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9. Dezember 2005

Neurologie als Gender-Neuland

Genderaspekte haben bisher in der Neurologie sowohl im praktischen Alltag als auch in der Forschung kaum eine Rolle gespielt. Bei genauerem Hinsehen finden sich zwar wenige geschlechtsspezifische Arbeiten, jedoch hochinteressante Daten, die in der Genderforschung Verwendung finden können. Ausgeprägte Unterschiede etwa bestehen in der Ausprägung spezieller kognitiver Funktionen .

Die Kognitionsforschung kam zu dem erstaunlichen Schluss, dass „Frauen und Männer zwar auf dem gleichen Planeten, aber in unterschiedlichen Welten leben.“ Es bedarf einer Vielzahl kognitiver Einzelleistungen, um räumliche Wahrnehmung zu gewährleisten. So ist die Fähigkeit der „mentalen Rotation“ (das ist die Vorstellungsfähigkeit, wie ein bestimmtes Objekt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet aussieht) und die Zielfähigkeit bei Männern besser ausgeprägt. Frauen hingegen schneiden im Erinnern der räumlichen Position von Objekten besser ab. Feinmotorisch stellt sich eine Überlegenheit den Männern gegenüber heraus, ebenso wie das Erinnern verbal vermittelter Inhalte, Rechtschreibung, Grammatik und Wortflüssigkeit Frauen leichter fällt. Interessant sind in diesem Zusammenhang Untersuchungen zur Lateralisation der Sprache, das heißt, ob die Sprache vornehmlich in der linken oder rechten Hemisphäre verarbeitet wird. Studien an Patientinnen, die einen Hirninfarkt erlitten haben, konnten zeigen, dass Frauen nach einem linkshirnigen Infarkt seltener das Bild einer Aphasie aufweisen, und dass sie sich im Falle einer eingetretenen Aphasie schneller erholen als männliche Patienten.

Epilepsie

Die medikamentöse Behandlung an Epilepsie erkrankter Frauen ist bereits auf relevante geschlechtsspezifische Aspekte hin untersucht. So beeinflussen die zyklisch sezernierten Steroidhormone über Modifikation der neuronalen Erregbarkeit die Anfallshäufigkeit. Östrogen scheint eher prokonvulsive Effekte zu haben, während Progesteron antikonvulsive Wirkung entfaltet. Patientinnen mit katamenialen Anfällen erleben häufig eine postmenopausale Reduktion der Anfallshäufigkeit, jedoch sind bei ihnen wie bei vielen Epilepsiepatientinnen während der Menopause aufgrund der zunehmenden Zyklusunregelmäßigkeiten und hormonellen Dysbalance nicht selten eine Zunahme der Anfallsfrequenz und eine Änderung des Anfallsmusters zu verzeichnen. Eine postmenopausale Hormonersatztherapie mit Östrogenen kann bei Epilepsie-Patientinnen, insbesondere wenn sie hormonsensitiv sind, zu einer deutlichen Anfallshäufung führen.

Orale Kontrazeption

Die Wirkung oral eingenommener Kontrazeptiva kann in Kombination mit Antiepileptika, die das Cytochrom P 450-System Enzym- induzierend beeinflussen, unter Umständen unzureichend sein. Nicht alle Antiepileptika bewirken eine solche Enzyminduktion. Patientinnen, die mit Enzym-induzierenden Antiepileptika behandelt werden, sollten Kontrazeptiva mit einem Östrogengehalt von zumindest 50 mg erhalten oder eine alternativ verhüten.

Schwangerschaft

Bei etwa 20 bis 33 Prozent der epilepsiekranken Frauen findet sich während der Schwangerschaft eine erhöhte Anfallsfrequenz. Rund 50 bis 80 Prozent bemerken keine signifikante Änderung, sieben bis 25 Prozent berichten über eine Abnahme der Anfallshäufigkeit. Auf die Gefährdung durch während der Schwangerschaft auftretende Anfälle sollte jede Patientin in einem ausführlichen Gespräch ausdrücklich hingewiesen werden. Generalisierte tonisch-klonische Anfälle können eine Hypoxie und eine Azidose sowohl bei der Mutter als auch beim Fetus zur Folge haben. Die Compliance ist also besonders während der Schwangerschaft von großer Bedeutung, allerdings sollte auch die Teratogenität, besonders der älteren Substanzklassen, nicht außer Acht gelassen werden. Grundsätzlich scheint jedoch eine Monotherapie für die Zeit der Schwangerschaft anstrebenswert.

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