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29. September 2005

Drängeln am Markt für die Gesundenuntersuchung

Nach langem Gerangel hinter meist verschlossenen Türen wurde nunmehr der neue Vorsorgekatalog präsentiert. Das Ergebnis der Verhandlungen war ein Kompromiss zwischen den Ärzten an der Patientenfront – die sich ausschließlich ihren „Kunden“ verpflichtet fühlen – und den Kassenbürokraten, die unter Berufung auf Kriterien der Evidence-based Medicine (EBM) nur einem tunlichst schmalen Repertoire zustimmen wollten. Das 30 Jahre alte VU-Programm wurde „entrümpelt“: Was übrig blieb, ist fast ausschließlich Lebensstilberatung; erst im letzten Moment konnten die Ärztevertreter noch ein paar Laborparameter hinein reklamieren. Bis Ende 2006 – dann wird man weitersehen. War es doch gelungen, die PSA-Bestimmung mit dem Argument zu killen, es würden zu viele Prostatabiopsien induziert werden! Die einzige Chance, Männer im Alter von 50 plus vermehrt zu Urologen zu bringen, wurde aus profanen Gründen verspielt. Gestrichen wurden Teile der Harnunter- suchung, Blutsenkungsgeschwindigkeit und Harnsäurebestimmung. Erst gar nicht aufgenommen wurden Spirometrie und EKG. Dem nördlichen Nachbarn und dem internationalen Trend folgend, wurde dafür die Colonoskopie mit Jahren Verspätung in den Katalog aufgenommen.Als Honorar sind 75 Euro vorgesehen. Ob unter diesen Arbeitsbedingungen dem Wunsch der Ministerin, die Ärzte mögen die Vorsorgeuntersuchung besser „verkaufen“, Rechnung getragen werden kann, ist mehr als fraglich. Hinzu kommt, dass schon jetzt Institute und manche Krankenkassen ein umfangreicheres Vorsorgeprogramm an-bieten. Dieser Tage monierte sogar einärztlicher Direktor eines Wiener Schwerpunktkrankenhauses die Idee, Vorsorge-untersuchungen in Spitalsambulanzen anzubieten. Super!

Die Abgangsdeckung macht‘s möglich: Öffentliche Institutionen drängen in den Vorsorgeuntersuchungsmarkt mit konkurrenzlosen Paketen. Der niedergelassene Bereich, der angeblich immer mehr Aufgaben übernehmen soll, um die überteuren Spitäler zu entlasten, wird einmal mehr düpiert. Der Trend scheint nicht aufzuhalten zu sein. Während über die Sinnhaftigkeit einer Privatisierung von Spitalsambulanzen diskutiert wird, wachsen alle möglichen interdisziplinären Spezialambulanzen wie Schwammerl aus dem Boden. Dort wird Patienten dann wirklich alles geboten, was es anzubieten gibt – und wenn es nur eine „To do-Liste“ für den Hausarzt ist.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 42/2004

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