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5. August 2005

Psychopharmaka auch als Schmerzmittel

"Niedrigdosierte Psychopharmaka spielen bei der Therapie chronischer Schmerzsyndrome eine wichtige Rolle", so Prim. Dr. Dieter Volc, Neurologische Abteilung, Confraternität-Privatklinik Josefstadt. Bei der Entstehung der Schmerzkrankheit kommt der "Schaltzentrale" Thalamus eine bedeutende Rolle zu. Über den Tractus spinothalamicus lateralis werden Schmerzinformationen zum Thalamus geleitet, Kollateralen erreichen auch das Arousal-System der Formatio reticularis.

Volc: "Afferenzen können also retikuläre Reize setzen, lange bevor sie bewusst werden. Im Thalamus selbst entscheidet sich, ob die Informationen an das Großhirn weiter geleitet werden. Zuvor aber durchläuft die Information noch das limbische System." Es sei davon auszugehen, dass es bei chronischen Schmerzen zu einer Überforderung des Systems und einem Herabsetzen der Schmerzschwelle kommt.

"Durch eine Beeinflussung des Serotonin-Haushalts kann die Schwelle wieder angehoben werden", so der Experte. Er empfiehlt die Gabe von Amitryptilin (Saroten®) 10-25 mg/Tag in Kombination mit Levomepromazin (Nocinan®-Tropfen, viermal täglich 2 bis 5 Tropfen). Zusätzlich können durchaus auch selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer gegeben werden.

Kombinationstherapie heute gut belegt

Volc: "Die Opiattherapie hat zweifellos ihre Berechtigung, man sollte dabei aber die Antidepressiva nicht in Vergessenheit geraten lassen." Die Behandlung der Schmerzkrankheit mittels Antidepressiva war ursprünglich Erfahrungsmedizin. "Heute ist diese Strategie gängige Praxis und gilt als recht gut belegt", so Volc. Die Tatsache, dass Antidepressiva als Schmerzmittel eingesetzt werden, könne zu Problemen bei der Compliance führen, da viele Patienten "Psycho-Pillen" ablehnen.
"Wichtigst daher, dem Patienten die Zusammenhänge in groben Zügen zu erklären und darauf hinzuweisen, dass das Mittel einfach mehr kann", betont der Experte.

Neuroleptika als Option

Auch niederpotente Neuroleptika wie Haloperidol eignen sich für die Schmerztherapie. "Generell gilt, dass Substanzen mit schlechter Tauglichkeit für die Behandlung der Schizophrenie für die Schmerzbekämpfung gut geeignet sind", erklärt Volc. Als zusätzliche Medikation bei hohem Muskeltonus kann man nicht-kardioselektive, lipophile Betablocker wie Oxprenolol (Trasicor®) und Propranolol (Inderal®) geben.

Auch bei der Fibromyalgie komme der Einsatz von Antidepressiva in Frage. Volc: "Ich bin mir aber eigentlich gar nicht sicher, ob es die Fibromyalgie wirklich gibt. Konservative Orthopäden stellen bei "Fibromyalgie-Patienten" oft andere Diagnosen." Generell sei er davon überzeugt, dass bei chronischen Beschwerden im Bereich des Bewegungsapparates eine ganzheitliche Betrachtungsweise im Grenzgebiet von Orthopädie und Neuropsychiatrie sowie die "gezielte Polypragmasie" sehr wichtig sind.

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