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29. September 2005

Latrinendienst und leere Sprüche

Es ist eigentlich eine ureigene Aufgabe der Gesundheitspolitik, die medizinische Versorgung der Bevölkerung in der Zukunft sicher zu stellen. Dazu gehört natürlich eine ausreichende Anzahl entsprechend qualifizierter Ärzten. Eine Qualifikation, die man nur mit adäquater Ausbildung sicherstellen kann. Dass die Ausbildung unseres Ärztenachwuchses im Argen liegt, ist nichts wirklich Neues. Neu ist nur die Vielfalt an Reaktionen auf eine vernichtende Kritik der Grünen Gesundheitssprecherin Sigrid Pilz am Wiener Ausbildungssystem. Guten Morgen, meine Herrschaften! Seit langem ist bekannt, dass Turnusärzte zunehmend zu „niederen“ System erhaltenden Diensten herangezogen werden, die genauso wenig mit der Ausbildung zum Arzt zu tun haben wie der Latrinendienst eines Bundesheerrekruten mit der Ausbildung zum Soldaten. Dass der Zug eigentlich schon seit Jahrzehnten(!) in diese Richtung fährt und ständig an Geschwindigkeit zunimmt, kann wohl kaum einem österreichischen, geschweige denn einem regionalen Kammerpräsidenten verborgen geblieben sein. Es hätte wohl nicht unbedingt des Pilzschen Fingers in der Wunde gebraucht, um aufzuwachen und herzhaft die Sache anzugehen. Eigenartigerweise – oder nicht? – wird dieses Thema auf Standesvertretungsebene nur alle vier Jahre etwas intensiver „aufgekocht“, um dann nach den Wahlen wieder in den üblichen Trott zu verfallen. Gänzlich ignorieren kann man die Turnusärzteschaft wohl schon deshalb nicht, weil die Azubis ja ein ganz respektables „Stimmvieh“ darstellen. Buuuh! Sie wollen es nicht glauben? Die Realität ist noch viel absurder: Ein renommierter Primarärztesprecher (Name der Redaktion bekannt) soll die Idee verfolgen, eine gemeinsame Plattform „Primarärzte & Turnusärzte“ ins Leben zu rufen, denn an so vielen „Nasen“ führt kein Weg vorbei.

Der Krankenanstaltenverbund in Wien als einer der größten Brötchengeber für Turnusärzte „bemüht“ sich nach Eigenangaben. Bei Endloswartelisten ist der akute Handlungsbedarf wohl eher gering. Brettenthalers Sager von „skandalösen Zuständen“ zum aktuellen Thema relativiert sich bei einem Langzeitpräsidenten in der Sekunde, wo die Wortspende seine Lippen verlässt. Letztlich gehört er alsösterreichischer Ärztekammerpräsident auch zu jenen Gesundheitspolitikern, die für die Sicherung der Qualität derärztlichen Versorgung in der Zukunft Sorge zu tragen haben. Und das schon seit Jahren.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 5/2005

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