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5. August 2005

Die Hypnose als Schmerztherapie

Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt sich der Wiener Allgemeinmediziner OMR Dr. Heinrich Wallnöfer mit Hypnose. Die ÄRZTE WOCHE besuchte ihn in seiner Ordination im 19. Wiener Gemeindebezirk, nicht weit von der Paradisgasse entfernt. Die Gasse ist nach der Komponistin Maria Theresia Paradis benannt, die eine Patientin des Hypnose-Pioniers Franz Anton Mesmer war.

Wie sind Sie zur Hypnose gekommen?

WALLNÖFER: Ich habe nach dem 2. Weltkrieg lange auf einer Herzstation gearbeitet und dort die Bedeutung, die psychische Faktoren in der Medizin haben, kennen gelernt. Damals war ich auch im Bereich der "medizinischen Volksaufklärung" tätig und habe mich wegen eines Interviews an Prof. Schultz, den Begründer des autogenen Trainings, gewandt. So bin ich zum autogenen Training - das man ja auch als Selbsthypnose bezeichnen kann - und zur Hypnose gekommen. Die beiden Techniken stellen für mich die zwei Basis-Psychotherapien dar. Frau Prof. Walter vom Wiener AKH nennt die Hypnose unsere ureigenste Therapieform. Ich finde es daher schade, dass diese Techniken aus dem Bereich der Medizin ziemlich verschwunden sind. Hypnose ist leicht zu erlernen, und man kann mit ihr schöne Erfolge erzielen.

Wie wird aus medizinischer Sicht Hypnose definiert?

WALLNÖFER: Generell ist Hypnose ein vielseitig gebrauchtes Wort. Auf jeden Fall geht es um die Einschränkung, das Absenken des Bewusstseins und das Hineinführen in einen veränderten Bewusstseinszustand. In diesem Bewusstseinszustand kann etwa der Schmerz ausgeschaltet werden. Während des hypnotischen Zustands kommt es zu Veränderungen zahlreicher biologischer Parameter, zum Beispiel des Hautwiderstands, der Reflexbereitschaft, des EEG oder der Kortisonausschüttung.

Ist jeder Mensch hypnotisierbar?

WALLNÖFER: Laut dem Neurologen Oskar Vogt ist jeder hypnotisierbar. Ich glaube aber nicht, dass es sinnvoll ist, 700 Versuche zu unternehmen, so wie Vogt es getan hat. Im Allgemeinen heißt es in der Literatur, dass fünf bis zehn Prozent gänzlich refraktär sind. Willensstarke Menschen sind jedenfalls leichter zu hypnotisieren als willensschwache. Übrigens können auch Bären, Löwen oder Krokodile hypnotisiert werden.

Was ist zum Thema Schmerztherapie und Hypnose zu sagen?

WALLNÖFER: Die Technik ist ganz leicht zu erlernen. Eingeleitet wird die Hypnose mit der Fixierungsmethode (der Patient fixiert einen Bleistift oder die Hand), dann wird mit gezielten Suggestionen gearbeitet. Wichtig ist auch die Ablationsmethode nach Klumbies und Kleinsorge. Dabei übergebe ich dem Patienten ein farbiges geometrisches Bild zur Hypnoseeinleitung. Beim Auftreten von Schmerzen oder vor einem zahnärztlichen Eingriff kann sich der Patient dann selbst helfen, indem er die Farbtafel betrachtet. Auch eine besprochene Kassette oder CD bzw. die Kombination von Kopfhörern und Farbkärtchen kommen in Frage.

Kann dem Patienten so die Angst vorm Zahnarzt genommen werden?

WALLNÖFER: In den letzten Jahren ist die Hypnose bei Zahnärzten auf zunehmendes Interesse gestoßen. Allerdings hat es bereits in den 60er- und 70er- Jahren etliche Zahnmediziner gegeben, die ihre Patienten hypnotisiert haben. In einer Praxis wurde die Hypnose bereits im Wartezimmer durch ein entsprechendes Bild eingeleitet.

Aber auch bei anderen kleineren Operationen oder in der Geburtshilfe ist der Einsatz der Hypnose möglich. Für den ärztlichen Alltag kann es auch sehr praktisch sein, ein Mittel gegen die Angst von Patienten vor der Spritze zu haben. Weitere Indikationen sind etwa Menstruationsbeschwerden, Torticollis spasticus oder zervikale Kopfschmerzen. Generell kann die Hypnose durchaus eine Alternative zur Gabe von Schmerzmitteln sein oder zumindest die Zahl der benötigten Tabletten reduzieren.

Es kommt freilich vor, dass Patienten ihr Symptom nicht "hergeben" wollen. Dies kann zu einem Misserfolg der Behandlung führen. Leider gibt es auch nach wie vor nicht wenige Ärzte, die die Hypnose ablehnen. Man muss damit rechnen, dass sie sich auch gegenüber Patienten, denen wir die Schmerzen genommen haben, negativ über Hypnose äußern und ihnen von dieser Form der Behandlung abraten.

Was ist Ihnen im Bereich der Ausbildung besonders wichtig?

WALLNÖFER: Zunächst möchte ich betonen, dass für den einfachen Gebrauch der Hypnose zur Schmerzausschaltung - im Unterschied zur Hypnose als Psychotherapie - keine langjährige Ausbildung nötig ist. Man muss ja auch nicht Facharzt für Chirurgie sein, um einen Abszess zu öffnen oder eine Wunde fachgerecht zu verbinden.

In meinen Kursen versuche ich, den KollegInnen neben einer genauen Einführung in bewährte Einleitungs- und Vertiefungsverfahren sowie das exakte Wecken ein möglichst breites Spektrum von Hypnosetechniken anzubieten. Sie sollen nicht die Hypnoseform einer bestimmten Schule erlernen, sondern für sich selbst eine physiologisch und tiefenpsychologisch fundierte Hypnosetechnik erarbeiten, die ihrem persönlichen therapeutischen Stil angepasst ist. Für sehr wichtig halte ich auch eine entsprechende Supervision.

Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 9/2001

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