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5. August 2005

Phantomschmerzen und "Repetetive Strain Injury"

Phantomschmerzen - d.h. Schmerzen in einer nicht mehr vorhandenen Extremität - stellen nicht nur für den betroffenen Patienten eine höchst merkwürdige Situation dar. Auch die medizinische Forschung ist an diesem Phänomen höchst interessiert. Schmerzzustände ohne begleitende Gewebepathologie werden als pathologische Schmerzen bezeichnet. Dazu zählen eben Phantomschmerzen, aber auch andere Schmerzformen wie die "Repetitive Strain Injury" (RSI).

Wie es zu solchen Zuständen kommen könnte, wurde vom neuseeländischen Forscher John Harris, Univ. Otago, untersucht, dessen im Lancet (1999; 354: 1464) veröffentlichter Hypothese zunehmend Beachtung geschenkt wird. Ausgangspunkt seiner Theorie war die Beobachtung, dass das menschliche Gehirn diskordante sensorische Informationen mit einem spürbar unangenehmen Warnsignal mitteilt.

Beispiel Reisekrankheit

Ein klassisches Beispiel dafür liegt bei der Reisekrankheit vor, wenn die visuell wahrgenommene Information nicht mit dem Gleichgewichtssinn oder dem Sinn für die Körperlage übereinstimmt. In diesem Fall verspürt der Betroffene Übelkeit. Zu ähnlichen Effekten kann es aber auch kommen, wenn Rückmeldungen über Gelenksstellungen oder sonstige peripher sensible Eindrücke nicht mit Meldungen aus dem Zentrum für Bewegungsplanung übereinstimmen. In diesem Fall verspürt der Betroffene z.B. einen zentralen pathologischen Schmerz.

Harris: "Die Bewegung einer Hand beginnt mit der motorischen Intention - also einem Befehl. Normalerweise erfolgt über die Propriozeption und visuelle Wahrnehmung eine Rückmeldung an diese Zentren über die erfolgreiche Exekution des Befehls." Im Fall einer amputierten Gliedmaße werden diese Informationen diskordant. Mit der Zeit nimmt die Phantomhand - in der Wahrnehmung des Gehirns - eine übermäßig gebeugte Haltung ein, die mit krampfartigen Schmerzen einhergeht. Wenn diesen Patienten mit Spiegeln die gesunde Hand auf die fehlende Seite projiziert wird, und die Patienten dann aufgefordert werden, beide Hände zu bewegen und die verkrampfte Gliedmaße zu entspannen, führt die visuelle Rückmeldung der virtuellen Handbewegung zu einer erstaunlichen Erleichterung der pathologischen Schmerzen.

Ähnliche Konstellation: Repetitive Strain Injury

Ein ähnlicher Fall liegt bei der RSI, bei Schreib- oder Musikerkrämpfen vor. Auslösend sind feinmotorische Bewegungen der Finger oder Hände, die so fein sind, dass sie ohne wesentliche Änderung der Gelenksstellung - also propriozeptive oder visuelle Rückmeldung - ablaufen. Gleichzeitig kommt es, wie in Experimenten nachgewiesen wurde, durch das ständige sensible Training zu einer Ausweitung der sensiblen kortikalen Areale und zu einem Überfließen in Nachbarareale. Auch dieses "Ineinanderfließen" verschiedener kortikaler Repräsentationsareale kann zu einer Informationsdiskordanz und damit zum Schmerz beitragen.

Funktionelle Studien

Laut Harris ist ein Zentrum im dorsolateralen präfrontalen Kortex für die Überwachung der Informationskonkordanz verantwortlich. Funktionelle MRI-Studien konnten diese Annahme untermauern, da dieses Areal immer dann aktiviert war, wenn das Gehirn mit diskordanten Bewegungsinformationen konfrontiert war.

Als Prophylaxe gegen RSI oder ähnliche Schmerzzustände rät Harris gefährdeten Personen (Stenotypistinnen, Musikern etc.), die Finger und Hände in täglichen Übungen asynchron in weiten Kreisen zu bewegen und feinmotorische Bewegungen nur unter visueller Kontrolle durchzuführen. Bei Phantomschmerzen sollten Spiegel zur Bewegung virtueller Gliedmaßen oder bei Schmerzen in paretischen Extremitäten Bewegungsrestriktionen im Rahmen der Rehabilitation eingesetzt werden.

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