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19. Jänner 2006

Alle 80-Jährigen sind betroffen

Arthrosen stehen in der Häufigkeit an der Spitze aller rheumatischen Erkrankungen
Von Prim. Dr. Ernst Wagner, Baden

Epidemiologische Studien haben definierte Klassifikationskriterien für die untersuchte rheumatische Erkrankung als Basis. Für Arthrosen sind sowohl radiologische Kriterien als auch rein klinische Kriterien vorhanden, die bei der Datenbeurteilung zu berücksichtigen sind.

Vergleichbare Studiendaten zur Prävalenz

Arthrosen stehen in der Häufigkeit an der Spitze aller rheumatischen Erkrankungen, ihre Prävalenz ist alters- und geschlechtsabhängig. Im Alter von über 80 Jahren haben praktisch alle Menschen an zumindest einer Lokalisation eine radiologisch definierte Arthrose. Nur ein Teil ist klinischsymptomatisch. Studien über die Prävalenz der nach radiologischen Kriterien definierten Arthrosen brachten vergleichbare Resultate in verschiedenen Populationen (Van Saase et al., 1989). Tabelle 1 zeigt ausgewählte Daten einer Studie aus den USA (nach Altman R., 1991) über Arthrosen in den Kellgrenstadien 2-4. Daten einer niederländischen Studie ergaben bei den Fingerpolyarthrosen eine stärkere Dominanz des weiblichen Geschlechts, eine doppelt so hohe Prävalenz der Gonarthrose und eine dreifach so hohe Prävalenz der Coxarthrose in der Altersgruppe zwischen dem 65. und 74. Lebensjahr gegenüber den in der Tabelle angeführten US-amerikanischen Daten. Bei der Coxarthrose war das Geschlechtsverhältnis ausgeglichen, wurden nur die schweren Fälle betrachtet, ergab sich wiederum ein Überwiegen der Frauen. Prävalenzdaten klinisch symptomatischer Arthrosen ergeben 1,6 bis 9,4 Prozent für das Kniegelenk und 0,7 bis 4,4 Prozent aller Erwachsenen für das Hüftgelenk (Daten aus der US-Population; Felson, 1998). Die Prävalenz nimmt mit dem Lebensalter zu, die der Gonarthrose erreicht bei Frauen im Alter von über 70 Jahren etwa 36 Prozent. Tabelle 2 zeigt die Prävalenzdaten symptomatischer mittelschwerer und schwerer Arthrosen aus einer eigenen Untersuchung in drei österreichischen Bundesländern. Die primären Arthrosen überwiegen bei allen Arthroselokalisationen bei weitem. Nur bei der Coxarthrose ist ein erheblicher Anteil an sekundären Arthrosen (zum Beispiel durch Hüftdyspla-sien) auszumachen.

Risikofaktoren: Geschlecht, Alter, Gene, Überbelastung

Für jede Lokalisation lassen sich aus epidemiologischen Daten Risikofaktoren für das Auftreten und die Progression der Arthrose abgrenzen. Risikofaktoren einer symptomatischen Arthrose sind Alter, genetische Faktoren und weibliches Geschlecht. Für das Kniegelenk konnten weiters als lokale Risikofaktoren größere Gelenkstraumen (Knorpel-, Meniskus- oder Kreuzbandverletzungen), repetitiver Stress (repetitive Mikrotraumen), Überbelastung, Quadricepsschwäche und Übergewicht eruiert werden. Das Übergewicht stellt insbesondere einen Risikofaktor für die Gonarthrose dar, während die Zusammenhänge bei der Coxarthrose nicht so deutlich beziehungsweise die Daten inkonsistent sind. Als Progressionsfaktoren einer bereits symptomatischen Gonarthrose sind Übergewicht, weibliches Geschlecht, Alter und die Präsenz von Heberden’schen Knoten bekannt.

Hinweise zur Prävention

Präventive Strategien mit potenzieller Reduktion der Inzidenz der Gonarthrose beinhalten daher: Beseitigung von Übergewicht, Prävention von Gelenks-traumen, arbeitsmedizinische Maßnahmen mit Elimination von Tätigkeiten, die häufige Kniebeugen, Knien und das Tragen schwerer Lasten erfordern (nach Felson, 1998). Beim Hüftgelenk sind in erster Linie häufiges Bücken, langes Stehen, Gehen über unebenen Grund und Heben oder Tragen schwerer Lasten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Coxarthrose. Die Auswirkungen von Arthrosen auf die Funktion der Betroffenen zeigte eine US-amerikanische Studie von 2000. Acht Prozent aller 60-Jährigen mit Arthrose zeigen Limitationen ihrer Aktivität durch die Erkrankung, diese Zahl verdoppelt sich bei 80-Jährigen fast. Mit zunehmender Lebenserwartung steigt die Gesamtzahl der symptomatischen Arthrosen und damit ihre gravierenden Konsequenzen auf die körperliche Funktion und Lebensqualität. Die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen ist mit erheblichen Kosten für den Einzelnen und die Gesundheitssysteme verbunden. Diese epidemiologischen Daten müssen als Konsequenz die vermehrte Auseinandersetzung der Ärzte verschiedener Fachdisziplinen mit Forschung und Praxis auf dem Gebiet der Prophylaxe, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation der Arthrosen fordern.

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Kontakt: Prim. Dr. Ernst Wagner,
Rheuma- sonderkrankenanstalt der NÖGKK Baden,
Sauerhofstraße 9-15
Ludwig-Boltzmann-Forschungsstelle für
Epidemiologie rheumatischer Erkrankungen
Institut für Rheumatologie der Kurstadt Baden

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