zur Navigation zum Inhalt
 
5. August 2005

Wenn der Schmerz seine Spuren hinterlässt...

Schmerz stellt einen Risikofaktor dar - daher ist eine rechtzeitige und ausreichende Schmerztherapie nicht nur wichtig, um Patienten spontane Linderung zu bringen, sondern auch um zu verhindern, dass sich bei Kranken "Gedächtnisspuren für Schmerz" ausbilden, die Langzeitfolgen haben können. Besonders wichtig ist dieser Aspekt bei Neu- und Frühgeborenen. 

"Starke Schmerzreize können Spuren im Nervensystem hinterlassen, wenn sie nicht oder nur unzureichend behandelt werden. Besonders gut untersucht sind solche Veränderungen im Rückenmark, ähnliche Schmerzspuren entstehen sehr wahrscheinlich aber auch im Gehirn", erklärte Prof. Dr. Jürgen Sandkühler vom Institut für Hirnforschung der Universität Wien anlässlich der 10. Jahrestagung der Österreichischen Schmerzgesellschaft in Wien. "Diese Veränderungen bewirken, dass die Informationsübertragung von den Nozizeptoren auf die Neurone im Rückenmark für lange Zeit krankhaft gesteigert wird." 

Die Folge: Harmlose Reize, die normalerweise nicht besonders beachtet werden, führen in diesen Fällen zu gesteigerten Reizantworten und lösen damit heftige Schmerzen aus. Dies kann geschehen, wenn entweder der ursprüngliche Schmerz sehr stark oder anhaltend gewesen war, oder wenn der natürliche Schutzmechanismus, die körpereigene Schmerzabwehr, nicht richtig wirkt. Vergleichbar ist dieser Prozess mit sportlichem Training. Sandkühler: "Neurophysiologisch betrachtet stellt ein solches Training wiederholte Reize dar, mit denen eine bestimmte Reizantwort - nämlich der geübte Bewegungsablauf - mehr und mehr gebahnt und damit auf Dauer ?eingeschliffen? wird." Diese zellulären Lernprozesse haben - wie neuere Untersuchungen zeigen - eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Sensibilisierungen, die vor allem im Hinterhorn des Rückenmarks durch starke oder anhaltende Schmerzreize ausgelöst werden - und dadurch den Schmerz zum Risikofaktor machen.

Von Bedeutung ist dies vor allem bei Neu- und Frühgeborenen, die heute häufig intensivmedizinischen und operativen Eingriffen und damit Schmerzreizen ausgesetzt werden. Anders als noch bis vor einigen Jahren angenommen, verfügen bereits Frühgeborene über ein Schmerzsystem. Allerdings reift die körpereigene Schmerzabwehr erst später als das nozizeptive System, so dass gerade bei Frühgeborenen der wichtige Schutz der körpereigenen Schmerzabwehr in einem vulnerablen Fenster der Entwicklung fehlt. Dann drohen Schmerzreize Spuren im Nervensystem zu hinterlassen, die bis in das Erwachsenenalter hinein nachweisbar bleiben können. Die Entstehung solcher "Gedächtnisspuren für Schmerz" muss also bei Patienten jeden Alters unbedingt vermieden werden.

PK der ÖSG, Ärzte Woche 34/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben