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5. August 2005

Älter als maximal 122 Jahre können Menschen vermutlich gar nicht werden

München. Soviel ist sicher: sterben müssen wir alle mal. Bis dahin aber wollen wir noch ein wenig leben - und zwar möglichst, ohne dabei alt zu werden. Und um das zu erreichen, soll es Menschen geben, die täglich eine Hand voll bunter Pillen, so genannter anti-oxidativer Supplemente, schlucken. Ob das hilft? Einen neuen Diskussionsbeitrag zu diesem Thema hat der Münchner Immunologe Privatdozent Dr. Wilfried P. Bieger veröffentlicht (Der Urologe B 41, 2001, 344).

Nach Biegers Angaben wird das Maximum der möglichen Lebenserwartung auf 122 Jahre geschätzt. Das derzeit erreichbare durchschnittliche Maximum liege bei 85 Jahren. Was hindert uns eigentlich daran, so alt zu werden? Um das zu erläutern, präsentiert Bieger ein molekulares Szenario, welches an Katastrophen-Filme der siebziger Jahre erinnert:

Freie Radikale greifen DNA, Lipide, Proteine an

Reaktive Sauerstoffverbindungen und hochtoxische Metabolite aus endogenen und exogenen Quellen greifen DNA, Lipidstrukturen und Proteine an. Reparatur- und Regenerationsmechanismen versagen zunehmend. Folge: Verbleibende Läsionen sammeln sich an. Die Kommunikation zwischen den Zellen wird immer schwieriger. Die Signaltransduktion verliert an Effizienz.

In den Blutgefäßen fördert oxidiertes LDL die Bildung von Schaumzellen, Gefäßwände werden atherosklerotisch. Die Sauerstoffversorgung der Organe verschlechtert sich. Schuld daran sei vor allem der oxidative Stress, so Bieger. Er zitiert damit eine von vielen Theorien des Alterungsprozesses, die "Free Radical Theory of Aging".

Überschüssige Sauerstoffradikale führen demnach zu bis zu 10.000 DNA-Schäden pro Tag und Zelle - vorwiegend in den Mitochondrien. Die meisten Schäden können von Reparaturenzymen korrigiert werden, aber eben nicht alle. Dadurch, dass antioxidative Schutzmechanismen eingeschränkt werden, kumulieren die Läsionen im Laufe des Lebens.

Was also kann man tun gegen die freien Radikale? Kalorienrestriktion - wer die Kalorienzufuhr einschränkt, reduziere den oxidativen Stress, so Bieger. Denn dann fahren auch die Mitochondrien die oxidative Energie zurück und es fallen nicht mehr so viele überschüssige Sauer- stoffradikale an. Weniger Sauerstoffradikale bedeuten weniger DNA-Schäden und folglich weniger Tumoren, so der Immunologe. Antioxidativa wie Vitamin E und C, Selen und das Karotinoid Lycopin, welches vor allem in Tomaten vorkommt, scheinen vor Krebs schützen zu können. Jedenfalls theoretisch. Denn alle Untersuchungen zur Wirkung von Antioxidantien auf Morbidität und Mortalität ließen bisher keine sichere Schutzwirkung erkennen, sagt Bieger.

Vitamin E schützte in einer Studie vor der koronaren Herzkrankheit, in einer anderen tat es das nicht. Und Vitamin C kann in hoher Dosierung die Radikalschädigung von DNA steigern, so Bieger.

Reduktion der Kalorienzufuhr

Er spricht in diesem Zusammenhang vom "Antioxidantien-Paradox". Schließlich hänge der Erfolg einer antioxidativen Behandlung auch vom richtigen Zeitpunkt ab: "Vitamin C kann vor Zufuhr eines Schadstoffs protektiv wirken, nach Exposition dagegen prooxidativ." Doch wer weiß schon, ob sein genetischer Code geschädigt ist oder nicht?

Bleibt also die Reduktion der Kalorienzufuhr als lebensverlängernde Maßnahme übrig. Ob die Lebenserwartung allein damit um bis zu 50 Prozent verlängert werden kann, wie in "Science" (289, 2000, 2126) behauptet, bedarf zusätzlicher Beweise. Gesund alt werden - dazu dürfte mehr gehören als Diät und Nahrungssupplemente.

ÄZ/Thomas Meissner, Ärzte Woche 32/2001

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