zur Navigation zum Inhalt
 
5. August 2005

Schmerzlinderung geht unter die Haut

Insbesondere für Patienten mit starken Schmerzen, die keine orale Medikation einnehmen können, stellt der transdermale Applikationsweg eine ausgezeichnete nicht invasive Option dar, einen gleichbleibenden Plasmaspiegel an Opioiden aufrechtzuerhalten. Zur Zeit ist Fentanyl als Durogesic®-Depotpflaster das einzige am Markt erhältliche transdermale Opioid.

Fentanyl-Depotpflaster

Dieses Applikationssystem (vergleichbar jenem von Nitroglycerin) besteht aus einem Reservoir mit Fentanyl und Alkohol, wobei die Fentanyl-Menge für drei Behandlungstage reicht. Das Wirkstoffreservoir ist durch eine permeable Membran, welche die Freisetzung des Opioids kontrolliert, von der Haut getrennt. Eine Fentanyl-gesättigte Adhäsionsschicht sorgt für die feste Haftung an der Haut und setzt unmittelbar nach dem Aufkleben des Depotpflasters einen Wirkstoffbolus frei. Im Anschluss daran erfolgt die Freisetzung in konstanten Mengen. Nach dem Aufbringen des Depotpflasters entsteht durch das in das Unterhautfettgewebe eindringende Fentanyl ein Wirkstoff-Depot. Nach etwa zwölf Stunden wird ein Steady-state der Plasmakonzentration des Opioids erreicht, welches für insgesamt 72 Stunden hält. Entsprechende Depotpflaster sind in Dosierungen zu 25, 50, 75 und 100 µg/h erhältlich. Wenn höhere Opioid-Tagesdosen benötigt werden, können mehrere Depotpflaster geklebt werden. Die Bioverfügbarkeit von transdermalem Fentanyl beträgt rund 90 Prozent.

Für den Kliniker sind mehrere pharmakokinetische Eigenschaften des transdermalen Fentanyl von Bedeutung. Die Arzneimittel-Permeation kann zwischen den einzelnen Patienten Unterschiede zwischen 46 und 66 Prozent ausmachen. Bei ein und demselben Patienten kann die Penetration des Wirkstoffes in Abhängigkeit von der Lokalisation auf der Haut um 20 bis 40 Prozent schwanken. Nichtsdestotrotz weisen die Hautstellen im Bereich von Abdomen, Thorax, Arm und Oberschenkel adäquate Permeabilitätskoeffizienten auf. Große körperliche Aktivität oder Erhöhung der Körpertemperatur durch Fieber oder ein heißes Bad verstärken den Blutfluss in der Haut und somit auch die Diffusion des Wirkstoffes in die systemische Zirkulation. Obwohl die terminale Eliminations-Halbwertszeit eines intravenösen Bolus von Fentanyl zwei bis vier Stunden beträgt, scheint die Halbwertszeit des Fentanyl für die Freisetzung aus seinem subkutanen Depot bei 14 bis 25 Stunden zu liegen.

Klinische Konsequenzen

Diese pharmakologischen Eigenschaften besitzen zwei klinische Konsequenzen: 1) durch die langsame Depotbildung und den entsprechend langsamen Anstieg der Wirkstoffkonzentration im Plasma können akute Schmerzen durch das Depotpflaster nicht rasch beeinflusst werden; 2) durch die verzögerte Elimination des Wirkstoffes nach Entfernung des Depotpflasters können Opioid-assoziierte unerwünschte Nebenwirkungen noch über viele Stunden anhalten. Wenn aufgrund schwerer Nebenwirkungen Naloxon verabreicht wird, muss dieses Antidot mehrmals appliziert werden. Transdermales Fentanyl ist somit am besten für Patienten mit stabilen chronischen Schmerzen geeignet, bei denen bereits festgestellt wurde, dass sie eine kontinuierliche Schmerztherapie über 24 Stunden benötigen.

Unerwünschte Nebenwirkungen treten bei der Anwendung des Fentanyl-Depotpflasters selten auf und sind in der Regel leicht und einfach zu behandeln. An der Applikationsstelle kann es zu Hautreizungen kommen, sehr selten zu einer Kontaktdermatitis. Dieses Problem lässt sich umgehen, indem die Klebestellen regelmäßig gewechselt werden. Typische Opioid-assoziierte Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Obstipation, Somnolenz, Verwirrung und Atemdepression wurden zwar bei der Anwendung des Depotpflasters beobachtet, treten jedoch mit Ausnahme der Obstipation sehr selten auf.

Karzinompatienten mit konstanten Schmerzzuständen sprechen sehr gut auf diese Form der Schmerztherapie an. Für den Fall von "akuten Schmerzattacken" sollte chronischen Schmerzpatienten jedoch zusätzlich ein rasch wirksames orales Morphinderivat verordnet werden. Wenn die Patienten keine Tabletten schlucken können, ist es möglich, rasch wirksame Opioide zu verschreiben, die entweder über die Mundschleimhaut oder rektal absorbiert werden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben