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9. Dezember 2005

Problemzonen der „Gender Medizin“

Zu den wesentlichen Problemzonen der Gender Medizin gehört die Einbeziehung von Frauen in klinische Studien. Dabei muss überlegt werden, bis zu welchem Grad es Sinn macht, geschlechtssensible Analysen zu verlangen, und unter welchen Bedingungen Frauen in Studien aufgenommen werden sollen. Adäquates Studiendesign und entsprechende Zielsetzung sind ebenso zu beachten.

Die Vorlage des National Institute of Health (NIH) in den USA kann beispielgebend sein. Sie legt fest, dass für Frauen relevante Medikamentenprüfungen nur dann finanziert werden, wenn Frauen im Forschungsansatz, der Erhebung und Analyse explizit berücksichtigt sind. Bereits seit 1994 liegen in den USA ethische und rechtliche Richtlinien für die Aufnahme von Frauen in klinische Studien vor. Darüber hinaus müssen auch neue Forschungsfragen formuliert werden. Wie wichtig dabei die jeweilige Rückkoppelung von biologischen und sozialen Fragestellungen, von Interdisziplinarität und Forschungstransfer ist, zeigt das Beispiel des plötzlichen Herztodes bei Frauen. Die Ernährungswissenschaften weisen aktuell ein Selendefizit von Frauen gegenüber Männern auf. Gleichzeitig werden kardiovaskuläre Erkrankungen in Zusammenhang mit Selenmangel gebracht, und einige Untersuchungen ergaben eine positive Korrelation von niedriger Selenkonzentration und plötzlichem Herztod. Zu klären gilt, ob der geringere Selenspiegel bei Frauen, möglicherweise verursacht durch bewusstere Ernährung (fleischarm), zu einem Defizit führt, das den plötzlichen Herztod begünstigt.

Mammographie-Screening

Obwohl die Herzkreislauferkrankungen auch bei Frauen an erster Stelle stehen, wird die weibliche Brust als zentrales „Risikoorgan“ ins Visier genommen. Dabei bestimmt seit Entdeckung der Gen-Aberrationen BRCA1 und BRCA2 in der (sekundären) Krebsprävention die Vorstellung vom Gen als Auslösefaktor von Brustkrebs die weitere Regie der Diagnoseverläufe. Bei einem Gentest mit positivem Befund wird höherfrequente Mammographiekontrolle empfohlen. Was aber bislang keinerlei Eingang in die Diskussion gefunden hat, sind die Warnungen von Radiologen, die in der Kombination von genetischer Prädisposition und Mammographie als Früherkennungsmaßnahme einen synergetischen Effekt befürchten. Tatsache ist, dass die vererbte genetische Aberration für sich nicht zwingend Krebs auslöst, sondern weiterer genetischer Veränderung bedarf, bevor eine prädisponierte Zelle entartet. Als sicher gilt jedoch, dass überwiegend Doppelstrangbrüche der DNS durch Strahlung induziert werden, die über Chromosomenveränderungen zu einem manifesten Strahlungskrebs führen können. Durch die Vorannahme, dass die ererbten, so genannten Brustkrebsgene das eigentliche Risiko darstellen, würde somit nach mehreren Mammographien ein positiver Befund zur falsch positiven Aussage führen, dass der prädisponierte Faktor für das Auftreten der Krankheit verantwortlich ist, während es sich tatsächlich um einen iatrogenen Schaden handelt.

Benachteiligung im Alter

Die besonderen Probleme der geschlechtsspezifischen Altersforschung werden an der längeren Lebenszeit von Frauen bei gleichzeitig erhöhter Multimorbidität ersichtlich. Schon lange ist der „gender gap“ in der sozialen Absicherung älterer Frauen gegenüber Männern bekannt. Armut als Krankheitsfaktor muss daher in den weiteren Überlegungen der Gesundheits(system)forschung, der Epidemiologie und der Geriatrie als geschlechtsspezifische Größe berücksichtigt werden. Frauen sind als die sozial schlechter gestellte Gruppe stärker von den Auswirkungen der Sparmaßnahmen betroffen

Quelle: „Gender Medizin. Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis“, von Anita Rieder, Brigitte Lohff (Hrsg.),
Springer Wien New York, 2004.

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