zur Navigation zum Inhalt
 
5. August 2005

Integration statt Frühpension

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), Prof. Dr. Hans-Georg Kress, AKH Wien, über den heutigen Stellenwert der Schmerztherapie.

Wie wird in Österreich mit Schmerz umgegangen?

Kress: Das Schmerzmanagement ist in Österreich leider noch nicht zufriedenstellend. Nach wie vor benötigen Schmerzpatienten Jahre, bis ihnen eine endgültige Diagnose und eine entsprechende Therapie zukommt. 

Woran liegt das?

Kress: Der Schmerz wird von vielen Kollegen oft nur als Symptom gesehen. Wenn nun nicht gleich ein Organbefund dazu vorliegt, so "existiert" der Schmerz demnach auch nicht, der Betroffene wird rasch in die Psychoecke geschoben. So leicht darf man es sich nicht machen. Zudem besteht noch ein großer Aufholbedarf, was das Wissen um die moderne Schmerztherapie betrifft. Die niedergelassenen Kollegen sind daher als erste Anlaufstelle für die Patienten gefordert, sich diesbezüglich weiterzubilden. So können die Weichen zu den Kompetenzstellen rechtzeitig gestellt werden. 

Ist die Zurückhaltung bei starken Analgetika hierzulande nach wie vor zu bemerken?

Kress: Österreich hat in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren enorm aufgeholt. International gesehen hat der Morphinverbrauch pro Kopf Spitzenländer wie Großbritannien überholt und ist etwa mit den USA vergleichbar. 

Ist der erhöhte Verbrauch gleichzusetzen mit Qualität?

Kress: Natürlich nicht. Allerdings ist es ein Zeichen der Verschreibungswilligkeit. Und ein Zeichen dafür, dass man sich hierzulande mit Schmerzmanagement intensiver auseinandersetzt. Morphine sind allerdings keine Zuckerl, sondern hochwirksame Substanzen. Bei Patienten, die keine "bösartige" Erkrankung im engeren Sinne haben, stellt sich daher immer die Frage, inwiefern diese hochpotenten Medikamente eingesetzt werden sollen. Daher muss ich auch hier auf die Bedeutung der Weiterbildung hinweisen. Mein Appell an die Allgemeinmediziner ist es, von den Fortbildungsmöglichkeiten Gebrauch zu machen. Jährlich wird in Wien das Internationale Schmerzsymposium abgehalten, auf dem weniger die wissenschaftlichen Grenzen bis zum letzten Genlokus diskutiert, sondern praxisrelevante Aspekte behandelt werden.

Wie sieht es mit der Schmerztherapie in Österreich im internationalen Vergleich aus?

Kress: Wir liegen durchaus im guten Mittelfeld mit einer deutlichen Tendenz nach oben! Die Tatsache, dass sowohl die Pharma- und Geräteindustrie Fortbildung anbieten, als auch die ÖSG über Kongresse und Printmedien Information weitergibt, scheint zu fruchten. Allerdings mangelt es nach wie vor an strukturellen Verbesserungen: So existiert kein anerkannter und als solcher erkennbarer "Schmerzexperte" im Sinne eines Zusatzfaches. Generell könnten wir mit Leichtigkeit in der Qualität des Schmerzmanagements besser werden, wenn von den Möglichkeiten der modernen Schmerztherapie, wie etwa einer "spinal-cord"-Stimulation, früher Gebrauch gemacht wird. 

Halten die "neuen Konzepte", etwa COX-2-Hemmung oder Cannabinoide, was sie versprechen? 

Kress: Die Entwicklung der COX-2-Inhibitoren ist eindeutig als Fortschritt zu werten. Realistisch betrachtet haben die Präparate weniger Nebenwirkungen im Bereich des Gastrointestinaltraktes und beeinflussen die Gerinnungsfähigkeit des Blutes nicht. Mehr kann man sich allerdings von dieser Gruppe nicht erwarten.
Bei den Cannabinoiden gibt es sehr viel versprechende Ansätze. Allerdings stehen wir hier noch am Anfang. Viele in der Natur vorkommende und auch synthetisch hergestellte Cannabinoide müssen erst systematisiert werden. In Wien vergleichen wir weltweit erstmals die Wirkung des Gesamtextraktes der Pflanze, die aus über 60 Wirkstoffen besteht, mit dem reinen THC. Diese Studie wird öffentlich vom "Fonds soziales Wien" gefördert. Ein wichtiger Effekt der Cannabinoide könnte etwa in der Neuroprotektion nach zerebralen Insulten oder Unfällen liegen. Wir halten hier ein wahrscheinlich gigantisches Potenzial in Händen, das wir allerdings noch wachküssen müssen. 

Welche Ziele verfolgt die Österreichische Schmerzgesellschaft?

Kress: Als langfristige Ziele haben wir uns die Qualitätssicherung und damit die Verbesserung der Versorgung von Schmerzpatienten gesetzt. Öffentlichkeitsarbeit, um auf die Probleme chronisch schmerzkranker Personen hinzuweisen, sowie Werbung für Geld- und Ressourcenbereitstellung sind wesentliche Aspekte unserer Arbeit. Wir veranstalten Aktionen und Pressekonferenzen, momentan findet landesweit eine "Schmerzwoche" statt. Wir wollen Österreich auf eine weltweite Spitzenposition bringen, die Förderung wissenschaftlicher Arbeit und des Nachwuchses ist uns daher ein großes Anliegen. 

Zudem wollen wir die Zusatzqualifikation des "Schmerztherapeuten" etablieren. Wobei wir selbstverständlich niemandem das Recht absprechen, Schmerztherapie durchzuführen - dies ist für alle Ärzte eine der vordringlichsten Aufgaben. Allerdings wollen wir einen Spezialisten zur Seite stellen, der in Kooperation mit dem zuweisenden Kollegen den Patienten die bestmögliche Behandlung ermöglichen kann. Und sich an einen Spezialisten zu wenden, ist schließlich auch keine Schande. Außerdem erarbeiten wir ein entsprechendes Ärztekammerdiplom für Allgemeinmediziner.

Welche persönlichen Ziele haben Sie sich als Präsident der Gesellschaft gesetzt?

Kress: Neben bereits erreichten Zielen, wie eine gute Öffentlichkeitsarbeit über Aktionen, die Österreichische Schmerzwoche oder unser Printmedium, den "Österreichischen Schmerznachrichten", kommt für mich der Erstellung von Richtlinien und Konsensuspapieren eine große Bedeutung zu. Bislang gibt es derartige Papiere für Neuromodulation, Spinal-cord-Stimulation, Opioide und Opioide im Straßenverkehr. Diesen Weg der Qualitätssicherung gehen wir als erste europäische Gesellschaft.

Welche Wünsche haben Sie an die Allgemeinmediziner in Bezug auf das Schmerzmanagement?

Kress: Ich wünsche mir, dass die Kollegen vermehrt an unseren Fort- und Weiterbildungen teilnehmen. Wir suchen die Kooperation, es soll keine Konkurrenzsituation durch die Etablierung von Fachzentren entstehen. 

Wie ist der soziale Stellenwert von Schmerzpatienten einzustufen?

Kress: Jeder Patient sollte mit seinem Schmerz ernst genommen werden. Von behandelnden Ärzten, als auch von der Gesellschaft. Es darf nicht zu einer Ausgrenzung von Menschen mit Schmerzen kommen. Auf der anderen Seite ist die missbräuchliche Verwendung von Schmerzleiden für Frühpensionswünsche kontraproduktiv. Unser Ziel soll es schließlich nicht sein, ein Heer von Frühinvaliden zu schaffen, sondern den Betroffenen einen Platz in der Gesellschaft und einen Platz in der Arbeitswelt zu schaffen!

Was ist in Zukunft auf dem Gebiet der Schmerzforschung zu erwarten?

Kress: Wir dürfen nicht auf die "Wunderpille gegen den Schmerz" warten. Die wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Wir müssen aber konsequent jene Methoden einsetzen, die wir ohnehin schon haben. Diese Methoden sind äußerst effektiv, jedoch viel zu wenig bekannt. Tausenden von Schmerzpatienten kann geholfen werden, wenn sie nur an die entsprechenden Kompetenzstellen kommen. Wenn wir das schaffen, haben wir schon viel erreicht! 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben