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9. Dezember 2005

Essstörungen – reine Frauensache?

Vor zehn Jahren waren Anorexia nervosa und Bulimia nervosa Krankheitsentitäten, die nur Fachleuten kannten. Heute ist der Informationsstand zu diesen beiden wohl prominentesten Formen der Essstörung besonders bei Mädchen zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr als hoch einzustufen – mit steigender Tendenz.

Die Anorexie und Bulimie stellen die bekanntesten Formen aus dem Kreis der Essstörungen dar. Die klinische Heterogenität der einzelnen Varianten weist auf mögliche Zusammenhänge mit anderen Ess- und Gewichtsstörungen hin, die auf einer Achse anzusiedeln wären, deren Ausformungen entweder extreme Fettleibigkeit oder ausgeprägte Unterernährung darstellen. Adipositas (mit einem Body Mass Index > 30kg/m²) ist bei beiden Geschlechtern in kontinuierlicher Zunahme begriffen, weltweit liegen die Schätzungen bei 250 Millionen Betroffenen. In Europa hingegen zeigt sich doch eine deutliche Geschlechtswendigkeit – liegt die Prävalenzrate bei Frauen mit 15 bis 25 Prozent deutlich vor der der Männer (10 bis 15 %). Aktuell erfüllen elf Prozent der österreichischen Bevölkerung die Kriterien der Adipositas. Die Anorexia nervosa (AN) und die Bulimia nervosa (BN) stellen schwerwiegende psychische Erkrankungen dar, in deren Symptomatik das gestörte Essverhalten eine zentrale Rolle spielt. Beiden Krankheitsbildern liegt eine Körperschemastörung zugrunde. Insbesondere Magersüchtige halten sich trotz Untergewicht nach wie vor für zu dick, Prädilektionsstellen sind hier Oberschenkel, Hüften und Bauch. Bei AN werden eine bulimische und eine nicht bulimische Form unterschieden, bei der BN eine Form mit Erbrechen oder Gebrauch von Laxantien oder Diuretika zur Kompensation der Essanfälle (purging-type) und der Non-purging-Type, bei dem die PatientInnen versuchen, Essanfällen durch striktes Hungern oder exzessive sportliche Betätigung zu kompensieren. Eine weitere Form wurde als „binge eating disorder“ (BED) bezeichnet, bei dieser Variante handelt es sich im Grunde um eine Bulimia nervosa ohne gegensteuernde Maßnahmen. Zentrale Symptome bei PatientInnen mit Essstörungen stellen das gezügelte Essverhalten und die „Angst vor dem Dickwerden“ dar. Nahungseinschränkungen von 100 bis 200 Kalorien pro Tag führen zu drastischen Gewichtsverlusten bis auf 25 bis 35 kg Körpergewicht. Hinzu kommen Zeichen der Mangelernährung, wie es auch bei Bulimiekranken der Fall ist. Sowohl von der AN als auch der BN sind überwiegend Frauen, Männer nur in fünf bis zehn Prozent, betroffen. Die Prävalenz der BED liegt in der Allgemeinbevölkerung bei zwei bis fünf Prozent, wobei das Verhältnis Männer zu Frauen bei 60 zu 40 anzusiedeln ist. Biosoziokulturelle Einflüsse sind in der Ätiologie der Essstörungen zu finden. Die Inzidenzsteigerung und Prädominanz des weiblichen Geschlechts finden ihre Erklärung in gesellschaftlich tradierten Wertevorstellungen sowie deren ausgeprägten Wandlungen innerhalb der letzten Jahrzehnte.

Häufige Komorbiditäten

Essstörungen treten häufig kombiniert mit anderen psychiatrischen Störungen auf. Das anorektische Krankheitsbild findet sich häufig bei PatientInnen mit anankastischen Persönlichkeitsstrukturen. Bei bulimischen PatientInnen beträgt die Lebenszeitprävalenz einer Depression etwa 75 Prozent. Übergewichtige PatientInnen mit BED ähneln in vielen Bereichen PatientInnen mit BN. Etwa 70 Prozent der PatientInnen mit BED erfüllen die Kriterien zumindest einer zusätzlichen psychiatrischen Störung, wobei eine Depression doppelt so häufig wie in der Allgemeinbevölkerung diagnostiziert wird. Zumeist ist die Untergewichtigkeit bei AN-Patientinnen auffällig, wiewohl die meisten es verstehen, die sichtbaren Auswirkung der Erkrankung mit Kleidung gut zu kaschieren. Bei BN-PatientInnen, die meist normalgewichtig sind, gelingt die Verheimlichung der Krankheit häufig sehr lange. Hinweise auf eine BN stellen die schmerzlose Hypertrophie der Parotis sowie Schmelzdefekte an den Zähnen dar. Rezidivierendes Erbrechen, Laxantien- und Diuretikaabusus bringen massive Verschiebungen im Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt mit sich. Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Hypokaliämie, die zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen und irreversible Nierenschäden verursachen kann. Zum Starvationssyndrom gehören Hypothermie, Haarausfall, Ödeme, Lanugo-Behaarung, Bradykardie, Hypotonie, Akrozyanose, verzögerte Magenentleerung und Hypercholesterinämie. Neben hypogonadotropem Hypogonadismus mit Amenorrhoe und Hyperkortisolämie stellt die Mangelernährung die Hauptursache der Osteoporose dar.

Ambulante Behandlung steht im Vordergrund

Grundsätzlich sollte die Behandlung aller Essstörungen ambulant erfolgen. Allerdings kann eine stationäre Aufnahme indiziert sein, wenn der Gewichtsverlust extrem rasch erfolgt, psychiatrische Probleme dominant werden. Durchaus sinnvoll kann auch die Trennung vom familiären Umfeld sein, um gestörte Familienbeziehungen zu unterbrechen oder sexuellen Missbrauch zu unterbinden. Liegt der BMI unter 13kg/m² oder 70 Prozent unter dem Sollgewicht, ist eine stationäre Aufnahme mit festgelegter Gewichtzunahme ebenfalls sinnvoll. Kalorienzufuhr kann neben mehreren kleinen Mahlzeiten über den Tag verteilt erfolgen, wie auch über eine nasogastrale Sonde (hochkalorische Kost) oder auch in Form parenteraler Nutrition. Allerdings gilt es hier genau abzuwägen, was die Invasivität an Nutzen aber auch Belastung für PatientInnen bringt. Psychotherapie stellt nach dem heutigen Stand der Erkenntnisse die Therapie der ersten Wahl dar. Antidepressiva sollten dann eingesetzt werden, wenn eine begleitende depressive Symptomatik vorliegt. Neuere Untersuchungen sprechen für ein stufenweises Vorgehen. Niederschwellige Therapie sowie Selbsthilfemanuale können hier einen ersten Zugang darstellen.

Zusammengefasst aus:
anita rieder, brigitte lohff (hrsg)
gender medizin; geschlechtsspezifische aspekte für die klinische praxis
Springer Wien New York, 2004

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