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29. September 2005

Werbung ist für alle da – so sollte es zumindest sein

„Faltenfrei zum Diskonttarif“ titelt die Presse einen Artikel über einen Kiefer­chirurgen, der mit einem Lebensmittel­diskonter Botoxbehandlungen zum Diskontpreis bewirbt. Reflexartig kam es zum Aufschrei der Standesvertretung. Zu offensichtlich verstößt die Aktion gegen die aktuellen Werberichtlinien, die „marktschreierische“ Werbung untersagen. Wenngleich man sich in honorigen Kammerkreisen ständig darauf beruft, die Werberichtlinien ohnehin schon liberalisiert zu haben, wird man sich angesichts des Zeitgeistes in der Werbung mit dem Thema neuerlich auseinandersetzen müssen. Es genügt einfach nicht mehr, nur die Größe von Ordinationstafeln zu reglementieren und damit Ordnungsgläubige zu gängeln, wenn sich „schwarze Schafe“ keinen Deut um alles andere scheren. Längst haben Findige einen Weg gefunden, sich ­­– oft knapp am Rande der Legalität – ins „rechte Licht“ zu rücken. Besonders beliebt sind Pseudointerviews und die Beantwortung von Patientenfragen in Tages- und Wochenzeitungen, Gratisblättern usw. Da springen dem Leser nahezu „Vorher-/Nachher-Fotos“ diverser Schönheitschirurgen, Dermatologen oder Allgemeinmediziner und anderer ins Gesicht und suggerieren die „einzig glücklich machende Adresse“.
Zu verhindern sind derartige „Auswüchse“ mit den derzeitigen Richtlinien und Mechanismen nicht. Auf diese Art wird jedenfalls für alle „Braven“ ein Wettbewerbsnachteil geschaffen. Einschränkende Reglementierungen sollten daher weit­gehend ganz abgeschafft werden. Im Zeitalter des aufgeklärten und mündigen Patienten, dem alle nur denkbaren Möglichkeiten zur Information offen stehen, bedarf es sicher keiner Schutzmaßnahmen, wie es die derzeitige Regelung vorsieht. Gerade im Informationszeitalter muss es allen Ärzten erlaubt sein, ihre Leistungen anbieten zu können, ohne mit einem Fuß im Disziplinar zu stehen. Dann werden die Patienten auch vermehrt seriöse Informationen vorfinden, die es ihnen leichter machen, die bessere Wahl zu treffen. Eine völlige Liberalisierung würde auch dem wunderbaren Stehsatz in der Fern­sehwerbung „Fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker“ den bitteren Beigeschmack nehmen. Wie kommt denn schließlich ein Arzt dazu, ungefragt zur Verkaufshilfe zu mutieren?! Da lassen die Mehrzahl der Kollegen Botoxangebote über Supermärkte viel eher kalt.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 44/2004

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