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14. Dezember 2005

Die Medico-Chirurgen – vom Handwerk zur Wissenschaft (Altes Medizinisches Wien 96)

Das Josephinum in der Währingerstraße ist das Symbol für den Aufstieg der Chirurgie vom Handwerk zur Wissenschaft. Der Plan von Joseph II., den Chirurgen eine bessere und gründlichere Ausbildung und letztendlich die Medizin und Chirurgie zu vereinen, gelang allerdings nur teilweise.

Joseph II. kannte den erbärmlichen Zustand seines Heeressanitätswesens genau. Die Armee hatte damals neben ausgebildeten Ärzten, die aber innerhalb der Armee kein sehr großes Ansehen genossen, meist nur Feldschere. Diese waren meist nur angelernt und hatten oft eine schlechtere Ausbildung als Handwerker. Der Ärztestand war in „Mediziner“ – die gelehrten Ärzte – und „Chirurgen“ – die handwerklich ausgebildeten Wundärzte – gespalten, was sich besonders beim Militär ungünstig auswirkte. Joseph II. plante zwei Verbesserungsmaßnahmen: die Schaffung nur einer Gattung von Sanitätspersonen, einer neuen Kategorie von Ärzten, den Medico-Chirurgen, und die bessere Ausbildung dieser Gruppe in allen Bereichen der Medizin.

Gescheiterte Vereinigung

Nur ein paar Schritte vom Allgemeinen Krankenhaus entfernt ließ Kaiser Josef II. seine, nach dem Allgemeinen Krankenhaus, zweite große soziale Fürsorgeanstalt errichten: das Garnisonspital und die „Medizinisch-Chirurgische Josephs-Akademie“, das Josephinum – ein Institut zur Ausbildung von Medico-Chirurgen für die Armee. Diese Medico-Chirurgen sollten zunächst einmal der Armee, später aber auch der Zivilbevölkerung zur Verfügung stehen. Der Plan für diese Anstalt stammte vom Oberstabschirurgen, dem „Protochirurgen“ Giovanni Alessandro Brambilla (1728 bis 1800). Ab 1799 hatte Brambilla begabte Feldärzte zum Studium nach Frankreich und England geschickt, um danach ein Lehramt in der neuen Schule des Sanitätsdienstes übernehmen zu können. 1783 war auch das chirurgische Studium zu einem ebenso freien erklärt worden wie das medizinische. Damit waren die „Doctores der Chirurgie“ jenen der Medizin gleichgestellt. Mit der Eröffnung der Josephs-Akademie am 7. November 1785 glaubte Brambilla sein Ziel erreicht zu haben. Hier wollte er eine neue Generation von Chirurgen heranbilden und dem Wunsche des Kaisers gemäß die Vereinigung von Chirurgie und Medizin durchsetzen. Zweck der Akademie war es, in einer reichlich mit Lehrmaterial ausgestatteten Schule die „Wundarzneykunst“ weiterzuentwickeln und auch in Wien eine ähnliche Institution wie die „Academie royale de chirurgie“ in Paris zu schaffen.
Aber Brambilla, der selbst aus dem minder geachteten Stand der Chirurgen stammte, vergrämte bereits in seiner Eröffnungsrede die Mediziner. Seine Bevorzugung der Chirurgie wurde bereits in den ersten Sätzen deutlich: „Es geschieht mehrmal, dass man bey einem vorhandenen Steine in der Blase, oder bey einer Brust-, Bauch- oder Herzbeutelwassersucht eine Menge Arzneymittel ohne den geringsten guten Erfolg brauchet, woraus die Unkräftig- und Unzuverlässigkeit der innerlichen Heilkunst genugsam erhellet; aber die geschickte Hand eines Wundarztes kann diese schädlichen harten oder flüssigen Körper herausziehen, wodurch die zerrüttete Gesundheit des Kranken ungemein verbessert oder ganz hergestellt wird. Eben so kann der Wundarzt, wenn ein Patient die Bräune hat, wo er wegen der stark entzündeten Luftröhre jeden Augenblick Gefahr läuft, zu ersticken, durch einen Einschnitt in die Luftröhre der Luft einen freien Aus- und Zugang verschaffen, und den Leidenden retten.“
Solche Worte machten „bei den Aerzten viel böses Blut. Er rühmte die Vorzüge der Chirurgie vor der Medicin, setzte den Werth der letzteren in unbilliger Weise herab und bedachte nicht, dass er doch beide Wissenschaften mit einander vereinigen wollte. Die Aerzte fühlten sich in ihrer Würde tief beleidigt und sahen schon im Voraus wie der Doctortitel den Wiener Wundärzten den Kopf schwindelig machen würde“.
Im Josephinum gab es zwei Ausbildungswege. Die Akademie, nach deren Abschluss der „Doktor der Chirurgie“ auch berechtigt war, außerhalb der Armee den ärztlichen Beruf auszuüben, und den „kleinen Kurs“, an dem auch Zöglinge aus der Zivilbevölkerung als Vorbereitung für den „großen“ Kurs teilnehmen konnten. Obwohl das Josephinum mit dem dazugehörigen Garnisonspital für den praktischen Unterricht und dem reichlichst zur Verfügung gestellten Anschauungsmaterial – besonders bekannt sind bis heute die anatomischen Wachsmodelle – seinem Zweck in vorbildlichster Weise entsprach, konnte die Anstalt die in sie gesetzten Erwartungen nicht vollständig erfüllen. Über die mannigfaltigen Gründe sind sich auch Historiker nicht ganz einig. Während die einen den Lehrkörper und vor allem Brambilla – „einen ganz unfähigen Italiener“ – dafür verantwortlich machten, dass die Anstalt nie richtig erblühte, entsprachen für andere „die Lehrkräfte, denen die Heranbildung der Militärärzte anvertraut wurde, zweifellos ihrer Aufgabe und manche von ihnen erfreuten sich auch als Männer der Wissenschaft guten Rufes“. Ein Fehler Brambillas war es sicherlich, dass er von Anfang an mit der Universität in heftigen Wettstreit trat. Seine Unfähigkeit, den Zeitgenossen die Notwendigkeit dieser sicherlich kostspieligen Bildungsanstalt klar zu machen, tat ein Übriges. Brambilla leitete die Anstalt bis 1791.
1804 entstand im Josephinum eine Einrichtung, die später von der Uni kopiert wurde und über ein Jahrhundert lang den chirurgischen Unterricht in Wien bestimmte: das „Operationsinstitut“. Ziel war es, in dieser Anstalt „die möglichst vollkommenste und individuellste Ausbildung der Zöglinge in der operativen Heilkunst“ zu erreichen. An der Chirurgischen Universitätsklinik bestand die Einrichtung noch unter Theodor Billroth, Anton von Eiselsberg und Julius Hochenegg. Das Operateurinstitut war „die vornehmste Ausbildungsstätte der österreichischen Primarchirurgen“.

Die verhasste Nebenbuhlerin

Massive Kritik am Josephinum gab es von Anfang an. So erreichten seine Gegner schließlich 1820 das erste Mal die Stilllegung der Anstalt. Nach einer Reorganisation und verschiedenen Verbesserungen, so wurde etwa ein chemisches Labor angelegt, eröffnete das Josephinum am 6. November 1824 ein zweites Mal. Aber auch diese zweite Periode war kaum erfolgreicher als die erste. Die Universität bekämpfte nach wie vor die „verhasste Nebenbuhlerin“. Spott und Hohn erntete die Anstalt nach einem groß angelegten Versuch, die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel zu erproben. Man hoffte, durch die wesentlich billigeren homöopathischen Arzneimittel große Einsparungen zu erzielen. Die kranken Soldaten, die erfahren hatten, dass man mit ihnen Versuche machte, baten „kniefällig, dem Schwindler nicht ausgeliefert zu werden; sie seien doch auch Menschen und hätten ein Recht auf ärztliche Behandlung“. Das Ergebnis des therapeutischen Massenexperiments beurteilte man behutsam: „Man habe sehen können was die Natur vermag“.
Bereits 1846 versuchte das Unterrichtsministerium, die Lehrkanzeln der Universität und des Josephinums zusammenzulegen. 1848 ordnete dann Kaiser Ferdinand, der Gütige, die Vereinigung von Universität und Josephs-Akademie an. Die Akademie war somit ein zweites Mal aufgelassen. Aber die Armee brauchte Chirurgen. Bereits 1851 errichtete man im Josephi­num ein „feldärztliches Institut“, 1854 kam es zur neuerlichen Eröffnung der Josephs-Akademie. Wenn auch der Lehrkörper in dieser dritten Periode jenem der Universität ebenbürtig und „eine illustre Versammlung von Forschern und Lehrern europäischen Formats“ war, blieb diese kostspielige Einrichtung weiterhin Gegenstand der Kritik. Vor allem aus finanziellen Gründen wurde die Akademie 1874 endgültig aufgelöst. Bis nach dem 1. Weltkrieg verwendete man das Gebäude noch für militärärztliche Kurse und als militärärztliche Applikationsschule. Das Institut für Geschichte der Medizin bezog 1920 auf Betreiben des Internisten Karel Frederik Wenckebach das ehrwürdige Gebäude.

Seiner Zeit weit voraus

Die „Josephs-Akademie“ war das „erste Institut der Welt, welches die lebendige Vereinigung der Medicin und Chirugie aussprach“. Dass diese Gründung Joseph II. nicht so erblühte wie das Allgemeine Krankenhaus, hat vielfältige Gründe. Ein Fehler war wohl, dass man die Vereinigung der Medizin mit der Chirurgie anstrebte, aber die Chirurgie doch zu sehr bevorzugte. Zur Vereinigung und Verschmelzung der beiden Fächer kam es erst 1872, als der Doktor medicinae universae als einzige Graduierung des Arztes auf der Universität Wien durchgesetzt wurde. Das „Jahrhundert der Chirurgen“ begann erst mit der Erfindung der Narkose und den aseptischen Operationsmethoden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Joseph II. war eben auch bei der Gründung dieser Institution seiner Zeit weit voraus.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 1/2005

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