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14. Dezember 2005

Der „Knochen-Böhler“ und seine Weberknechte (Altes Medizinisches Wien 59)

Im Ersten Weltkrieg überlebte nur jeder zweite Verwundete einen Oberschenkel-Schussbruch. Im Spanischen Bürgerkrieg 1936 starb an der gleichen Verwundung nur mehr jeder Zwanzigste. Diese, fast als Wunder erscheinende Reduktion der Sterblichkeit beruhte im Wesentlichen auf einer besseren Behandlungsmethode, entwickelt im „Unfallkrankenhaus Wien XX“, beim „Knochen-Böhler“.

Lorenz Böhler (1885–1973) plante das erste Unfallkrankenhaus der Welt, die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt finanzierte es großzügig und 1925 öffnete es im 20. Wiener Gemeindebezirk in der Webergasse 2 seine Pforten. Das Organisationsgenie Böhler schuf hier ein Musterspital für Unfallchirurgie, das weltweit kopiert wurde. Am Dreikönigstag 1896 entdeckte der elfjährige Sohn eines Tischlers in Wolfurt in Vorarlberg im „Interessanten Blatt“ eine Fotografie, die seinen weiteren Lebensweg bestimmen sollte: das erste Röntgen einer Hand. Die Abbildung faszinierte Böhler so sehr, dass er sein Lesebuch damit einband, um das Bild immer vor sich zu haben. Dass seine Technik der Knochenbruchbehandlung einmal einen ähnlichen Stellenwert in der Unfallchirurgie haben würde wie die Röntgenstrahlen, ahnte er damals freilich noch nicht. Sein Entschluss, Chirurg zu werden, stand aber von da an fest.

Unterwegs als Schiffsarzt

Nach Abschluss seines Medizinstudiums 1911 in Wien arbeitete er kurz als Operationszögling an der Zweiten Chirurgischen Universitätsklinik, bereiste dann als Schiffsarzt die Welt, begann seine Ausbildung in Tetschen an der Elbe und sammelte Eindrücke, unter anderem an der Mayo-Klinik in Rochester. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges kehrte er nach Österreich zurück, um als Kriegschirurg an verschiedenen Fronten zu dienen.
Böhler erkannte bald, dass Bauchschüsse mit den damals vorhandenen Möglichkeiten wenig Chancen auf Heilung hatten. Bessere Erfolge erhoffte er sich bei Schussbrüchen, wenn er sie nach seinen Vorstellungen und nicht nach dem Reglement der Armee behandeln konnte. Die Chirurgen hatten kein großes Interesse an Knochenbrüchen und überließen dies den jüngsten und unerfahrensten Assistenzärzten. Bei seinen Einsätzen hatte er genügend Wissen über alle Arten von Schussverletzungen und Behandlungsmethoden gesammelt und gesehen, zu welch katastrophalen Ergebnissen die mangelhafte Ausbildung von Ärzten und Sanitätern führte.

Böhlers große Chance

Seine Chance kam, als ihm 1916 die Leitung eines Lazaretts für Leichtverwundete in Bozen, 30 Kilometer hinter der Front, übertragen wurde. Hier wollte er seine Vorstellungen bei Frischverletzten und auch Schussbrüchen umsetzen:

  • zuerst die Ruhigstellung der verletzten Extremität;
  • Gipsverbände durch Extensionen ersetzen, um trotz ausreichender Ruhigstellung auch die Wundverhältnisse überblicken zu können;
  • aktive Bewegung aller gesunden Gelenke, um unnötigen Muskelschwund und Gelenksversteifungen zu vermeiden, und
  • ununterbrochene Ruhigstellung der Fragmente bis zur knöchernen Heilung.

Hier wollte er beweisen, dass auch schwerste Verletzungen mit geringen Folgeschäden geheilt werden konnten. Da man ihm dies untersagte - er durfte ja nur leicht Verwundete behandeln -, griff er zur Selbsthilfe. Er bastelte selbst Extensionsgeräte und verschiedene Apparate, die er zur Behandlung benötigte. Gelernt hatte er dies in der Tischlerwerkstätte seines Vaters und in der Schlosserei seines Onkels. Aus den am Bahnhof haltenden Sanitätszügen „entführte“ er, nach Bestechung des Sanitätspersonals, Verwundete mit Knochen- und Gelenksschussverletzungen.

Mühsame Überzeugungsarbeit

Da er mit seinen Methoden die Anzahl der Amputationen nach Schussbrüchen deutlich verringern und außerdem seinen Patienten funktionstüchtige Gliedmaßen erhalten konnte, gelang es ihm schließlich doch, nach vielen Kämpfen gegen Dienstvorschriften und Militärbürokratie, seine Vorgesetzten und Kollegen von seinen Methoden zu überzeugen. So wurde noch 1916 das kleine Lazarett in Bozen das erste „Böhler-Krankenhaus“ zur „Spezialabteilung für Knochenschussbrüche und Gelenksschüsse“. 1917 bildete Böhler hier bereits 400 Ärzte aus.
Im Sommer 1917 fiel ihm bei einem Urlaub in Wien eine Broschüre mit den Statistiken der Österreichischen Arbeiterunfallversicherungsanstalt 1906 bis 1911 in die Hände. Aus dieser Veröffentlichung erfuhr er von den erschreckend schlechten Behandlungsergebnissen bei zivilen Unfällen. Nur neun Prozent nach Oberschenkelbrüchen und nur 20 Prozent nach Unterschenkelbrüchen konnten ohne Minderung der Erwerbsfähigkeit geheilt werden. Böhler erkannte in dieser Statistik sofort den ungeheuren volkswirtschaftlichen Schaden, der hier durch Verlust an Arbeitskraft und Rentenzahlungen entstand. Er sah die Chance für seine Behandlungsmethoden im Frieden. Mit einer exakten Kosten-Nutzen-Rechnung und seiner Statistik aus dem Lazarett in Bozen konnte er bereits 1919 dem Direktor der Anstalt beweisen, dass mit seinen Behandlungsmethoden den verletzten Menschen besser geholfen und überdies noch 50 bis 70 Prozent der Kosten eingespart werden könnten.
Die Schaffung einer eigenen Unfallstation der Arbeiterunfallversicherungsanstalt wurde daraufhin tatsächlich bewilligt. Die Inflation machte diese Pläne zunächst aber zunichte. Erst 1925 hatten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in Österreich soweit stabilisiert, dass man Böhler den Auftrag erteilte, im dritten und vierten Stock des Anstaltsgebäudes in der Webergasse ein Unfallkrankenhaus einzurichten und ihm als Primararzt und Direktor vorzustehen. Böhler schuf hier von Anfang an – neben dem Krankenhaus mit 140 Betten und dem ersten Unfallkrankenhaus der Welt – einen Lehr- und Forschungsbetrieb. Seine Kurse wurden zu einer medizinischen Weltmarke. Auf Bitten seiner Assistenten und Schüler in der Webergasse, den so genannten „Weberknechten“, verfasste er 1929 zunächst ein Manuskript von 17 Seiten, dann ein kleines Buch von 176 Seiten mit dem Titel „Die Technik der Knochenbruchbehandlung“. Die medizinischen Verlage hatten aber kein Interesse. Böhler musste sein Buch im Selbstverlag herausbringen und es in der Buchhandlung Maudrich in Wien zum Verkauf anbieten.

Ein Werk für die Welt

Der große Erfolg des Bändchens – die erste Auflage war in einigen Monaten vergriffen – überzeugte den Buchhändler Wilhelm Maudrich junior, der mit diesem Titel seinen Verlag für medizinische Wissenschaften gründete. Das Buch wurde zum medizinischen Bestseller. 1963 erlebte dieser Titel, mittlerweile auf 1.500 Seiten und 3.000 Abbildungen angewachsen, seine 13. Auflage und wurde in acht Sprachen übersetzt. „Ungefähr 110.000 Ärzte auf der ganzen Welt besitzen meine Bücher und arbeiten danach“, konnte Böhler 1965 feststellen. Böhler, der erst 1954, im Alter von 69 Jahren, ordentlicher Professor für Unfallchirurgie wurde, war zum „Vater der Unfallheilkunde“ geworden und das Haus in der Webergasse, die berühmte Adresse „Unfallkrankenhaus Wien XX“ , das er 38 Jahre leitete, zum Vorbild für Unfallkliniken auf der ganzen Welt.
Für Dinge neben der Unfallchirurgie hatte Böhler wohl weder Interesse noch Zeit. Er wohnte im Krankenhaus, wünschte bei schwierigen Fällen auch nachts geholt zu werden und pflegte auch noch – wahrscheinlich zur großen „Freude“ seiner Mitarbeiter – mitten in der Nacht zu visitieren. Böhler interessierte sich weder für Musik noch für Literatur, Theater oder Sport. Umso überraschender war es, dass Böhler eines Tages mit einem seiner Oberärzte zu einem Fußballspiel ging. Er schien zunächst tatsächlich interessiert. „Der läuft ja ohnehin wieder ordentlich! Jetzt können wir gehen“, erklärte Böhler nach acht Minuten und wollte wieder in die Webergasse zurück. Er hatte sich tatsächlich nur davon überzeugen wollen, ob der bekannte Stürmer, den er in der Webergasse behandelt hatte, wieder voll einsatzfähig war.
Böhler erlebte noch die selbständige Unfallchirurgie, für die er gekämpft hatte. Sein „ceterum censeo“, dass eine eigenständige Unfallchirurgie geschaffen werden muss, mit dem er jede seiner Reden, wie Cato im römischen Senat, 40 Jahre lang beendete, erfüllte sich mit der Gründung der beiden Lehrkanzeln für Unfallchirurgie 1971 in Wien. Am 20. Jänner 1973 starb Böhler in dem Spital, das heute seinen Namen trägt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 3/2004

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