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5. August 2005

Schmerz und Depression sind enge Vertraute

"Zur Dimensionierung des Zusammenhanges zwischen Schmerz und Depressionen wurde in unserer Schmerzambulanz eine Untersuchung zu den Schmerzursachen bei geriatrischen Patienten durchgeführt", so Prof. Dr. Wilfried Ilias vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien, "mit dem Ergebnis, dass nicht - wie vielleicht angenommen - Patienten mit Tumorschmerzen am häufigsten vertreten waren; der schmerzende Bewegungsapparat mit 58 Prozent ist es, der die Patienten unsere Ambulanz aufsuchen lässt."

Der malignombedingte Schmerz war nur mit fünf Prozent vertreten, obwohl sich die Neuerkrankungen pro Jahr auf 30.000 Patienten belaufen. Die Abklärung der Schmerzursache steht zu Beginn jeder Therapie - ob es sich um somatischen oder viszeralen, akuten oder chronischen Schmerz handelt, ob der Schmerz singulär auftritt oder in Kombination mit anderen Symptomen. Handelt es sich um einen so genannten "kombinierten" Schmerz, besonders bei alten, einsamen Menschen, wird der Schmerz sehr vordergründig. "Tatsächlich aber leiden die Betroffenen an einem vielfältigen Krankheitsbild und unter einer Einbuße von Lebensqualität, begleitet von depressiven Zuständen", betont Ilias. 

"Die ,idiopathische? Depression kompliziert das Schmerzbild, und wenn wir diesen Patienten eine adäquate analgetische Therapie zukommen lassen, heißt das noch lange nicht, dass die Patienten zugeben, dass sie schmerzfrei sind. Denn Schmerz und Schmerzäußerung werden durchaus als Mittel eingesetzt, um auf sich aufmerksam zu machen." 

Für die Untersuchung wurde ein sehr einfacher, dem internationalen Standard entsprechender Depressionsscore verwendet - eine aus neun Punkten bestehende Liste mit Kernsymptomen der Depression wurde zur Diagnose einer Depression herangezogen.

Multifaktorielle Beeinflussung

Mehrere Faktoren beeinflussen die Bedeutung des Schmerzes. In der Betrachtung von chronischen Schmerzzuständen ist auch die Sprache, also die Beschreibung des Schmerzes, in seinen Qualitäten und Quantitäten des Patienten zu berücksichtigen. Ilias: "Umgangssprachlich erfolgt oft eine sehr präzise und informative Schilderung des Schmerzbildes. Es wird davon Abstand genommen, den Wortlaut der Patienten durch medizinische Fachausdrücke zu ersetzen."

Auch der sozioökonomische Status ist in die Gesamtbetrachtung einzubeziehen. So sind Schmerzpatienten mit "höherem Bildungsniveau" - in der Beschreibung ihrer Beschwerden oft Diagnosen präsentierend - überzeugt, an einer bestimmten Krankheit zu leiden, die nun behandelt werden soll. 
Die Selbstkontrolle spielt ebenso eine wichtige Rolle. Eingebettet in kulturelle, eventuell religiöse Systeme erfolgt ein signifikant unterschiedlicher Umgang mit Schmerz. Zusätzlich sind Alter und Geschlecht des Schmerzpatienten von Bedeutung. Eine deutlich höhere Schmerztoleranz findet man beim selbständig Erwerbstätigen.

Ein weiteres interessantes Phänomen ist im Krankheitsgewinn zu beobachten, denn Schmerz, so wie andere Krankheiten auch, bringt erhöhte Aufmerksamkeit der Umwelt mit sich, oft verbunden mit vermehrter Zuwendung. Dies lässt sich zum Beispiel bei Kindern von PatientInnen mit Migräne beobachten. Das Krankheitsbild wird "übernommen" und so ein Platz im Zentrum der Familie gesichert. 

Ein letzter Punkt liegt noch in der sozialen Zielstellung - führt doch eine chronische Einschränkung der Leistungsfähigkeit möglicherweise zur Frühpensionierung oder auch zur Versetzung an eine "ruhigere", angestrebte Dienststelle (zum Beispiel Wechsel in den Innendienst).

Kofaktor Depression

"In dem von uns untersuchten Patientengut zeigte sich, dass jeder zweite Schmerzpatient ab dem 67. Lebensjahr in einer depressiven Stimmungslage ist, davon wiederum 32 Prozent als schwer depressiv zu werten sind", weiß Ilias. Bei speziellen Krankheitsbildern wie dem Postlaminektomiesyndrom wurde bei 44 von 48 Patienten eine Depression gefunden, Zervikalsyndrompatienten leiden ebenfalls zu 90 Prozent an einer begleitenden Depression. Entsprechend vielfältig wie die Angriffspunkte in der Schmerztherapie gestalten sich auch die Therapiemöglichkeiten. 

"An nicht medikamentöser Therapie sind Akupunktur und Hypnose zu sehr erfolgreichen und festen Bestandteilen der Schmerztherapie geworden. Ein großer Vorteil liegt hier zusätzlich in der Interaktionsfreiheit mit zumeist bestehender Medikation", schließt der Schmerzexperte. Die zur Verfügung stehenden Mittel sollten in der Therapie des chronischen Schmerzes zur Gänze ausgeschöpft werden, um den Patienten ein schmerzfreies Leben zu ermöglichen. Ilias abschließend: "Eine ältere Dame in der Schmerzambulanz hat mir einmal gesagt: ,Diese Schmerzen sind so schrecklich, es ist, als erlebte man sein Sterben.´"

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