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15. Juli 2005

Ernährungstherapie fristet „Mauerblümchendasein“

Die günstige Auswirkung von gesunder Ernährung auf bestimmte Krankheiten sowie die positiven Effekte von Nahrungsergänzungsmitteln werden in vielen Studien eindeutig belegt.

Essen und Trinken gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Aber über die bloße Befriedigung dieser Grundbedürfnisse hinaus haben sich Menschen schon immer die Frage gestellt, welche Nahrungsmittel für eine gesunde und bekömmliche Ernährung sowie für eine günstige Beeinflussung von Krankheitsbildern geeignet sind. Die moderne Ernährungstherapie fristet vielerorts noch immer ein „Mauerblümchen-Dasein“, obwohl viele Patienten im ambulanten wie auch im stationären Bereich von einer Optimierung ihrer Zufuhr an Makro- und Mikronährstoffen profitieren würden.

Chronisch obstruktive Bronchitis

Übergewicht und Untergewicht beeinflussen das Beschwerdebild und die Prognose von Patienten mit chronisch obstruktiver Bronchitis (COPD). Etwa 25 Prozent der Patienten mit mittelschwerer oder schwerer COPD zeigen eine Reduktion des Body Mass-Index (BMI) und der fettfreien Masse. Die fettfreie Masse kann jedoch auch bei normalgewichtigen Patienten erniedrigt sein. Eine Mangelernährung beeinträchtigt die Prognose von Patienten unabhängig vom Schweregrad ihrer COPD. Das Untergewicht korreliert dabei mit Muskelschwäche, eingeschränkter Belastbarkeit und verminderter Lebensqualität.

Die Ursache der Kachexie bei chronisch respiratorischer Insuffizienz ist multifaktoriell. Neben Gewebshypoxie, Alter und körperlicher Aktivität spielen Faktoren wie Hypermetabolismus, Appetitlosigkeit, chronisch entzündliche Prozesse sowie Pharmaka eine wichtige Rolle. Bei Patienten mit einem Emphysem kommt es aufgrund der gesteigerten Atemmuskelarbeit zu einem erhöhten Stoffwechselumsatz. Die katabole Stoffwechsellage wird als Hauptursache der Kachexie-Entwicklung bei chronischen Lungenerkrankungen angesehen. Hochkalorische Nahrungszufuhr verbessert nachweislich die Prognose und die Symptomatik. Sollten die Patienten infolge Atemnot zu geringe Nahrungsmengen aufnehmen, sind kleine, häufige Mahlzeiten zu empfehlen. Bei Verlust an Muskelkraft durch Untergewicht kann die Atemmuskelkraft durch eine erhöhte Kalorienzufuhr in Verbindung mit gezieltem körperlichem Training verbessert werden. Bei übergewichtigen Patienten führt eine Gewichtsreduktion zu einer Abnahme des Energiebedarfs bei körperlicher Belastung und damit zu einer leichteren Bewältigung der Alltagsaktivitäten. Diäten zur Gewichtsreduktion können mit einer Reduktion der Kalorienaufnahme auf 1.200 bis 1.500 kcal/d erfolgreich durchgeführt werden.

Bei ausgewogener und vollwertiger Ernährung ist bei COPD-Patienten der Zusatz von Vitaminen und Mineralstoffen nicht erforderlich. Eine besondere Situation ergibt sich jedoch bezüglich so genannter „Radikalfänger“ wie N-Acetylcystein oder bei Vorliegen einer Osteoporose. Da es sich bei COPD um einen oxidativen Schaden handelt, sollte eine antioxidative Ernährung das Krankheitsbild günstig beeinflussen. Zahlreiche Studien konnten für N-Acetylcystein und für Vitamin C einen positiven Effekt zeigen. Ein Vitamin C-Mangel hingegen führt zu einer weiteren Verschlechterung der Lungenfunktion. Theoretisch müsste sich auch Vitamin E als günstig erweisen. Die Schwierigkeit des Erfolgsnachweises liegt unter anderem an der negativen Überlagerung durch Nikotinkonsum. Langzeiteffekte zeigt auch die Ernährungsumstellung auf einen erhöhten Anteil von frischem Obst.

Ines Drewe, Ernährungswissenschaftlerin der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik (DGEM): „Die Gesellschaft für Ernährungsmedizin empfiehlt COPD-Patienten eine energie- und eiweißreiche Ernährung. Spezielle Trinknahrungen aus der Apotheke mit hohem Omega-3-Fettsäure-Anteil und antioxidativen Substanzen und Vitaminen helfen den erhöhten Bedarf zu decken. Omega-3-Fettsäuren sind auch in Rapsöl, fetten Seefischen und einigen grünen Blattgemüsen. Die Zufuhr von Kohlenhydraten sollte wegen der vermehrten CO2-Produktion 45 bis 55 Prozent der Gesamtkalorienmenge nicht überschreiten.“

Günstiger Effekt von Alkohol

In der MORGEN-Studie, an der zwischen 1994 und 1997 über 13.600 Frauen und Männer teilnahmen, zeigte der Verzehr von Obst, Vollkornprodukten und der mäßige Genuss von Alkohol einen günstigen Effekt auf die Lungenfunktion und die Symptome der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung.

Asthma bronchiale

Beim Asthma bronchiale konnte ein positiver Zusammenhang mit vitaminreicher Ernährung wie Äpfeln festgestellt werden. In der Nurses Health Study zeigten Tomatensaft und Tomatensoße günstige Wirkungen auf das asthmatische Beschwerdebild. In einer Studie von Forastiere konnte ein Benefit für asthmakranke Kinder durch den Genuss von Salat, Zitrusfrüchten und Gemüse wie beispielsweise Sommertomaten beobachtet werden. Bei allergischer Rhinitis wurde beim Genuss von Milch ein protektiver Effekt bemerkt. Rund 90 Prozent der Lungenkarzinome entstehen durch Rauchen. Laut Peter Lange, Kopenhagen, zeigen über 30 Studien eine vom Zigarettenkonsum unabhängige Risikoreduktion von 25 bis 30 Prozent durch Obst und Gemüse. Fett erhöht hingegen das Krebsrisiko. Alkohol erhöht das Risiko ebenfalls, dies mag aber mit dem gleichzeitig gesteigerten Nikotinkonsum zusammenhängen. Raucher sollten keine Beta-Karotin-Supplemente nehmen, da diese Nahrungsergänzungen möglicherweise ihr Krebsrisiko weiter erhöhen.

Prävention durch Mikronährstoffe

Tumorpatienten haben einen erhöhten Bedarf an essentiellen Mikronährstoffen, der durch eine gesunde, vollwertige Kost nur schwer zu decken ist. Besonders hoch ist der Bedarf an Mikronährstoffen bei einer Strahlen- und Chemotherapie. Ein Mangel an Mikronährstoffen bewirkt eine verminderte Toleranz gegenüber aggressiven Behandlungsformen. Andererseits wurde in epidemiologischen Studien nachgewiesen, dass eine ausgewogene Ernährung und die gezielte Substitution bestimmter Vitamine und Spurenelemente die Infektanfälligkeit und Krebsmortalität deutlich senken. Die Prävention von Krebserkrankungen durch Mikronährstoffe erfolgt auf vielfältige Weise. Durch Radikalfänger kommt es zu einer Inaktivierung von kanzerogenen Stoffen, weiters wird eine Aufnahme von kanzerogenen Stoffen in die Zelle verhindert und somit wird auch die Anbindung von krebserregenden Verbindungen an die DNA gehemmt. Gesunde Ernährung hat auch auf das Immunsystem antiinflammatorische Effekte. Der Verzehr von rohem Fisch scheint das Lungenkrebsrisiko zu senken, wie japanische Studien zeigen. Einen positiven Einfluss besitzen außerdem noch rohes und grünes Gemüse, Früchte und Milch.

Karotten, Kürbis, Eier und Kaffee scheinen das Krebsrisiko hingegen zu erhöhen. Raucher benötigen dreimal soviel Vitamin C wie Nichtraucher, am besten in Form von Rohkost. Zusätzlich sollten Raucher täglich zwei Tomaten verzehren. Etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung leidet an chronischer Herzinsufizienz (CHI). Eine kardiale Kachexie liegt nach der DGEM-Leitlinie vor, wenn Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz im Vergleich zum prämorbiden Normalgewicht einen Gewichtsverlust von über 7,5 Prozent in Abwesenheit von stauungsbedingten Ödemen aufweisen.

Die Prävalenz der kardialen Kachexie mit generalisierter Muskelatrophie an den Extremitäten und deutlicher Fettmassenabnahme beträgt etwa 15 Prozent. CHI-Patienten mit einer kardialen Kachexie haben eine zwei- bis dreimal höhere Sterblichkeit im Vergleich zu Patienten mit CHI ohne Gewichtsverlust. Supportive ernährungsmedizinische Interventionen verringern die Komplikationsrate, die Krankenhausverweildauer und die Sterblichkeit. Bei der Ernährungsplanung ist zusätzlich zu berücksichtigen, dass Betablocker antikatabole Effekte haben. Das Fettverteilungsmuster bestimmt das individuelle metabolische Risiko besser als die Gesamtkörperfettmasse. Es besteht eine positive Korrelation zwischen viszeraler Fettmasse und Insulinresistenz, metabolischem Syndrom, koronarer Herzkrankheit und hepatischer Glukoseproduktion.

HIV-Infektion und AIDS

Klinische Untersuchungen, vorzugsweise aus angloamerikanischen Ländern, zeigen, dass die chronische HIV-Infektion als konsumierende Erkrankung einen erhöhten Bedarf an Makro- und Mikronährstoffen aufweist. Bei Mangelernährung droht das Wasting Syndrom. Eine adäquate Zufuhr von Vitaminen und Spurenelementen, die in akuten Erkrankungsphasen, bei opportunistischen Komplikationen und bei hoher Viral Load durch eine gesunde, vollwertige Ernährung nicht erreicht werden kann, unterstützt nicht nur wichtige Organfunktionen und den Aufbau des Immunsystems, sondern verbessert auch die Verträglichkeit der antiretroviralen Kombinationstherapie.

Dr. Wolfgang Steflitsch, Ärzte Woche 5/2004

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