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29. September 2005

Politik auf Zuruf

Natürlich ist die Chefarztpflicht noch immer ungenügend geregelt und das Problem noch lange nicht gelöst. Gebetsmühlenartiges Vorbringen seitens der Verantwortlichen auf Sozialversicherungsseite, „es sei alles bestens“, wird durch die gelebte Realität im Patientenalltag der Lüge geziehen. Alle unmittelbar heftig Betroffenen – Patienten und Kassenärzte – wissen ein Lied davon zu singen. Dass die Pharmaindustrie sich in der Optimierung der Geschäfte mit der gängigen Regelung nicht „unterstützt“ fühlt, ist verständlich. Auch verständlich ist, dass sich Patientenvertreter mehr oder weniger häufig angesichts der „Reformen“ zu Wort melden. Dies sind einerseits die behandelnden Ärzte, die sich ja ständig um das Wohlergehen ihrer Kundschaft schon von Berufswegen zu kümmern haben. Andererseits jedoch haben gerade in letzter Zeit die institutionalisierten Patientenanwälte der Bundesländer anscheinend eine viel versprechende Möglichkeit entdeckt, sich medial in Szene zu setzen. Keine Gelegenheit auslassend, eine Wortspende los zu werden, präsentiert sich immer öfter der niederösterreichische Patientenanwalt. So konnte er der Versuchung wohl nicht widerstehen, den Vorschlag Beate Hartingers nach Einrichtung eines „Behandlungsfehlerregisters“ sofort Zustimmung zu zollen. Das allein wäre ja noch nicht schlimm. Wenn ihm aber dann die Pferde durchzugehen scheinen und er eine sofortige Installation fordert, kann man Schlimmes befürchten. Speed kills! Dafür gibt es in unserem Gesundheitssystem in jüngster Vergangenheit leider nur allzu viele Beispiele. Während „ho-ruck“-Medizin verpönt ist, scheint niemanden auf politischer und administrativer Ebene zu stören, dass wesentliche Änderungen der Infrastrukturen nahezu auf Zuruf geschehen. Längst hat sich offensichtlich der Patient und Wähler daran gewöhnt, ständig Neuerungen ausgesetzt zu werden, die nicht immer (der Gesundheit) zuträglich sind. Dafür auch noch bezahlen zu dürfen, unterliegt der selben Gewohnheit wie jahrzehntelange Rückenschmerzen. Diese können zumindest mit Hilfe des Hausarztes gelindert werden. Im anderen Fall kann man bestenfalls die Zähne zusammenbeißen. Was bei einem Patientenanwalt hilft, der sich so gerne als Zurufer sieht, wissen nicht einmal Ärzte.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 20/2005

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