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29. September 2005

Risikogeburt Zahnärztekammer

Schon seit langem pfiffen es die Spatzen von den Dächern: Durch den seitens der EU vorgegebenen eigenen Zahnarztberuf mit einem vom Medizinstudium abgekoppelten Universitätsstudium drängt sich eine Neuordnung der zahnärztlichen Berufsorganisation auf. Seitens des Gesetzgebers laufen längst die Vorbereitungen für eine entsprechende (Ärzte)Gesetznovelle. Zur Diskussion stand eine unveränderte Mitgliedschaft der ZahnärztInnen in den Ärztekammern oder eine eigenständige Standesvertretung. Die Würfel sind gefallen. In einer Urbefragung votierte die Mehrheit für eine selbständige Kammer. Bei einer für die Zahnärzteschaft typischen hohen Wahlbeteiligung von über 72 Prozent entschieden sich 52,2 Prozent für die neue Selbständigkeit. Diese knappe, jedoch eindeutige Mehrheit verursacht nun großes Kopfzerbrechen. Den 4.161 Zahnbehandlern bot die Zugehörigkeit zu den Ärztekammern mit insgesamt 38.731 Mitgliedern eine satte Rückendeckung. In Zukunft werden sie im Orchester der freien Berufe eine kleinere Rolle spielen. Ob sich damit die Ausgangssituation verbessert, um sich gegen die „Ostkonkurrenz“ besser verteidigen zu können, ist zu bezweifeln. Doch es zeichnen sich noch weitere Probleme ab: Als besonders gut verdienende Fachgruppe haben die Mitglieder bedeutende Beiträge in die Wohlfahrtsfonds eingezahlt. Diese Gelder herauszulösen, wird kaum ohne Schrammen abgehen. Eine österreichische Lösung zu suchen und das Kapital weiter in den Fonds zu belassen, wird weder einfach noch friktionsfrei sein.

Herzflattern dürften so manche Kammerpräsidenten bei dem Gedanken bekommen, dass ihnen ihre mehrheitsbeschaffenden Partner abhanden kommen. Mit einem durchschnittlichen Elf-Prozent-Anteil waren die Zahnärzte in der Vergangenheit nur allzu oft jenes Zünglein an der Waage, das über „Präsident sein oder nicht sein“ entschied. Die bei den Nichtzahnärzten deutlich geringere Wahlbeteiligung – vergleiche z. B. Wien 45,9 Prozent gegenüber 79,4 Prozent im Jahre 2003 – lässt jegliche „Sesselhaftung“ zum Lotteriespiel werden. Noch spielt man allseits auf Zeit: Zuerst wird das Wahlergebnis in den eigenen, dann in den Kammergremien und auf ÖÄK-Ebene zu beraten sein. Unter Beibehaltung der üblichen „Schnelligkeit“ könnte es nur allzu leicht passieren, dass der Gesetzgeber wieder einmal vollendete Tatsachen schafft, die es dann gilt, mit zur Gewohnheit gewordener Improvisation zu meistern. Alles in allem steht uns eine schwierige Geburt bevor.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 6/2005

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