinnarkose auch für diesen Eingriff schließlich doch durch. Kaspar operierte von 1929 bis 1943 die gewaltige Anzahl von 12.000(!) Strumen. Fritz Kaspar starb am 12. Dezember 1943 infolge einer Hirnblutung, die er bei einer Strumaoperation im Kaiserin Elisabeth-Spital erlitten hatte. Sein Nachfolger Paul Huber (1901 bis 1971) machte das „Kropfspital in Rudolfsheim“ dann international bekannt. Er operierte jährlich über 2.000 Strumen und galt international als profunder Kenner und Könner der Strumachirurgie. Wie schon Kaspar war auch Huber eigentlich Abdominalchirurg, und die Abdominalchirurgie war auch immer ein weiterer Schwerpunkt des Elisabeth-Spitals. Huber führte hier als einer der ersten Chirurgen in Wien eine partielle Duodenopankreatektomie beim Pankreaskopfkarzinom durch.

„Dramatische Note“ ade

Während man früher bei Kropfoperationen nach Operationsbeginn so rasch als möglich die Trachea freilegte, um bei Problemen mit der Luftröhre den Atemweg sofort durch einen Luftröhrenschnitt freihalten zu können, operierte Hubers Nachfolger Paul Fuchsig seine Strumen bereits in Intubationsnarkose. Damit war der freie Atemweg in jeder Phase der Operation gesichert. Fast wehmütig klingen da die Worte des Chirurgen Kurt Kemminger in seiner Geschichte des „Kropfspitals“: „Die Operation verlor jede dramatische Note, die ihr früher oftmals noch angehaftet hatte.“ Fuchsig verfeinerte nicht nur die Operationstechnik, sondern führte auch die Isotopentechnik in Diagnose und Therapie der Kropfbehandlung ein. Für Fuchsig war die Struma nicht nur ein chirurgisches, sondern auch ein allgemeinmedizinisches Problem. Wie Huber setzte sich Fuchsig auch für die Strumaprophylaxe ein und forderte eine allgemeine Jodsalzprophylaxe. Das „jodierte Kochsalz“, 1963 durch ein Bundesgesetz in Österreich eingeführt, ist ein Erfolg dieser Bemühungen. Bereits am 30. September 1980 feierte man im Kaiserin Elisabeth-Spital die 50.000ste Strumaoperation. Auch heute noch ist das Spital über die Grenzen Österreichs hinaus als „Kropfspital“ bekannt. Seit einigen Jahren aber nicht mehr auschließlich: Im Jahr 1991 übersiedelte das Ludwig-Boltzmann-Institut für Akupunktur, der Sitz der Gesellschaft für Akupunktur und die Akupunkturambulanz, aus der aufgelassenen Poliklinik in Wien in das Kaiserin Elisabeth-Spital. Neben der Akupunktur-Forschung im Boltzmannn-Institut ist die Betreuung und Versorgung der Patienten in der Akupunkturambulanz vorrangiges Ziel. Die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Lehre und Behandlung ist sehr eng, und das kommt sowohl dem Patienten als auch der Forschung zugute. Das Kaiserin-Elisabeth-Spital ist heute nicht nur „Kropfspital“, sondern auch eines der bedeutendsten Zentren für Akupunktur und ärztliche Akupunkturausbildung in Europa. Die Ambulanz im Rahmen der 2. Medizinischen Abteilung ist eine der wenigen Stellen in Österreich, an der Patienten auf Kassenkosten eine Akupunkturbehandlung bekommen können.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 3/2005

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