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5. August 2005

Neue Schmerzskalen für Kinder

Schmerzen werden laut Experten bei Kindern oft ignoriert oder mangelhaft behandelt. Wichtig wäre aber vor allem, auch in diesem Alter das Vorhandensein beziehungsweise die Intensität von Beschwerden zu messen.

Das kann auch die Qualität der Schmerzbehandlung steigern, betonte der deutsche Experte Dr. Boris Zernikow, Leiter des Instituts für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin, Universität Witten/Herdecke, bei der 37. Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer.

Schmerzskalen mit Comicfiguren

Weinen, Gesichtsausdruck, Verspannungen, Tränen können als objektive Hinweise für Leiden dienen. Neue Schmerzskalen gehen beispielsweise von Comic-Darstellungen von Kindergesichtern aus. So können Krankenschwestern und Ärzte genau feststellen, wie stark die Beschwerden beziehungsweise wie gut eine Behandlung ist. Bei starken Schmerzen von Kindern werden in der Medizin oft zu schwache Mittel verwendet: „Eine ganz komische Sache in der Schmerztherapie in der Pädiatrie ist, dass man zunächst Paracetamol gibt. Wenn das nicht ausreicht, gibt man mehr Paracetamol. So kommt man erst am fünften oder sechsten Tag zum schmerzreduzierenden Morphin“, sagte Zernikow. Bei der Morphin-Schmerztherapie, wie beispielsweise bei Kindern mit Knochenkrebs, kommt es darauf an, sowohl mit lang wirksamen Präparaten zu behandeln als auch Schmerzspitzen durch einen zusätzlichen Morphin-Saft zu kupieren.
Ein weiteres Problem in der Schmerzbehandlung bei Kindern ist die Mittelohrentzündung. Zernikow berichtete: „42 Prozent der Kinder mit Otitis media haben starke, 40 Prozent mittelstarke Schmerzen. Ein Kind mit Mittelohrentzündung gibt zumeist stärkere Schmerzen an, als beispielsweise krebskranke Kinder.“ Hier gehört zu einer allfälligen Antibiotika-Behandlung immer auch eine analgetische Behandlung. Diese sollte vor allem auf dem nichtsteroidalem Antirheumatikum Ibuprofen aufbauen.
An Häufigkeit zugenommen hat offenbar auch die Migräne bei Kindern. Zernikow berichtete: „In Deutschland hat die selbe Wissenschaftergruppe im Jahr 1974 einen Anteil der Migräne-Betroffenen von zwei Prozent und im Jahr 2001 einen von sechs Prozent erhoben.“ Das bedeutet einen Zuwachs an Betroffenen um über 300 Prozent. Die Auswirkungen dieses „primären“ Kopfschmerzes haben einen entscheidenden Einfluss auf das Lernverhalten sowie die Schulanwesenheit der Kinder. Zehn Prozent der betroffenen Kinder versäumen mehr als fünf Prozent der Schulstunden, ein Prozent sogar mehr als 20 Prozent der Schulstunden.

Kopfschmerz-Tagebücher

Charakteristisch für Migräne bei Kindern ist vor allem eine kürzere Dauer der Attacken als bei Erwachsenen, sie dauern etwa 1,5 Stunden. Die wichtigsten Gegenmaßnahmen: Reizabschirmung, bei Übelkeit das Mittel Domperidon und schließlich am ehesten das Analgetikum Ibuprofen. Erst dann kommen die modernen spezifischen Migräne-Mittel wie Triptane in Frage. Doch das ist längst nicht alles: Das Führen von Kopfschmerz-Tagebüchern, Entspannungstraining und eventuell sogar eine medikamentöse Prophylaxe können helfen, das Problem besser in den Griff zu bekommen. Je intensiver ein Kind über seine Erkrankung aufgeklärt ist und je eigenständiger es, zusammen mit einem möglichst verständnisvollem Verhalten der Eltern, auf die Attacken reagieren kann, desto weniger Schmerzen wird es im Endeffekt subjektiv erleiden.

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