zur Navigation zum Inhalt
 
17. August 2005

Viele Quantensprünge am EULAR 2004

Mit mittlerweile 9.650 registrierten Teilnehmern ist der EULAR einer der größten Kongresse Europas, ja sogar weltweit geworden. Gegenüber dem ersten “Annual Congress of Rheumatology“, der erst vor vier Jahren stattgefunden hat, können wir einen Besucherzuwachs von mehr als 50 Prozent verzeichnen. Dieses Interesse reflektiert wohl, dass die aktuellen Entwicklungen in der Rheumatologie von den Rheumatologen, aber auch von Vertretern der physio- und ergotherapeutischen Fachgruppen sowie der Patienteninitiativen für spannend und innovativ befunden werden.

Forschungspolitischer Erfolg

Ein wesentlicher Aspekt der EULAR ist auch ihre forschungspolitische Mission. In diesem Zusammenhang hat erfreulicherweise die deutsche Bundesministerin für Wissenschaft und Forschung, Edelgard Bulmahn, in ihrer Eröffnungsansprache ihre Unterstützung für die Anliegen der Rheumatologie im Europäischen Rat der Forschungsminister zugesagt. Und sie hat über dieses Thema später auch noch lange mit Rheumatologen diskutiert. Diese Unterstützungserklärung wird vom EULAR-Exekutivkomittee als ein ganz großes Highlight des heurigen Kongresses gewertet.
Als Europäische Rheumaliga haben wir in den letzten Monaten verstärkt Aktionen gesetzt, die auf europäischer, also auf Brüsseler Ebene die Bedeutung der Rheumatologie bewusst machen sollen. Denn bis dato ist unser Fachgebiet insbesondere, was Forschungsaktivitäten der EU betrifft, eindeutig ein „Stiefkind“. Unsere Aktionen, die wir unter dem Titel Alliance Against Athritis (AAA) gestartet haben, dienen auch der Verbesserung der Gesetzgebung für behinderte Menschen. Weiters muss der Zugang zu neuen, besseren Therapien, wo sie indiziert sind, ermöglicht oder erleichtert werden.

Wissenschaftliche Ergebnisse

Auf dem wissenschaftlichen Sektor wurde heuer eine Vielzahl ausgezeichneter Berichte präsentiert. Was das Thema Rheumatoide Arthritis (RA) betrifft, so gibt es neue Daten zu TNF-Blocker-Therapien, insbesondere mit Etanercept und Infliximab. Über Etanercept wurden die Zweijahres-Daten zur TEMPO-Studie vorgestellt, bei der Patienten mit Methotrexat allein, mit Etanercept allein oder mit Etanercept plus Methotrexat behandelt wurden. Die aktuellen Ergebnisse bekräftigen die Einjahresdaten, die zeigten, dass die Effizienz der Kombination von Etanercept plus Methotrexat sowohl klinisch als auch hinsichtlich der radiologisch erfassbaren Destruktion sehr gut ist und Responseraten von über 70 Prozent erreicht werden.
Was Infliximab betrifft, so ergab eine Subanalyse der ASPIRE-Studie, einer Untersuchung von MTX gegen Infliximab plus MTX bei Patienten mit kurz bestehender RA, dass jene Patienten, die besonders hohe CRP-Werte oder bereits eine ausgeprägte radiologische Destruktion aufwiesen oder im Verlauf der Erkrankung eine große Zahl geschwollener Gelenke aufweisen, unter Methotrexat allein eine starke Progredienz der Erkrankung zeigen. Hingegen wirkt die Kombination von Infliximab mit MTX hochsignifikant mitigierend. Wenn sich diese Ergebnisse in anderen Studien bestätigen lassen, könnte es vielleicht in der Zukunft möglich werden, a priori jene Patienten mit Risikofaktoren zu klassifizieren, bei denen eine etwas aggressivere initiale Therapie mehr Erfolg zu bringen verspricht. Auch zum dritten TNF-Blocker, Adalimumab, gab es konsolidierende Daten zur Effizienz.
Auch eine interessante Studie zu dem Bisphosphonat Zoledronat wurde vorgestellt. Das Ergebnis dieser Untersuchung zeigt einen Trend zur Reduktion der radiologisch fassbaren Destruktion durch Zoledronat. Bei der chronischen Polyarthritis dreht sich also alles schon mehr um Fragen der niedrigen Krankheitsaktivität, der Remission, um die Frage der Verhinderung künftiger Invalidität. Wir sprechen nicht mehr so sehr davon, „wird es besser oder nicht“, sondern davon, „wie gut wird es und wie weit können wir die Krankheitsaktivität und die destruktive Kapazität reduzieren“. Und es wirft sich zugleich erstmals eine Frage auf, der nun grundsätzlich nachgegangen wird: „Gibt es Heilung?“ Das bedeutet einen Quantensprung im Vergleich zur Situation vor fünf oder gar vor zehn Jahren.
Weiters gab es interessante Daten zu neuen Biologika bei chronischer Polyarthritis. Sehr aufschlussreiche Erkenntnisse liefern zum Beispiel Studien mit Abatacept und mit Rituximab, die wiederum auch neue Einsichten in die Pathogenese der Erkrankungen mit sich bringen. Allerdings sind die Daten noch nicht restlos ausgewertet, und es ist noch unklar, ob sie den TNF-Blockern vergleichbare Ergebnisse bezüglich der Hemmung der Destruktion bringen. Jedenfalls stellt sich heraus, dass auch hier die Kombination mit Methotrexat die Wirksamkeit stark steigert.

Psoriasisarthritis und M. Bechterew

Innovationen gibt es auch insbesondere auf dem Sektor der Psoriasisarthritis und der ankylosierenden Spondylarthritis, also des Morbus Bechterew. Bis vor kurzem ist ja Patienten mit Morbus Bechterew, die unter massiven Beschwerden durch die entzündliche Aktivität zu leiden haben, oft keine suffiziente Therapie zur Verfügung gestanden. Nun konsolidieren sich jene Daten, die in den letzten Jahren in der Rheumaforschung erarbeitet werden konnten. Es bestätigt sich, dass die TNF-Blocker auch bei diesen beiden Krankheiten eine hohe Wirksamkeit haben. Und es ist zu hoffen, dass wir auch diese Erkrankungen in der Zukunft mit den neuen Therapien besser in den Griff bekommen können. Insgesamt ist das Spektrum der dargebotenen Referate als hochwertig zu bezeichnen. Sowohl die Qualität der Plenarvorträge als auch jene der eingereichten Abstracts und Posters war ausgezeichnet und hat allgemein viel Applaus geerntet. Besonders erfreulich war es auch, dass die grundlagenwissenschaftlichen Präsentationen großen Anklang gefunden haben.

*Prof. Dr. Josef Smolen, Universitätsklinik f. Innere Med. III, Klinische Abt. f. Rheumatologie, Währinger Gürtel 18-20, 1090 Wien; Bericht vom EULAR 2004, 9. bis 12. Juni 2004, Berlin;

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben