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9. Dezember 2005

Geschlechtsspezifische Rehabilitation macht Sinn

Gender-bedingte Unterschiede in der Rehabilitation können Beeinträchti-gungen der Körperfunktionen und Aktivitäten der PatientInnen betreffen sowie die Teilnahme am sozialen Leben.

Generell geben mehr Frauen als Männer muskuloskeletale Schmerzen an. Die Schmerzen sind stärker, häufiger und ausgedehnter als bei Männern. Auch bei alten Menschen kommt es zu geschlechtsspezifischen Aktivitätsverlusten. Etwa 40 Prozent der Frauen mittleren Alters suchen wegen muskuloskeletaler Schmerzen einen Arzt oder eine Ärztin auf, wobei die Prävalenz mit steigendem Alter zunimmt. Die von Frauen häufiger artikulierten Schmerzen scheinen Untersuchungen zufolge vorwiegend in biologisch erklärbaren Ursachen zu liegen. Ist doch bei Frauen der Verlust der Knorpel- und Knochenmasse hormonell bedingt signifikant ausgeprägter als bei Männern. So erleiden etwa 40 Prozent der Frauen während ihres Lebens eine Knochenfraktur gegenüber dreizehn Prozent der Männer. Frauen geben stärkere, häufigere und ausgedehntere Schmerzen als Männer an. Das Fibromyalgie-Syndrom tritt bei Frauen wesentlich häufiger auf, die Ursachen sind in der unterschiedlichen Schmerzperzeption, aber auch in psychosozialen Aspekten zu sehen. Mobilitätsprobleme im Alter Die geschlechtsspezifischen Aktivitätsverluste im Alter sind bei Frauen mit niedrigerem Einkommen und geringerem Ausbildungszustand zu finden. Die bestehenden Mobilitätsprobleme hatten den größten negativen Einfluss auf die täglichen Aktivitäten.

Bedarf, Planung, Evaluation

Das Rehabilitationsmanagement betrifft sowohl die Diagnostik, die Feststellung des Rehabilitationsbedarfes, die Interventionsplanung als auch die Evaluation rehabilitativer Maßnahmen. Bisher wurden die Gender-Aspekte in der medizinischen Rehabilitation mit Ausnahme der kardiologischen Rehabilitation nur marginal untersucht. Im anglo-amerikanischen Raum konnte gezeigt werden, dass Frauen weniger Leistungen in Anspruch nehmen beziehungsweise verordnet bekommen, dass die angebotenen Leistungen eher auf männliche Bedürfnisse und Erfordernisse ausgelegt sind und die Wirksamkeit der rehabilitativen Leistungen für Frauen entsprechend geringer ist. Nach wie vor haben mehr Frauen familiäre Erziehungs- und Pflegeleistungen zu tragen, wodurch der Zugang zum Rehabilitationssystem erschwert ist. Es konnte nachgewiesen werden, dass Frauen, die sich in stationärer Rehabilitation befinden, definitiv rehabilitationsbedürftiger sind als Männer. Frauen profitieren weniger von aktivierenden, nach Sport und Bewegung ausgerichteten Rehabilitationsmaßnahmen als von traditionellen Verfahren, die vor allem durch so genannte „passive physikalische Therapiemaßnahmen“ sowie leichte und unspezifische Bewegungselemente gekennzeichnet sind.

Schmerz der Geschlechter

Bereits bei Neugeborenen gibt es Hinweise, dass die Schmerzperzeption bei weiblichen Säuglingen signifikant größer ist als bei männlichen Neugeborenen. Experimentelle Schmerzmessungen zeigen eine niedrigere Schmerzschwelle und Schmerztoleranz bei Frauen im Vergleich zu Männern. Zusätzlich konnten an gesunden Probandinnen hormon- und zyklusabhängige Unterschiede in der Schmerzreaktion nachgewiesen werden, sodass ein Einfluss der Geschlechtshormone anzunehmen ist. Das endogene Schmerzhemmsystem ist hauptsächlich für Stress-bedingte Analgesie verantwortlich, welche bei Männern stärker ausgeprägt ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass Männer und Frauen unterschiedlich empfindlich auf bestimmte Opioide reagieren. Männer zeigen stärkeres Ansprechen auf Opiate, welche an mu-Rezeptoren binden, wie etwa das Morphin, während Frauen stärker auf k-bindende Opiate ansprechen. Zu den psychologischen Aspekten des Schmerzes beziehungsweise dessen Wahrnehmung ist eine signifikante Beziehung zwischen selbst erlebten Schmerzen und der Anzahl von Schmerzsyndromen in der eigenen Familie untersucht worden. Auch nach Ausschluss von menstruationsbedingten Schmerzen war die Inzidenz von Schmerzsyndromen bei Frauen höher und stärker mit der familiären Vorgeschichte korreliert. Gesellschaftlich scheint es akzeptiert zu sein, dass Frauen ihre Gefühle und auch Schmerzen stärker ausdrücken. Schon im Kindesalter bekommen Mädchen durch Weinen mehr Zuwendung als Buben. Andererseits werden bei Frauen Schmerzen häufiger unterschätzt. Männer erhalten postoperativ stärkere Analgetika als Frauen. In vielen Untersuchungen zeigen mehr Frauen als Männer mit Schmerzsyndromen depressive Begleitsymptomatik, bei Frauen findet sich ein höheres Risiko für mal-adaptives Coping. Strong et al. (1994) fanden bei PatientInnen mit chronischem Rückenschmerz keinen geschlechtsspezifischen Unterschied im Grad der Depression und Behinderung, jedoch Unterschiede in dem Gefühl, den Schmerz kontrollieren zu können. Hier zeigten Männer mehr aktive Bewältigungsstrategie. Schmerzsyndrome bedeuten für Frauen häufiger eine Beeinträchtigung der Lebensqualität und behindern sie in der Durchführung alltäglicher Verrichtungen.

Frauen und sozial Benachteiligte leiden länger

In der Nuprin Pain Study zeigte sich, dass Frauen wie auch Personen mit geringerer Schulbildung und geringerem Einkommen ein höheres Risiko für länger anhaltende Schmerzen und länger dauernde Behinderung aufweisen. In einer Vielzahl von Studien konnte die Interaktion der partnerschaftlichen Beziehung bei Schmerzsyndromen als wichtiger Einflussfaktor identifiziert werden. Frauen fühlen sich stärker für die partnerschaftliche Beziehung verantwortlich. Sie reagieren häufiger mit Gefühlen der Hilf- und Hoffnungslosigkeit und leiden deutlich mehr unter Schmerz-bedingten Einschränkungen sowohl des täglichen Lebens als auch in der partnerschaftlichen und familiären Beziehung.

Zusammengefasst aus:
anita rieder, brigitte lohff (hrsg)
gender medizin; geschlechtsspezifische aspekte für die klinische praxis
Springer Wien New York, 2004

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