zur Navigation zum Inhalt
 
9. Dezember 2005

Depressive Frauen, tote Männer

Allen psychiatrischen Erkrankungen gemeinsam ist, dass bei genetischer Belastung in Vorgenerationen das individuelle Risiko, eine ähnliche Erkrankung aus diesem Spektrum zu akquirieren, geschlechtsunspezifisch ansteigt.

Frauen und Männer weisen unterschiedliche biologische und erworbene Risiken auf. Neben genetischen und somatischen Einflussgrößen bestehen auch gesellschaftlich induzierte Risiken, wie etwa der Umgang mit Alkohol oder Nikotin, die das Krankheitsgeschehen mitbestimmen. Wendet man sich mit der Frage der Häufigkeit einzelnen Krankheitsbildern zu, so zeigt sich, dass bei Affektiven Störungen für Frauen die Prävalenz doppelt so hoch ist. Beträgt für die Depression die Lebenszeitprävalenz bei Frauen 21 Prozent, so liegt sie für Männer bei 13 Prozent. Auf der Suche nach Erklärungen sind hormonelle, genetische Faktoren, bestehende Angststörungen, die geschlechtsspezifische Sozialisation, Life Events sowie der soziale Status in Diskussion. Die Theorie der hormonellen Beeinflussung ist jedoch nach Untersuchungen nicht haltbar, denn die Rezidivrate, die bei Männern und Frauen gleich hoch ist, müsste im reproduktionsfähigen Alter bei Frauen deutlich höher liegen.

Schuldiger Östrogenmangel?

Im Unterschied zu einer aktuellen Metaanalyse, in der sich die Östrogensubstitution gegenüber einer Behandlung mit Plazebo als geringfügig überlegen erwies, werden in anderen Untersuchungen keine Hinweise auf ätiologische Bedeutung von Östrogen für Depressionen gefunden. Hingegen bewirken die soziale Situierung und Life Events, dass insbesondere junge verheiratete Frauen, die Vorschulkinder versorgen müssen, häufiger depressiv werden. Die Suizidalität ist bei depressiven Frauen ausgeprägter (1 zu 3), doch gelingt der Suizid bei Männern umgekehrt proportional häufig. In der antidepressiven Therapie sind Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) besonders prämenopausal gut wirksam, bezüglich der Geschlechtsdifferenz ist die darauf einzig untersuchte Substanz Venlafaxin in ihrer Wirksamkeit neutral. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Erkrankungs- und Lebenssituation werden in Studien zu schizophrenen Frauen und Männern gefunden. Liegt die allgemeine Lebenszeitprävalenz bei einem Prozent, so erkranken Frauen im Schnitt etwa fünf Jahre später als Männer und weisen, sofern ein prämenopausaler Beginn vorliegt, einen günstigeren Verlauf auf. Therapeutisch scheint bei Frauen der Schwerpunkt in der Psychotherapie zu liegen, während Männern eher rehabilitative Maßnahmen empfohlen werden, ist bei ihnen die Komorbidität auch deutlich höher als bei Frauen. Zur medikamentösen Behandlung stehen typische und atypische Antipsychotika zur Verfügung. Die Östrogenaugmentation bei prämenopausalen Frauen zeigte eine positive Beeinflussung der Negativsymptomatik – allerdings gilt es die Gesamtgesundheitsfolgen einer langfristigen Hormongabe weiter zu diskutieren.

Zusammengefasst aus:
anita rieder, brigitte lohff (hrsg)
gender medizin
geschlechtsspezifische aspekte
für die klinische praxis
Springer Wien New York, 2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben