zur Navigation zum Inhalt
 
5. August 2005

Schmerztherapie bei Krebs

Die Angst vor Schmerzen hält in Umfragen den ersten Platz im Sorgenkatalog vieler Patienten - insbesondere krebskranker Menschen. Eine gute Schmerzprävention und -therapie bilden die Basis für eine gute Lebensqualität trotz schwerer Krankheit. "Neben der Schmerztherapie spielen Mobilisation, psychische und soziale Betreuung und Integration eine wesentliche Rolle", sagte Prof. Dr. Christian Zielinski, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin I am Wiener AKH.

"Für die medikamentöse Schmerzbehandlung gilt noch immer das Stufenschema der WHO", erklärte Prof. Dr. Eckhard Beubler vom Institut für Experimentelle Pharmakologie der Universität Graz. Die WHO teilt Schmerzmedikamente in drei Kategorien: Nicht-Opioid-Analgetika, schwache und starke Opioid-Analgetika. Diese Medikamentengruppen ordnet sie drei Schmerz-Stufen zu - je stärker und ausdauernder der Schmerz, desto potentere Analgetika sollten zum Einsatz kommen. 

Synergismen unverzichtbar

In Kombination mit schwachen oder starken Opioiden kann auch die entzündungshemmende Wirkung nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) eine zusätzliche Linderung bieten. "Eine adäquate Schmerztherapie kann auf den synergistischen Effekt von Opioiden und NSAR nicht verzichten", mahnte Prof. Dr. Wilfried Ilias, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien.

Neben NSAR als Zusatzmedikation zu Opioiden können auf jeder Stufe individuell angepasste Adjuvantien das Schmerzempfinden reduzieren. Die Palette solcher Co-Analgetika ist groß. Sie reicht von Glucokortikoiden über Antidepressiva, Benzodiazepine und Neuroleptika bis zu Clonidin und Ketamin. Bisphosphonate können bei Knochenmetastasen den Knochenabbau und Tumorwachstum hemmen und zusätzlich Instabilitätsfrakturen verhindern.

Ein Missverständnis wäre es allerdings, die WHO-Stufen als Therapie-Treppenstufen zu sehen, bei denen der Patient die nächst höhere erst dann betreten darf, wenn die gegenwärtige nicht mehr ausreicht. In der Anfangsphase einer Krebserkrankung verkraften Betroffene die häufigen Nebenwirkungen von Opioiden oft leichter als später. Ausreichende Flüssigkeitsaufnahme beugt der Obstipation vor - und nötigenfalls helfen Klistiere oder osmotisch wirksame Laxantien (Lactulose oder Mannitol). Rechtzeitig verabreicht, können Antiemetika wie Metoclopramid, Ondansetron, Scopolamin oder THC (Nabilone), der Wirkstoff von Cannabis, Übelkeit vorbeugen.

Neben möglichen Wechselwirkungen gilt es, die Galenik der unterschiedlichen Medikamente zu beachten. Es lassen sich schnell wirksame Analgetika wie Morphin, das schon 20 Minuten nach dem Schlucken Schmerzen lindert, von lang wirksamen 12-Stunden- und sehr lang wirksamen 72-Stunden-Retard-Präparaten unterscheiden, die erst nach zwei bis vier Stunden anschlagen. Eine analgetische Dauertherapie enthält deshalb als Basis Medikamente mit Langzeitwirkung und schnell anschlagende Bedarfssubstanzen, mit denen Patienten plötzlich auftretende "Durchbruchsschmerzen" eindämmen können. Wenn ein Retard-Präparat nicht die versprochene Dauerwirkung zeigt, so sollte der Betroffene das Applikationsintervall verringern und lieber häufiger ein neues Fentanyl-Pflaster auflegen, anstatt die Dosis zu steigern. "Eine Publikation über einen Patienten mit gleichzeitig 134 Pflastern ist die Selbstdarstellung der Idiotie!" kommentierte Ilias. Patienten bleiben trotz solch intensiver Medikation mobil, wenn sie selbst elektronisch gesteuerte Pumpen bedienen, die neben einer kontinuierlichen Dosis von Analgetika auf Knopfdruck zusätzliche Bolus-Dosen über implantierte Kanülen direkt epidural oder intrathekal in den Rückenmarkliquor abgeben.

Zusätzliche Spezialtherapien 

In schweren Fällen können nicht nur Medikamente, sondern Spezialtherapien helfen: Eine nebenwirkungsarme Bestrahlung verkleinert Tumore und stoppt schon in niedrigen Dosen tumorbedingte, schmerzhafte Entzündungsreaktionen und Abbauprozesse im Knochen. Vorübergehende lokalanästhetische Blockaden oder eine dauerhafte Zerstörung bestimmter Nervengeflechte durch Alkoholinjektion unterbrechen die Schmerz-Signalübermittlung aus dem Perinealbereich, dem Becken oder aus dem Abdomen. Unnötige Schmerzen muss kein Patient erleiden. Schmerzfreiheit erhöht die Lebensqualität - und hilft nicht zuletzt, Kosten häufiger Arztbesuche und immer neuer Diagnostik zu senken. 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben