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9. Dezember 2005

Frauen und Männer sind anders süchtig

Frauen weisen eine deutlich höhere Bereitschaft auf, bei vorübergehenden oder gleichzeitig auftretenden Depressionen, Angststörungen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen eine Suchterkrankung zu entwickeln. Trotz des vorhandenen Behandlungsbedarfs sind weniger Frauen als Männer in Alkoholtherapie. Eine der Ursachen dafür ist die oft belastende Kinderbetreuung.

Substanzabhängigkeit weist spezifische Charakteristika hinsichtlich Häufigkeit und Komorbidität auf. Das gesundheitsbezogene Verhalten, wie etwa Rauchen, Drogenkonsum und Ernährung, nimmt merklichen Einfluss auf das aktuelle Krankheitsgeschehen und dessen weiteren Verlauf. Geschlechtsspezifische Unterschiede im Bereich der Substanzabhängigkeit können anhand eines prämorbiden ungleichen psychologischen Profils nachgewiesen werden. Einige dieser Merkmale sind essentiell für den Beginn und Verlauf von Begleiterkrankungen wie Depression oder ADHD („Attention deficit hyperactivity disorder“). Auch eine bestehende antisoziale Persönlichkeitsstruktur, die häufiger bei Männern zu finden ist, bzw. die Borderline-Persönlichkeitsstörung (eher bei Frauen auftretend) zeigen Auswirkungen auf Suchtentwicklung und -verhalten.

Copingstrategien

Aus Untersuchungen geht klar hervor, dass Frauen eine wesentlich höhere Bereitschaft aufweisen, bei vorübergehenden oder gleichzeitig auftretenden Depressionen, Angststörungen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen eine Suchterkrankung zu entwickeln. Weitere Unterschiede im Hinblick auf die geschlechtsspezifischen Aspekte zeigen sich in Prognose, Therapie sowie Nachbetreuung und unterstreichen die Notwendigkeit diversifizierter Behandlungszugänge. Als bedrohlich muss die Mortalitätsprävalenz einer aus Italien stammenden Untersuchung interpretiert werden, die an intravenös konsumierenden Drogenkranken vorgenommen wurde. Sie besagt, dass in dem Untersuchungszeitraum 1990-1997 bei Frauen die Mortalität bei 38 Prozent, bei Männern zwar deutlich niedriger, aber immer noch bei 16 Prozent lag.

Geschlechtsspezifischer Umgang mit Äthylismus

Am besten untersucht und datenmäßig belegt ist die Alkoholabhängigkeit. Gekennzeichnet durch eine multifaktorielle Ätiologie beeinflussen sozioökonomische Faktoren, psychischer wie physischer Missbrauch, prädisponierende Persönlichkeitsmerkmale, positive Familienanamnese, Peergroup-Phänomene, schlechte Ausbildung, Armut und Isolation sowohl das Auftreten als auch den Verlauf dieser Erkrankung. Männer scheinen einen Vorteil darin zu haben, dass ein Alkoholmissbrauch durch die Integration am Arbeitsplatz oftmals frühzeitig und wiederholt auffällt. Durch die erregte Aufmerksamkeit wird eher eine Behandlung initiiert. Im Unterschied dazu wird bei nicht berufstätigen Frauen bei Alkoholabhängigkeit von der „stillen Sucht“ gesprochen, da das pathologische Trinkverhalten lange unbemerkt und unbehandelt bleibt. Dem genetischen Vulnerabilitätsfaktor für Suchterkrankungen wird immer mehr Bedeutung zugesprochen, denn wie aus der Zwillingsforschung bekannt ist, erkranken die korrespondierenden Zwillinge, geschlechtsunabhängig, zu 50 bis 60 Prozent.

Das Tabu „trinkende Frau“

Als gesellschaftliches Phänomen sei nicht verschwiegen, dass es eher akzeptiert ist, einen betrunkenen Mann zu erleben als eine ebensolche Frau. Selbst in Therapieeinrichtungen scheint es so zu sein, dass man alkoholkranken Frauen gegenüber feindlicher oder auch moralisierender gesinnt begegnet als betroffenen Männern. Die psychiatrische Komorbidität der Alkoholsucht liegt zwischen 30 und 70 Prozent (die große Bandbreite ist abhängig vom Blickwinkel der Untersucher), wobei vor allem Depression und Angststörungen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben sollen. Hinsichtlich der somatischen Komorbiditäten gibt es einen wesentlichen geschlechtsspezifischen Unterschied in der organischen Auswirkung. Teleskoping bezeichnet das Phänomen, dass Frauen, die vergleichbare Mengen Alkohol über vergleichbare Zeiträume wie Männer trinken, deutlich früher toxische Leberschädigungen aufweisen.

Frauen im Therapiedefizit

Trotz des vorhandenen Behandlungsbedarfes belegen viele Studien die Unterrepräsentanz von Frauen in Alkoholtherapien. Dies ist auf den Umstand zurückzuführen, dass die Therapiebarrieren für weibliche Alkoholkranke ungleich höher sind als für Männer. Hinzu kommen die sozial oft belastenden oder erschwerenden Umstände der Kinderbetreuung mit der zusätzlichen Angst um den Verlust der Erziehungsberechtigung.

Nikotinkonsum

Präventionskampagnen zeigen wohl insofern Erfolg, als dass die Zahl der rauchenden Männer und Frauen insgesamt rückläufig ist – die geschlechtsbezogenen Maßnahmen hingegen scheinen insuffizient. Sinkt der Prozentsatz der rauchenden Männer von 52 auf 28 Prozent, so beträgt der Rückgang bei Frauen bei 34 Prozent Raucherinnen nur 11 Prozent. Simplifiziert gesprochen könnte man bei Männern von überwiegend biologischer Abhängigkeit sprechen, während bei Frauen mit Nikotinabhängigkeit eine zusätzliche psychosoziale Komponente therapieerschwerend wirkt. Nikotinkonsum hat – geschlechts-unabhängig – negativen Einfluss auf die Fertilität. Zusätzlich kommt es bei rauchenden Frauen zu verfrühtem Einsetzen der Menopause, zu erhöhter Osteoporoseprävalenz und nicht zuletzt zu vermehrten Risikoschwangerschaften. In der Therapie zeigen Männer ausreichend gutes Ansprechen auf medikamentöse Unterstützung (Nikotinpflaster, -kaugummi). Frauen hingegen benötigen zur Erlangung ähnlicher Therapieziele begleitend verhaltensmodifizierende Stützung. Rückfälle passieren bei Frauen eher in stressreichen Situationen, während Männer in Phasen der Entspannung eher wieder zur Zigarette greifen.

Zusammengefasst aus: anita rieder, brigitte lohff (hrsg) gender medizin geschlechtsspezifische aspekte für die klinische praxis
Springer Wien New York, 2004

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