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14. Dezember 2005

Wie die Wiener Schule der Augenheilkunde entstand (Altes Medizinisches Wien 58)

Die Wiener Schule der Augenheilkunde begann mit einem ebenso genialen wie skurrilen und geldgierigen Sonderling, der zwar alles andere im Sinn hatte als eine Schule zu gründen, aber dennoch ungewollt den Grundstein dafür legte: Joseph Barth (1745 bis 1818), Lektor der Augenheilkunde und der feineren Anatomie an der Wiener Universität.

Barths Ruf als Augenarzt und Staroperateur zog Patienten aus der ganzen Monarchie nach Wien - bei den enormen Honoraren ein höchst lukratives Geschäft. Und Barth, seit 1776 auch Augenarzt Kaiser Josephs II., war der Meinung, dass ein Augenarzt für die Residenzstadt Wien völlig ausreichend sei. Er achtete daher streng darauf, sein Wissen geheim zu halten. Erst auf allerhöchsten Befehl war er bereit, seine Kenntnisse einem Schüler weiterzugeben, den er aber ebenfalls zur Geheimhaltung verpflichtete. Dieser Schüler war Adam Schmidt, später Professor an der Josephsakademie, der unter seiner Anleitung ein vorzüglicher Staroperateur wurde. In die Geschichte der Medizin eingegangen ist er als der Arzt Beethovens, den der Komponist auch im berühmten „Heiligenstädter Testament“ erwähnte.

Geheimnisse des Meisters ausspioniert

Der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Wiener Schule der Augenheilkunde wurde aber jener Student, den Barth als Zeichner beschäftigte und jahrelang schamlos ausnutzte: Georg Joseph Beer (1763 bis 1821). Während seiner jahrelangen Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft und Zeichner spionierte er alle Tricks, Kunstgriffe und Geheimnisse des Meisters aus und ließ sich nach seiner Promotion als selbständiger Augenarzt in Wien nieder. In seiner Wohnung am Michaelerplatz richtete er 1786 eine Privatklinik ein und eröffnete gleichzeitig eine Ambulanz, in der er Arme kostenlos behandelte und fallweise sogar auf eigene Kosten verpflegte. Mit dem Patientengut dieser Ambulanz erteilte er auch privaten Unterricht in Augenheilkunde. Ab 1793 durfte er im Mai und Juni im Allgemeinen Krankenhaus mittellose Patienten operieren. Diese Monate erachtete man damals für Operationen als besonders günstig. Seit dieser Zeit versuchte er beharrlich, im Allgemeinen Krankenhaus eine eigene Augenklinik zu errichten. Barth und die Fakultät konnten dies aber jahrelang verhindern.

Okulistischer Armenarzt

20 Jahre nach der Eröffnung seiner Ambulanz erkannte die Regierung sein privates Augenambulatorium für Arme an und stellte Beer 1806 als okulistischen Stadt-Armenarzt an. Da die Zahl seiner Patienten ständig stieg, entschloss man sich endlich, 1812 im 4. Hof im Allgemeinen Krankenhaus eine klinische Abteilung für Augenkranke einzurichten und Beer mit der Leitung zu beauftragen. Obwohl die Klinik nur aus drei Räumen bestand, zwei Krankensäle mit je neun Betten und ein Hörsaal, der auch als Operationssaal genutzt wurde, war sie die medizinische Sensation für die Leibärzte der am Wiener Kongress (1814/15) teilnehmenden Herrscher. Erst 1818 wurde Beer Ordinarius und das Fach Augenheilkunde obligat. Eine große Zahl von Schülern verbreitete sein Lebenswerk weltweit. Beers Lehrbuch der Augenheilkunde war lange Zeit die Bibel der Ophthalmologen.
Lange war es Beer jedoch nicht vergönnt, seine Augenklinik zu leiten. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung musste er wegen eines Schlaganfalls die Lehrkanzel an seinen Schüler Anton von Rosas übergeben. Dieser konnte jedoch das Erbe Beers nicht fortsetzen und ist – vielleicht ein wenig unverdient – eher als Gegner von Semmelweis und Skoda im medizinhistorischen Gedächtnis haften geblieben.

Zweite Blüte der Wiener Schule

Erst mit Ferdinand Arlt (1812 bis 1887), 1856 von Prag nach Wien berufen, erlebte die Wiener Schule der Augenheilkunde eine zweite Blüte. Arlt, der sich bereits durch sein großes Lehrbuch der Augenheilkunde einen Namen gemacht hatte, galt neben seinem Schüler, dem weltberühmten Berliner Ophthalmologen Albrecht von Graefe, als der beste Augenarzt Europas. Er erkannte, dass die Ursache der Kurzsichtigkeit eine Verlängerung der Augenlängsachse ist und galt als Meister der operativen Techniken. Arlt beherrschte die Kunst, mit beiden Händen gleichermaßen geschickt und schnell zu operieren, ein entscheidender Vorteil in einer Zeit, in der es noch nicht möglich war, schmerzfrei zu operieren. Zu Ferdinand Arlt nach Wien pilgerten Schüler aus der ganzen Welt.
Kurz nach seiner Versetzung in den Ruhestand 1883 erlebte Arlt noch die Eröffnung der II. Universitäts-Augenklinik. Mit der Leitung dieser Klinik betraute man Eduard Jaeger (1818 bis 1884), einen Pionier des von Helmholtz erfundenen Augenspiegels.

Lokalanästhesie mit Kokain

Eine Pionierleistung nicht nur für die Augenheilkunde, sondern für die gesamte Medizin vollbrachte ein kleiner Sekundararzt dieser II. Augenklinik: Am 5. Juli 1884 entfernte Karl Koller (1857 bis 1944) erstmals einen Fremdkörper schmerzfrei aus dem Auge, und zwar durch Einträufeln einer zweiprozentigen Kokainlösung. Sein Bericht, den er auf der 16. Versammlung deutscher Augenärzte in Heidelberg am 15. September 1884 verlesen ließ, war eine medizinische Sensation. Von nun an war es möglich, schmerzlos am Auge zu operieren. Bald wurde das Verfahren auch von anderen Fachgebieten mit Erfolg eingesetzt. Der „Coca-Koller“, wie ihn Sigmund Freud, der Koller auf das Kokain aufmerksam gemacht hatte, nannte, war zum Begründer der Lokalanästhesie geworden. Ferdinand Arlt erlebte noch, allerdings bereits im Ruhestand, die Einführung der Kokainanästhesie am Auge. Mit ihr konnten jetzt auch „gewöhnlich Sterbliche mit einigermaßen gewandter Hand“ Augenoperationen ausführen.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 2/2004

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